Schorndorf

Schorndorf: Der „Schrille Harry“ lebt nicht mehr

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Harry Schaale im April 2021 in seinem schrillen Ostergärtle, mit dem er sich und anderen in düster-traurigen Lockdown-Zeiten eine kunterbunte Freude gemacht hat. © Gaby Schneider

Mit einer ordentlichen Portion Glitzer an Mütze, Weste und Hemd hat Harry Schaale sich im September 2021 aus Schorndorf verabschiedet: Beim Ateliertag, der Corona-Alternative zur Kunstnacht, hat der 60-Jährige sein schrilles Häuschen in der Risslerinstraße noch einmal für Besucher geöffnet. Dann musste er sein liebevoll dekoriertes Zuhause aufgeben: Ihm wurde nach mehr als 20 Jahren wegen Eigenbedarfs gekündigt. Harry Schaale, der in Schorndorf aufgewachsen ist und die Stadt eigentlich nie verlassen hat, fand schließlich in Schwaikheim eine Zweizimmerwohnung, für die er schon die ersten Verschönerungsideen entwickelt hat. Zur Umsetzung ist es dann nicht mehr gekommen: Sein Lebenspartner Dieter Rontke hat ihn am 11. Februar plötzlich tot in der Wohnung gefunden.

Nach der Aussegnung am 21. Februar fand Harry Schaales Urnenbeisetzung in Schwaikheim am Freitag, 11. März, statt – im kleinen Kreis mit Freunden, Arbeitskollegen und Nachbarn aus der Risslerinstraße. Dort hat er in dem kleinen  gelben Haus mit der Nummer 14/1 in zweiter Reihe gewohnt und sich jahrzehntelang mit viel Glitzer und Glimmer, Heißkleber und Farben kreativ ausgetobt. In der Küche das alte Ägypten, hinter der Kellertür ein Horrorkabinett, vis-à-vis der Eingang zur Unterwassertoilette und im ersten Stock ein Hauch von Hollywood mit Liz Taylor als Kleopatra und einer Marilyn-Monroe-Schaufensterpuppe – und Klein-Manhattan.

Mit viel Heißkleber und Farbe: Spiegelei-Massenproduktion

Zu Ostern 2021 hatte Harry Schaale, um sich und anderen eine Freude im Corona-Lockdown zu machen, den Garten seines Hauses in ein schrilles Ostergärtle verwandelt: Davor hat der „Schrille Harry“, wie er sich selbst gerne nannte, mit Heißkleber und Acrylfarbe bestimmt 40 Spiegeleier gebacken und sie mit Wäscheklammern in seinem Gärtchen aufgehängt. Zur Osterdekoration gehörten außerdem unzählige kunterbunte Ostereier, Papierküken und ausgeschnittene Häschen in Plastikfolie. Dazu: reihenweise kleine Küchlein, die Schaale aus umgedrehten Puddingbechern gezaubert hat. Und über der ganzen Pracht wachte ein großer Gummibär – natürlich mit coronakonformer Maske.

Doch Harry Schaale hat nicht nur sein Häuschen zum Gesamtkunstwerk gemacht, das einst sogar dem SWR einen Bericht in der Abendschau wert war. Mit seinem früheren Partner Rüdy trat er als „Damen der Nacht“ jahrelang als Travestiekünstler in Shows auf – im Schorndorfer Löwenkeller, aber auch in München und im legendären „Pulverfass“ auf der Reeperbahn. Als damit irgendwann Schluss war, verlegte sich Schaale aufs Dekorieren: Im Brotberuf arbeitete der gelernte Werkzeugmacher als Koch im Betriebsrestaurant der Kreissparkasse Waiblingen. Nach Feierabend widmete er sich seiner schrill-sympathischen Kunst.

Das Wichtigste: Bei der Kunstnacht mit dabei sein zu können

In direkter Nachbarschaft zu Lydia Feulner-Bärteles „Atelier Risslerin 18a“ beteiligte er sich mit seinem schrillen Häuschen mehrfach an der Schorndorfer Kunstnacht. „Das war das Wichtigste für ihn“, erinnert sich sein Lebenspartner Dieter Rontke. Auch beim Ateliertag im 18. September 2021 war er dabei. Ende November hat Rontke dann für ihn die Hausübergabe übernommen und – weil der Platz fehlte – einen Großteil der Kunstwerke entsorgen müssen. Harry Schaale, der nicht ganz gesund war und vor Jahren einen Schlaganfall hatte, war zu dieser Zeit wegen unklarer Schmerzen in Armen und Beinen im Krankenhaus. Weihnachten haben die beiden in seinem neuen Zuhause in Schwaikheim gefeiert, doch dann musste Schaale noch einmal für eine Knie-OP ins Krankenhaus. Eine Gallen-Notoperation folgte. Anfang Januar wurde er entlassen.

„Es ging ihm besser“, erinnert sich Dieter Rontke und berichtet, dass Harry begonnen hat, seine Schwaikheimer Wohnung zu dekorieren: Der Flur sollte ägyptisch werden, die Küche grün und das Wohnzimmer in Gold und Rot erstrahlen. Im Schlafzimmer wollte er einen Dschungel wachsen lassen, und auf dem Dachboden sollte Manhattan auferstehen. Dass es dazu nicht mehr gekommen ist, kann sein Lebenspartner noch immer nicht fassen – „so, wie Harry nicht glauben konnte, dass er aus dem Häuschen rausmusste“.

Mit einer ordentlichen Portion Glitzer an Mütze, Weste und Hemd hat Harry Schaale sich im September 2021 aus Schorndorf verabschiedet: Beim Ateliertag, der Corona-Alternative zur Kunstnacht, hat der 60-Jährige sein schrilles Häuschen in der Risslerinstraße noch einmal für Besucher geöffnet. Dann musste er sein liebevoll dekoriertes Zuhause aufgeben: Ihm wurde nach mehr als 20 Jahren wegen Eigenbedarfs gekündigt. Harry Schaale, der in Schorndorf aufgewachsen ist und die Stadt eigentlich nie

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