Schorndorf

Schließung der Four-Steps-Häuser

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Rainer Baudis, von 1983 bis 2014 Leiter von Four Steps. © Leonie Kuhn

Schorndorf. Der Mann sieht dieser Tage ein Lebenswerk den Bach runtergehen: Von 1983 bis 2014 leitete Rainer Baudis, 67, die Drogenhilfe-Einrichtung Four Steps. Ein Gespräch mit ihm über die Schließung der Four-Steps-Häuser in Waldhausen und Schorndorf-Weiler.

ZVW: Four Steps, 1973 gegründet, galt in der Fachwelt mal als Mercedes unter den Drogeneinrichtungen, therapeutischer Goldstandard. Im August 2016 aber beschloss die Deutsche Rentenversicherung, keine neuen Patienten mehr zu überweisen, im Oktober musste der „Verein für Jugendhilfe“, Träger von Four Steps, die Filiale in Waldhausen und im Januar das Stammhaus Schorndorf schließen. Wie erklären Sie sich den Absturz?

Baudis: Der Verein für Jugendhilfe hat wirtschaftlich immer von der Hand in den Mund gelebt und von seiner Risikobereitschaft: Wir machen das, wir packen an. Aber spätestens ab 2007 war klar, dass der Verein Investitionen tätigen müsste. Die Rentenversicherung führte neue Standards ein: An Suchthilfeeinrichtungen wurden nun Anforderungen gestellt wie im sonstigen Reha-Bereich – gleiche Zahl an medizinischem Personal, gleiche bauliche Bedingungen, für jeden Klienten Einzelzimmer mit Nasszelle. Damit waren die Häuser Waldhausen und Schorndorf nicht mehr zukunftsfähig.

ZVW: Standards wie in der Knie-, Hüft-, Rücken-Reha – das klingt anders als das Ideal der „therapeutischen Gemeinschaft“ bei Four Steps, das Züge einer WG hatte: Klienten arbeiteten mit, kochten, putzten, das gab ihrem Alltag Struktur, so übten sie suchtbedingt verlorene Fähigkeiten neu ein.

Baudis: Dass wir als kleine Einrichtung individuell und beziehungsorientiert arbeiten konnten, war unser Kapital – dieses Modell wurde der Deutschen Rentenversicherung suspekt. Es liegen Welten zwischen den Konzepten: Klienten mitarbeiten zu lassen, in die Gestaltung des Alltags einzubeziehen, ist etwas völlig anderes als eine Reha, wo der Patient als Gast bedient wird und sich auf sein Einzelzimmer zurückziehen will. Das war eine Trendwende.

ZVW: Und falsch aus Ihrer Sicht.

Baudis: Ja. Wir haben uns vergeblich gewehrt. Aber hausgemachte Probleme kamen hinzu.

ZVW: Und zwar?

Baudis: 2013 gab es bei Four Steps und auch beim Trägerverein einen Generationswechsel, eine Umbruchsituation. Im Juli 2013 wurde Folkart Schweizer in den Verwaltungsrat gewählt und dort sofort Vorsitzender – ohne den Verein und unsere Arbeit näher gekannt zu haben, ohne diakonische Erfahrung. Er war ein erfolgreicher Unternehmer in der Metallverarbeitung. Aber er hatte keine Kenntnisse im sozialen Bereich. Er brachte, was das Wirtschaften betrifft, völlig andere Vorstellungen ein.

ZVW: Was war damals Ihr Plan, um Four Steps zukunftsfähig zu machen?

Baudis: Wir planten – gestützt auf eine Betriebsvereinbarung – einen Umzug nach Plochingen ins Gebäude der ehemaligen Klinik, wir wollten unsere Four-Steps-Einrichtungen dort mit der ebenfalls zum Verein gehörenden Reha Schloss Börstingen (mit Schwerpunkt Alkoholabhängigkeit) zusammenlegen. Der neue Verwaltungsratschef hat unsere Linie fallengelassen, ohne Gespräch. Das erste Gespräch, das ich mit Herrn Schweizer hatte, war im November 2013, und da waren für ihn die Würfel schon gegen Plochingen gefallen. Er hatte aus seinem vertrauten Bereich einen Wirtschaftsprüfer engagiert – auch er hat mit mir kein Wort gewechselt und mit dem damaligen Vorsitzenden des Vereins, Rainer Daum, nur eine halbe Stunde geredet. Danach sagte Herr Daum zu mir: Das gibt ein Desaster!

ZVW: Inwiefern?

Baudis: Der Wirtschaftsprüfer hat sich gerühmt, dass er bei der Schlecker-Abwicklung dabei gewesen sei. Aber er hatte noch keine gemeinnützige soziale Einrichtung betreut. Er agierte ohne jedes fachliche Verständnis für unsere Zusammenhänge.

ZVW: Und er lehnte das Projekt Plochingen ab?

Baudis: Ja. Er schrieb, die Wirtschaftlichkeit von Reha-Einrichtungen sei mit einer Belegung von 85 Prozent zu kalkulieren, das sei so üblich.

ZVW: Sprich: Das Projekt mache nur Sinn, wenn es bereits bei einer Auslastung von 85 Prozent wirtschaftlich funktioniert.

Baudis: Es war mir ein Rätsel, wie er auf diese Zahl kam. Ich habe Suchthilfefachverbände gefragt und immer die Rückmeldung bekommen, das sei völliger Unsinn, 95 Prozent sei die Kalkulation. Der Chef der Nikolauspflege sagte mir: Wenn ich mit 85 Prozent Belegung wirtschaftlich arbeiten müsste, könnte ich meine gesamten Einrichtungen schließen. Aber auf der Grundlage dieser Zahl waren unsere Planungen für Plochingen Makulatur, das war das Todesurteil. Und Herr Schweizer hat das, was der Wirtschaftsprüfer auf den Tisch legte, eins zu eins übernommen. Als Rainer Daum erklärte, er gebe das Projekt Plochingen nicht auf, wurde er als Vereinsvorsitzender freigestellt, Frau Stahl übernahm seine Position.

ZVW: Hier prallten Welten aufeinander.


Baudis: Noch ein Beispiel: In jenem Jahr kam es in Waldhausen zu einer größeren Zahl von Rückfällen, die zu Entlassungen von Klienten führten. Die Belegung war deshalb kurzzeitig sehr niedrig, was in einer Drogeneinrichtung nun mal vorkommt. Mit dem Risiko einer zwischenzeitlich mal dünnen Belegung hat der Verein immer gelebt. Der Wirtschaftsprüfer hat, ohne mit uns zu sprechen und nach Gründen zu fragen, die aktuelle Belegungszahl genommen, fortgeschrieben fürs nächste Jahr und die katastrophale Prognose einer nur 50-prozentigen Belegung aller Four-Steps-Einrichtungen errechnet. Er hat sich nicht erklären lassen, dass wir das relativ rasch wieder ausgleichen können, da wir wegen unseres Rufs keine Belegungsprobleme hatten. Auch Herr Schweizer hat das ignoriert.

ZVW: Sie fanden keine Vertrauensebene?

Baudis: Mit ihm hielt ein rein wirtschaftliches Denken Einzug. Es ging nicht mehr darum, wie kann ich gutes Fachpersonal gewinnen, das auch wirtschaftlich mitdenkt, wie kann ich durch fachliche Innovation Prozesse und Therapieansätze verbessern und durch Attraktivität zur Belegungssicherung beitragen – das hat alles keine Rolle mehr gespielt. Was würde passieren, wenn ich als Reha-Spezialist ohne Vorbereitung ins Kontrollgremium der Schweizerschen Lederfabrik gewählt würde, sofort den Vorsitz übernähme und daranginge, den Laden nach meinen Vorstellungen zu sanieren? Wie würde die Fabrik nach zwei Jahren dastehen? Vermutlich wie heute Four Steps. Ja, das war ein Clash von zwei Kulturen.

ZVW: Zum Generationswechsel-Problem gehört aus meiner Sicht, dass dem Verein keine strahlkräftige Nachfolgeregelung gelang, nachdem Sie gegangen waren.

Baudis: Wir hatten einen jungen Arzt, der ehrgeizig war und die Chancen sah, die in dem Projekt Plochingen lagen. Als die Entscheidung dagegen fiel, kündigte er. Ebenso die psychologisch-therapeutische Leiterin. Das war zeitgleich mit meinem Weggang. Die Einrichtung war enthauptet. Eine echte Neubesetzung gab es nicht. Die therapeutische Leitung blieb vakant, und als Chefarzt hat der Verein einen Pensionär geholt, der auf dem Papier Four Steps voll zur Verfügung stand, aber daneben eine eigene Gutachterpraxis betreibt und andere nicht gerade geringfügige Beschäftigungen wahrnimmt. Er war offenbar selten vor Ort.

ZVW: Das therapeutische Konzept, so höre ich aus vielen Quellen, habe zuletzt schwer gelitten, unter anderem beim Umgang mit rückfällig gewordenen Klienten.

Baudis: Verbliebene Kollegen haben mir gesagt, das neue Motto sei, aus wirtschaftlichen Gründen die Belegung hochzuhalten und deshalb Patienten auch nach Rückfällen, die mit drastischen disziplinarischen Vorfällen verbunden waren, nicht zu entlassen. Die Kollegen haben sich dadurch ziemlich handlungsunfähig gefühlt. Früher hatte das Prinzip gegolten, dass es nach einem Rückfall eine gründliche Aufarbeitung geben muss und ein Klient, wenn sich bei ihm keine Einsicht abzeichnet, entlassen wird.

ZVW: Eine weitere verbreitete Klage aus der Belegschaft: Personalnot.

Baudis: Das Management ging daran, das Personal rücksichtslos auszudünnen. Anfang August 2016 besuchte ich Waldhausen, weil ein Kollege nach 37 Jahren in Ruhestand ging, ich dachte, den musst du unbedingt noch sehen. Zur Verabschiedung gab es keinen Besuch des Vorstands, keine Karte, keine E-Mail, aber das nur am Rande. Obligatorisch waren dort 8,2 Vollzeitkräfte medizinisch-therapeutisches Personal – in jener Zeit waren noch etwa vier Vollzeitkräfte da. Sie mussten an fünf Arbeitstagen eine Präsenz von 7.30 bis 21 Uhr abdecken und Wochenenddienste leisten. Zu diesem Zeitpunkt waren deshalb nicht nur Zusatzleistungen, sondern Kernelemente der Therapie wie Vorbereitung der Arbeitsintegration durch externe Praktika spurlos verschwunden.

ZVW: Früher war Four Steps nachgerade gläsern – regelmäßige Pressekonferenzen, Journalisten durften mit Klienten reden, auch Probleme wurden offen kommuniziert. Seit Ihrem Abgang ist das wie abgeschnitten.

Baudis: Für gemeinnützige Unternehmen ist Transparenz lebenswichtig. In der freien Wirtschaft mag das anders sein, da kann ich mich abschotten und Betriebsgeheimnisse hüten. Aber als Suchthilfeeinrichtung mit diakonischem Auftrag muss ich Konzeptionen offenlegen und mit ambulanten Beratungsstellen und anderen Beteiligten kommunizieren. Wir haben Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, nehmen einen gemeinnützigen Auftrag wahr. Auf unsere Arbeit haben Landräte geschaut, Bürgermeister, Suchthilfe-Dachverbände, Betriebe – ich muss mit allen reden, um die Integration der Patienten in Betriebe und Verwaltungen voranzubringen, muss mit allen reden, wenn ich von meinem Ruf leben will, ob es um die Zuweisung von Klienten geht oder die Suche nach einem Neubau-Standort.


ZVW: Der Verein kann Stand heute, rund drei Jahre, nachdem das Umzugsprojekt Plochingen begraben wurde, noch immer keine Lösungsalternative vorzeigen.

Baudis: Das Versprechen der neuen Führung war: Wir machen’s besser. Sie haben es nicht besser gemacht, sondern den stationären Suchtbereich weitgehend liquidiert. Nicht nur die beiden Four-Steps-Häuser mit insgesamt 50 Therapieplätzen sind weggefallen – die nicht zu Four Steps gehörende Reha-Einrichtung Jagsttal mit 52 Plätzen hat die neue Vereinsführung schon Ende 2015 geschlossen. In der stationären Suchthilfe hat der Verein derzeit nur noch Schloss Börstingen mit 26 Plätzen. Aber der Verein hat 2015 wieder schwarze Zahlen geschrieben. Ich denke, sie feiern das alles als einen erfolgreichen Sanierungskurs.

ZVW: Ich muss zum Anfang zurückkommen: Können kleinere Einrichtungen stationäre Suchthilfe unter den von der Deutschen Rentenversicherung vorgegebenen Auflagen überhaupt noch stemmen?

Baudis: Dass ein Träger aufgrund der Strukturanforderungen und des Investitionsbedarfs wirtschaftlich kapituliert – ja, das passiert. Schon in meinem letzten Arbeitsjahr wurden zwei Drogeneinrichtungen in Bayern genau deshalb geschlossen. Gerade habe ich erfahren, dass ein befreundeter Träger der Diakonie in Duisburg aus diesem Grund seine beiden stationären Suchthilfeeinrichtungen aufgibt. Trotz des Herzbluts, das ich investiert habe: Man kann so entscheiden. Der Verein musste umdenken, das war klar – aber die Führung hat agiert, ohne die fachliche Kompetenz, die den Verein früher ausgemacht hat, einzubeziehen. Four Steps hat der falsche Sanierungskurs zusammen mit einigem Unvermögen ruiniert. Die aktuelle Schließung ist hausgemacht. Man hätte wenigstens auf andere Träger zugehen können: Wollt ihr das übernehmen? Man hätte Lösungen im Gespräch mit dem Fachverband Sucht der Diakonie Württemberg suchen können. Das wäre ein verantwortlicher Umgang gewesen, auch wenn man vielleicht am Ende hätte sagen müssen: Wir schließen. Aber man hat nicht einmal das Scheitern ordentlich kommuniziert. Man hat einfach nur weitergewurstelt, die Einrichtung runtergewirtschaftet und ihren Ruf ruiniert.

Der Trägerverein

Träger von Four Steps ist der „Verein für Jugendhilfe im Landkreis Böblingen“, benannt nach seinem Gründungsort. Der Verein betreibt unter anderem ambulante Suchtberatungsstellen an mehreren Standorten von Heilbronn bis Herrenberg und ist in der Jugendhilfe aktiv mit einem breiten Portfolio von Erziehungshilfen über betreute Spielgruppen und Mobile Jugendarbeit bis zu betreuten Wohngruppen und Schulsozialarbeit.