Schorndorf

Rektorin verteidigt Schulreise nach New York

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Beate Flemming-Nikoloff, die Rektorin der Gottlieb-Daimler-Realschule, verteidigt die Reise nach New York. © ZVW/Alexandra Palmizi
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Hans Pöschko.
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Lea Krug.

Schorndorf.
Nachdem kürzlich einige Schülerinnen und Schüler der achten und neunten Klasse der Gottlieb-Daimler-Realschule eine Studienreise nach New York unternommen hatten, erreichten die Redaktion der Schorndorfer Nachrichten kritische Leserbriefe und Zuschriften. Der Tenor: Es sei dreist von der Jugend, einerseits fürs Klima zu demonstrieren und auf der anderen Seite einen Ausflug nach New York zu machen. Die Rektorin der Schule, Beate Flemming-Nikoloff, verteidigt das Angebot der Schule. Auch die lokale Gruppe von Fridays for Future sowie die Schulleiter der Gymnasien rechtfertigen Schulreisen mit dem Flugzeug. Außerdem sprachen sie über die Kosten und die Finanzierung solcher Reisen.

Flemming-Nikoloff weist die Kritik von sich: „Wir machen keine Vergnügungsfahrten, das sind Studienfahrten.“ Die Bildung stehe im Vordergrund. In New York hat die Klasse etwa das Uno-Hauptquartier, Ellis Island und das 9/11 Memorial Museum besichtigt. Aber auch Orte wie Chinatown einmal zu sehen, sei für die Schüler eine tolle Erfahrung. Aufwendig geplant habe die Tour durch die Stadt die Englisch-Lehrerin Christin David, die einige Zeit in New York gelebt habe. In der 8. Klasse gehe es im Englischbuch vor allem um die Stadt New York. Deshalb sei es besonders toll, dass die Schüler die Stadt nun mit eigenen Augen sehen konnten, findet Flemming-Nikoloff.

Verpflichtend für alle Schülerinnen und Schüler sei die Fahrt ins Schullandheim in Klasse sechs, die üblicherweise in der Nähe stattfinde, und eine Abschlussfahrt nach Berlin, die Ende der neunten Klasse stattfinde. Studienfahrten nach London, Paris oder wie kürzlich New York seien ein freiwilliges Angebot, das die Eltern und Schüler allerdings besonders zu schätzen wüssten.

Nicht alle Familien offen für Austauschprogramme

Außerdem gebe es einen Schüleraustausch mit Auschwitz, in einem Jahr kämen die Schüler aus Polen, im Folgejahr gehen die Schüler der Gottlieb-Daimler-Realschule zu ihren Austauschpartnern dort. „Doch dafür genügend Schüler zu finden ist schwierig“, bedauert die Schulleiterin. Das habe aber wohl auch damit zu tun, dass manche Familien nicht Gastgeber sein wollten oder das aus beruflichen Gründen nicht könnten.

19 Schüler der achten und neunten Klassen der Realschule konnten mit auf die große Reise. Flemming-Nikoloff erzählt, dass insgesamt 40 gerne mitgegangen wären. Doch mit so vielen Jugendlichen sei das nicht machbar. „Für alle können wir das aus organisatorischen Gründen leider nicht anbieten“, bedauert sie. Zwei Lehrer begleiteten die Schüler, mehr hätte sie an der Schule nicht entbehren können. Also entschied das Losverfahren darüber, wer mitdurfte.

Außerdem erklärt Flemming-Nikoloff, dass ihre Schüler sich durchaus mit dem Klima beschäftigen würden. Nicht nur in Geografie, sondern in nahezu allen Fächern seien Klimawandel, Nachhaltigkeit und der Treibhauseffekt ein Thema. Außerdem betont die Rektorin, die gesamte Schule beteilige sich an der Kreisputzete.

Auch Alexandra Buck, eine der lokalen Vertreterinnen von Fridays for Future, nimmt die Jugendlichen in Schutz. „Es ist immer leicht, die Schuld für die Klimakrise bei den anderen zu suchen und wie in diesem Fall auf die Schülerinnen abzuwälzen, anstatt die wirklichen Probleme zu benennen“, erklärt sie. Eine Bildungsreise für Realschüler infrage zu stellen, findet Buck nicht fair, damit zeige man auf die Falschen. Gefahren für das Klima seien vielmehr Kohleabbauprojekte, wie beispielsweise in Australien, wo Siemens mit dem indischen Konzern Adani zusammenarbeitet. In den vergangenen Wochen kritisierten Klimaaktivisten wiederholt das Projekt. In Sachen Flüge fordert die Schorndorfer Gruppe vor allem die Kurzstreckenflüge dort zu vermeiden, wo das möglich ist. Außerdem müsse es eine höhere CO2- und Kerosin-Steuer geben.

Für die Eltern wichtig: Frage nach den Kosten

Neben der Frage, welche Auswirkungen solche Reisen aufs Klima haben, spielt vor allem für viele Eltern die Frage nach den Kosten und der Finanzierung solcher Reisen eine große Rolle. Die Kosten der Reise der Realschule nach New York betrugen pro Schüler 1500 Euro. Darin enthalten: Flug, Übernachtung Fahrtkosten, Eintrittsgelder und Halbpension vor Ort.

Doch das bedeute nicht, dass ausschließlich die Kinder wohlhabender Eltern mit nach New York fliegen konnten, erklärt die Rektorin. Familien, die Hartz IV bekommen, könnten über das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket einen Antrag für die Bezahlung der kompletten Reisekosten stellen, erklärt sie. Darüber hinaus gebe es einen Förderverein der Schule, der bis zur Hälfte der Reisekosten übernehme, falls eine Familie finanzielle Schwierigkeiten habe. Diskret können die Eltern auf dem Sekretariat einen Antrag abgeben.

Die Rektorin betrachtet das Thema von der anderen Seite: Mit der ganzen Familie nach New York zu reisen könnten sich noch weniger leisten, nur für ein Kind die Kosten zu tragen sei leichter. „Wir sind als Schule ein Möglichmacher“, sagt die Rektorin.

Auch die Gymnasien in Schorndorf unternehmen Flugreisen

Natürlich unternimmt nicht nur die Realschule solche Reisen. Auch die beiden Schorndorfer Gymnasien bieten ihren Schülern Reisen mit dem Flugzeug an.

Jürgen Hohloch, Schulleiter des Burg-Gymnasiums, erklärt, es gebe mit Irland in diesem Jahr nur eine Studienreise, bei der die Schülerinnen und Schüler ins Ausland fliegen. Alle anderen Reisen unternimmt die Schule mit Bus oder Bahn. Je nach Leistungskurs der Schülerinnen und Schüler bietet die Schule verschiedene Ziele an. Beispielsweise gehe eine Gruppe in ein Chemie-Labor nach Dresden. Auf den ökologischen Fußabdruck achte man aber, erklärt der Schulleiter, schließlich sei man auch Unesco-Projektschule. In der Vergangenheit habe es an der Schule auch Tourismusfahrten gegeben, wie Hohloch sagt, von diesen habe die Schule aber wieder mehr Abstand genommen. Heute stünden die Lerninhalte im Vordergrund.

Auch das Max-Planck-Gymnasium organisiert verschiedene Studienfahrten ins Ausland. Darunter auch eine Flugreise nach Tuscaloosa (USA), die im Rahmen eines Austauschprogrammes stattfindet, teilt Markus Wasserfall mit.

In Sachen Finanzen verweisen auch Hohloch und Wasserfall auf das Bildungs- und Teilhabepaket, beziehungsweise auf die Unterstützung seitens des Elternbeirates, die möglich ist. Allerdings übernehmen diese Kassen nur Anteile der Kosten, die je nach Fahrt unterschiedlich hoch ausfallen.


Schulreise nach New York? Ein Pro und Contra

Contra: Klimandel und Ungleichheit

Auschwitz oder New York? Dass sich Realschüler, mit dieser Alternative konfrontiert, eher für New York entscheiden, kann nicht überraschen. Nur: Diese Alternative dürfte es in der heutigen Zeit gar nicht (mehr) geben. Aus zweierlei Gründen: Erstens wegen des Klimawandels – es sei denn, man unterscheidet zwischen den „bösen“ Kurzstreckenflügen und den „guten“ Langdistanzen – und zweitens mit Blick auf die Diskussion, dass Bildung ganz grundsätzlich noch immer etwas mit der sozialen Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern zu tun hat und dass es unter diesem Aspekt nicht sinnvoll und erstrebenswert sein kann, die Schere zwischen Arm und Reich – egal ob am Gymnasium oder an der Realschule – immer noch weiter aufzumachen. Der Hinweis auf mögliche Zuschüsse ändert daran nichts. Ganz davon abgesehen, dass es einen Bildungsauftrag gibt, und in dem sollte die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte einen höheren Stellenwert einnehmen als ein touristischer Schnupperkurs in einer Weltmetropole wie New York.

Zurück zum Klimawandel: Heißt es nicht immer, der fange im Kleinen und bei jedem Einzelnen an und nicht erst bei den großen und globalen Themen wie Kohleabbau und Abholzung der Regenwälder?! Und wenn es vor allem Schülerinnen und Schüler sind, die für eine bessere Zukunft auf die Straße gehen, dann müssten es auch die weiterführenden Schulen jedweder Couleur sein, die Ursachen und Folgen des Klimawandels besondere Beachtung schenken und sich dementsprechend verhalten. Dass es Ausnahmen von der Regel, unter diesen Umständen auf Bildungsreisen nach New York oder China zu verzichten, geben kann, sei an dieser Stelle aber durchaus eingeräumt. Ein regelmäßiger Austausch mit Schülern aus einer Partnerstadt wie Tuscaloosa kann im Interesse einer lebendigen Städtepartnerschaft durchaus Sinn machen, wobei sich auch da zeigt, wie schwer es ist, gleichzeitig das Interesse an einer Partnerstadt wie der mit Tulle aufrechtzuerhalten, die ebenfalls ein Mahnmal dafür ist, was in deutschem Namen schon Schreckliches passiert ist.

Zurück zum sozialen Aspekt, der fast noch schwerer wiegt als der ökologische. Solange es an deutschen Schulen so wenig Chancengleichheit und so massive Probleme gibt, Schüler überhaupt erst einmal der richtigen Schulart zuzuordnen und sie zu einem zukunftsweisenden Abschluss zu führen, sollten Schulen – und übrigens auch Eltern – ihre Ressourcen und finanziellen Mittel darauf verwenden, ihrem ganz profanen Bildungs- und Erziehungsauftrag nachzukommen. Das schließt Studienfahrten, die ihren Namen verdienen, nicht aus.

Pro: Es geht um Bildung

Schuld am Klimawandel sind nicht die Schüler, die vor kurzem im Rahmen einer Bildungsreise die Luft der großen weiten Welt schnuppern durften. Statt dass wir uns Diskussionen über Schuld hingeben, sollten wir anfangen, ernsthafte ideologiefreie Lösungen fürs Klima und für die Zukunft zu finden.

Einige fühlen sich von den Forderungen, die Klimaaktivistinnen und -aktivisten vorbringen, offenbar auf den Schlips getreten. Sie starten nun zum Gegenangriff, wie ihn etwa auch Greta Thunberg immer wieder erleben muss. Anstatt sich über ihren eigenen ökologischen Fußabdruck Gedanken zu machen, greifen sie jetzt die Jugend pauschal an. Doch die jungen Menschen alle in einen Topf zu werfen, ist dabei genauso irrsinnig, wie allen älteren Menschen vorzuwerfen, sie hätten den Klimawandel verursacht. Auch die Jugendlichen haben unterschiedliche politische Meinungen und kommen aus verschiedenen Milieus.

Klar, Flugreisen sind schädlich fürs Klima. Vor allem dort, wo ein Umstieg auf die Gleise möglich ist, sollte er erfolgen. Die Schulen in Schorndorf leben das bereits vor: Sie legen die meisten Reisen mit Bus und Bahn zurück.

Doch der Blick in die CO2-Bilanz des Durchschnittsdeutschen zeigt auch, dass vor allem Konsum, Ernährung, Heizung und der Autoverkehr zu Buche schlagen, noch vor den Flugreisen. Jeder sollte sich erst mal selbst überlegen, wo er CO2 sparen kann beziehungsweise will. Schließlich ist wohl kaum einer frei von dem ein oder anderen Laster.

In der Diskussion um die Realschule muss außerdem klargestellt werden, dass es sich nicht um eine rein touristische Reise gehandelt hat. Es geht um Bildung. Die Schülerinnen und Schüler besichtigten in New York etwa den Ground Zero und das Museum, das heute noch an den Terroranschlag vom 11. September 2001 erinnern soll. Eine Zeit, in der die Jugendlichen von heute noch nicht auf der Welt waren. Also ein Teil jüngerer Geschichte. Beim Besuch auf Ellis Island hatten sie außerdem die Möglichkeit, etwas über die Einwanderungsgeschichte der Vereinigten Staaten zu lernen.

Kritiker solcher Reisen versuchen nun vor allem eine Diskussion um Doppelmoral anzuzetteln, anstatt sich der Frage zu stellen, wie ein gutes Leben auf der Erde gesichert und der Klimawandel in Schach gehalten werden kann.

Das heißt nicht, dass man sich auf lokaler Ebene keine Gedanken zu machen braucht und auf Entscheidungen aus Berlin warten sollte. Vielmehr sollten sich die Stadtgesellschaft und die Kommunalpolitik ernsthaft überlegen, wie in Zukunft CO2 und andere Ressourcen eingespart werden können.

Schorndorf.
Nachdem kürzlich einige Schülerinnen und Schüler der achten und neunten Klasse der Gottlieb-Daimler-Realschule eine Studienreise nach New York unternommen hatten, erreichten die Redaktion der Schorndorfer Nachrichten kritische Leserbriefe und Zuschriften. Der Tenor: Es sei dreist von der Jugend, einerseits fürs Klima zu demonstrieren und auf der anderen Seite einen Ausflug nach New York zu machen. Die Rektorin der Schule, Beate

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