Schorndorf

Rein in den Job: Eine Erfolgsgeschichte

Fokus Beruf Schorndorf
Vier auf einem guten Weg: Viki Tseanko, David Vajda und Jan Meier mit Berufseinstiegsbegleiterin Daniela Fritz. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Raus aus der Schule, rein in den Beruf: An dieser Schwelle drohen viele zu straucheln. Damit die jungen Leute sich nicht in die Irre manövrieren, hat die Gemeinschaftsschule Rainbrunnen in Schorndorf ein sagenhaft engmaschiges Berufsorientierungskonzept gestrickt.

Im Video: Berufseinstiegsbegleitung an der Gemeinschaftsschule Rainbrunnen in Schorndorf, Daniela Fritz, Berufeinstiegsbegleiterin erzählt wie Sie die Schüler begleitet.

„Das war das Problem“, sagt David Vajda: „dass ich nicht wusste, was ich machen wollte.“ Es sollte was „mit Menschen“ sein, so viel war klar. „Selber wäre ich nicht drauf gekommen, dass ich in der Gastronomie arbeiten möchte.“ Im Lauf der Schulzeit aber verzog sich der Nebel, und nach „15 Bewerbungen hat es geklappt“: Er lernt jetzt Hotelfachmann in Schwäbisch Gmünd. Vajda ist einer von 160 jungen Menschen, die seit 2009 das Intensivprogramm „Berufseinstiegsbegleitung“ an der Rainbrunnenschule durchlaufen haben. Die Erfolgsgeschichte dieses Projektes begann mit einer ehrlichen Einsicht.

Viele wissen doch überhaupt nicht, was sie wollen

Das kann doch nicht alles sein, dachte Schulleiter Dieter Leins, dass wir den jungen Leuten nach ein paar Jahren ein Abschlusszeugnis in die Hand drücken und sagen: Nun mach mal was draus. Viele wissen doch überhaupt nicht, was sie wollen, was sie können.

Wenn wir unseren Schützlingen ins Arbeitsleben helfen wollen, müssen wir früher ansetzen und später aufhören als bisher – unser Auftrag beginnt bereits in dem Moment, wo ein Dreizehnjähriger sich noch nicht die Bohne im Klaren ist, wohin sein Weg führen könnte, und endet erst, wenn wir guten Gewissens sagen können: Jetzt schafft er es alleine.

Das Modell „Berufseinstiegsbegleitung“

Und wie kriegen wir das hin? Das Modell „Berufseinstiegsbegleitung“ gibt darauf die Antwort. Finanziert wird es mit Mitteln der Agentur für Arbeit und des Europäischen Sozialfonds. Schlüsselfiguren sind die beiden Berufseinstiegsbegleiterinnen Daniela Fritz und Maren Janetzko. Angestellt sind sie beim Kreisdiakonieverband, aber ihr Arbeitsplatz ist die Rainbrunnenschule.

Ein Teil ihres Angebots kommt allen zugute: Bereits mit den Achtklässlern machen sie Kompetenz-, Bewerbungs- oder Telefontraining, derlei gehört zum Schulalltag so selbstverständlich wie Deutsch oder Mathe. Jeweils 25 Schüler aber, die noch kraftvollere Unterstützung brauchen, werden ab Klasse 9 ganz eng betreut: Fritz und Janetzko stellen Kontakte zu Betrieben her, helfen bei der Suche nach Praktikumsplätzen, stehen ihren Schützlingen bei, wenn es gilt, Rückschläge auszuhalten oder einen Plan B zu ersinnen. Zu manchen entwickelt sich über die Jahre „eine tiefe Beziehungsebene“, sagt Fritz.

Er kennt sie alle, und alle kennen ihn

Irina Baier, Klasse zehn: Dank dieser Hilfe „habe ich herausgefunden, was ich möchte“. Zwei Praktika wiesen ihr den Weg: Köchin. Neulich in den Ferien hat sie in einem Betrieb auf Probe gearbeitet, „sie wollten wissen, ob ich zuverlässig bin und wie ich klarkomme mit Uhrzeiten“. Ergebnis: Irina hat eine Ausbildungszusage in der Tasche.

Jörg Ruben ist Berufsberater bei der Agentur für Arbeit. Aha, zu ihm können die jungen Leute also aufs Amt gehen und sich mal eine Info-Broschüre in die Hand drücken lassen? Nein, so läuft das nicht. Ruben ist zweimal die Woche an der Schule, er hat sogar einen Schlüssel fürs Haus. Über jeden einzelnen Schüler ab Klasse 8 hat er ein Profil angelegt, er kennt sie alle, und alle kennen ihn, er ist für sie ein vertrautes Gesicht wie Hausmeister oder Schulleiter.

Zwei Zahlen zum Mit-den-Ohren-Schlackern

Fritz, Janetzko, Ruben, dazu Schulsozialarbeiterin Isabel Leibfarth: „Wir vertrauen einander blind.“ Wer die Intensität ermessen will, mit der das Team sich ins Zeug legt, braucht sich nur zwei Zahlen auf der Zunge zergehen zu lassen. Erstens: Jeder Jugendliche hier absolviert während seiner Schulzeit fünf berufliche Praktika. Nein, kein Schreibfehler. Fünf.

Zweitens: Mit den 90 Schülern der Klassen 9 und 10 haben Fritz, Ruben & Co. im vergangenen Schuljahr 422 Einzelgespräche geführt. In Buchstaben: vierhundertundzweiundzwanzig.

„Ich habe meine Stärken, meine Schwächen erkannt“

Für Viky Tseanko, Klasse 9, war der „Einschätzungstest“ der entscheidende Aha-Effekt: „Ich habe meine Stärken, meine Schwächen erkannt.“ Mittlerweile steht ihr Berufsziel: Bankkauffrau oder Außenhandelskauffrau. Und warum ist Jan Meier dabei? „Weil meine Eltern gesagt haben, ich soll da hingehen“, antwortet der Neuntklässler entwaffnend ehrlich. „Ich möchte auf jeden Fall in einen technischen Beruf gehen. Industriemechaniker oder Mechatroniker.“ Zwei einschlägige Praktika hat er bereits hinter sich.

So. Und was, wenn es einer geschafft hat wie David Vajda, Hotelkaufmann in Ausbildung? Es wäre „eigentlich blöd“, sagt Schulleiter Leins, genau in dem Moment „und tschüs“ zu sagen, da die jungen Leute auf der Schwelle stehen: Die vertraute Schule liegt hinter ihnen, der Job ist noch ganz neu und fremd. Was, wenn einer mit der Umstellung zu kämpfen hat?

„Ich denke, das sagt alles“

Damit keiner „verloren dasteht“, halten die beiden Berufseinstiegsbegleiterinnen noch ein halbes Jahr lang Kontakt; sprechen mit den Arbeitgebern; helfen durch erste Täler. Für David Vajda endet diese Zeit Ende März, er hat sich gut eingelebt in der Lehre – aber falls es doch mal knirschen sollte, kann er auch künftig „jederzeit zu uns kommen“, sagt Daniela Fritz.

Kein Einziger der jungen Leute, die seit 2009 die enge Begleitungsvariante genossen haben, „hat sich jemals arbeitslos gemeldet“, sagt Jörg Ruben. „Ich denke, das sagt alles.“

Fokus Beruf

  • Ein Besuch bei der Rems-Murr-Ausbildungsmesse „Fokus Beruf“: Auch das gehört für Rainbrunnenschüler zum Standardprogramm. Die Messe findet am Freitag und Samstag, 10. und 11. März, im Schorndorfer Schulzentrum Grauhalde statt. 133 Aussteller sind dabei. Öffnungszeiten: Freitag 9 bis 16, Samstag 9 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei, es verkehrt ein kostenloser Bus-Shuttle zwischen Heinkelstraße, Bahnhof und Grauhalde.