Schorndorf

Rudersberger Denzinger steht auf "Schwarzer Liste"

Denzinger Rudersberg Beobachternews_0
Alfred Denzinger © Alexander Roth

Rudersberg. Anfang April erhielt der Rudersberger Journalist Alfred Denzinger eine Morddrohung per Mail – mittlerweile hat er festgestellt: Sein Name steht, vermutlich schon seit Jahren, auch auf einer „Schwarzen Liste“ im Internet; neben dem CDU-Politiker Walter Lübcke, der am 2. Juni erschossen wurde, mutmaßlich von einem Rechtsextremisten.

Alfred Denzinger, „Lügenjournalist und Linksextremist“; Walter Lübcke, „Politiker (CDU)“: Die beiden Namen finden sich – neben vielen weiteren, vom Regisseur Fatih Akin über den Grünen Volker Beck bis zu Talkshow-Moderatorin Anne Will und Kardinal Rainer Woelki – auf einer „Schwarzen Liste“, die ein „Netzwerk demokratischer Widerstand“ ins Internet gestellt hat. Die Seite, so heißt es dort, diene „zur Dokumentation“ der „Verantwortlichen, Täter, Mittäter, Nutznießer, Profiteure und Helfershelfer der gegenwärtigen deutschfeindlichen, volksverräterischen Politik“, damit zu gegebener Zeit die Möglichkeit bestehe, „die Verräter am Deutschen Volk angemessen zur Verantwortung zu ziehen“.

Die Seite ist mindestens seit 2011 im Netz und wurde offenbar im April 2017 zuletzt aktualisiert. Man könnte geneigt sein, derlei als bösartig-wichtigtuerische Spinnerei abzutun – wenn nicht der Name Lübcke auf der Liste aufhorchen ließe. Vor dem Hintergrund, dass dieser Mann, der laut gegen Rassismus und für Flüchtlinge die Stimme erhoben hatte, nun tatsächlich per Kopfschuss hingerichtet worden ist, erscheint auch die Morddrohung, die Alfred Denzinger Ende April per Mail erhielt, in einem noch grelleren Licht als bisher schon.

"Denzinger jagen" ans Haus geschmiert

Denzinger, Schreiber und Fotograf für die Internetzeitung „Beobachternews“, besucht regelmäßig Demos der rechten Szene, um die Aufmärsche zu dokumentieren. Auch, wenn Antifa-Aktivisten AfD-Infostände umzingeln, ist er mit der Kamera dabei. Darüber hinaus erhebt er immer wieder harsche Vorwürfe gegen die Arbeit der Polizei. Manchen gilt er als linke Krawallschachtel; andere halten ihn für einen besonders unbeugsamen Kämpfer gegen rechten Ungeist. Wie auch immer – die Mail, die er Ende April erhielt, ist schockierend. Unter der Betreffzeile „Die Denzinger-Mischpoke töten“ hieß es darin, Denzinger werde „wegen feindlicher Agitation gegen das deutsche Volk“ zum Tode durch Verbrennen verurteilt, man werde seine Familie „der Ausrottung anheimstellen“. Im Visier Rechtsextremer ist er schon länger: Mehrmals zerstachen Unbekannte seine Autoreifen, beschmierten sein Haus mit Farbe und sprühten Parolen wie „Denzinger jagen“.

Er sei, klagt Denzinger, bis heute nicht förmlich von der Polizei vernommen worden zur Morddrohung. Sicher, man habe sich „am Telefon ausgetauscht, aber ich hätte gerne, dass man das zu Protokoll nimmt“ bei einer richtigen Befragung. „Ich habe zig Mal darauf hingewiesen, dass ich Hintergrund-Infos habe“ zu Verdächtigen, sogar „Bildmaterial“. Die bisherige Aufklärungsintensität in diesem Falle schätzt Denzinger so ein: „Ich habe von der Staatsanwaltschaft ein Aktenzeichen gekriegt.“

Die Sicht des Staatsschutzes

Das schildert Bernd Rauner, Inspektionsleiter Staatsschutz beim Polizeipräsidium Aalen, allerdings deutlich anders: Er selber habe bei einem Telefonat mit Denzinger die „Möglichkeit auf rechtliches Gehör als Geschädigter“ angeregt – Denzinger sei daran aber nicht recht interessiert gewesen, sondern habe angedeutet, das bringe ja doch nichts; und habe auch „nichts Konkretes“ herausgelassen mit Blick auf Verdächtige.

Ein Staatsschutz-Mitarbeiter habe Anfang Mai noch einmal Denzinger kontaktiert und danach für die Akten notiert: „In beiderseitigem Einvernehmen“ werde auf eine Vernehmung verzichtet. Wenn Denzinger nun aber doch reden wolle, ist Rauner bereit: „Das holen wir nach.“

Die Polizei habe die Bedrohungslage „von Anfang an ernstgenommen“ und mit Denzinger auch Schutzmaßnahmen besprochen. Nur sei es leider so: Bisher hätten sich „keine Erkenntnisse ergeben, die eine Feststellung zur Urheberschaft ermöglichen. Ermittlungsansätze gleich null.“ Für die nächtlichen Farbattacken gibt es keine Zeugen, die Morddrohung wurde über einen „anonymisierten Server“ versandt; „Rückverfolgung unmöglich“.

Fast alle Fragen offen

Weil Alfred Denzingers Name neben dem von Walter Lübcke auf einer Schwarzen Liste steht, habe der Staatsschutz sich mittlerweile „mit dem Landeskriminalamt abgestimmt“ und sei auch „ans Bundeskriminalamt herangetreten“. Könnte es eine Verbindung geben zwischen dem Online-Hetzpranger und dem Mörder des CDU-Politikers? Dazu liege vom BKA noch keine „Rückmeldung“ vor.

Auszuschließen ist es demnach nicht. Andererseits: Der Mann, der letztlich zur Waffe griff, kann Inspiration auch aus vielen anderen Quellen gesogen haben; rechte Giftspritzen überzogen Lübcke schon seit Jahren auf allen möglichen Plattformen mit Hass und Geifer. Und ob der Todesschütze gar in direktem Kontakt mit dem „Netzwerk demokratischer Widerstand“ gestanden haben könnte, ist momentan erst recht pure Spekulation.

Fast alle Fragen offen – klar ist nur eines. Auf die Frage, ob er sich einschüchtern lasse und künftig in seiner publizistischen Arbeit gegen rechts zurückstecken werde, lacht Denzinger grimmig: „Das kräftigt und stärkt mich in meiner Überzeugung, dass das, was ich tue, genau das Richtige ist.“