Schorndorf

Schorndorf: Gässlesmarkt lässt keine Wünsche offen

Gässlesmarkt
Geselligkeit und Genuss: Ein Gläschen Sekt trinken gehört dazu. © Gabriel Habermann

Nur strahlende Gesichter: Der Gässlesmarkt ließ keine Wünsche offen. Weder fehlte es an geschmackvollem, nützlichem und der Seele guttuendem Krimskrams, noch herrschte ein Mangel an kulinarischer Diversität – vor allem aber konnte der Geselligkeitsakku wieder aufgetankt werden. Und der heimischen Geschäftswelt, die nach Corona positive Impulse verdient hat, tat das lebhafte Treiben ebenfalls gut.

Die Leute kruschteln herum, schauen und bummeln, scheinbar ohne Ziel, zum reinen Zeitvertreib und weil es schön ist. Überall, wo Tische stehen, wo es fein nach Essen oder Kaffee duftet oder wo etwas zum Umrühren oder im Glas mit Röhrle gereicht wird – ob kalt erfrischend oder Heißgetränk –, da verweilen die Leute. Zwei Jahre lang war es nicht mehr zu erleben, und umso begehrter und gelungener war der wieder zum Leben erweckte Gässlesmarkt: Die Weststadt gehörte den unzähligen Besuchern aus Schorndorf und Umgebung.

Schön, endlich wieder unter Menschen zu sein

„Schön, dass man mal wieder ein paar Leute trifft, ohne sich zu verabreden“, sagen die Schorndorferinnen Else und Hannelore. Den Gässlesmarkt kennen sie gut, sie wissen: Einfach hingehen und schauen, was es gibt und wer so alles da ist - darum geht’s. Entsprechend schmerzlich haben sie das städtische Angebot zum kollektiven Müßiggang vermisst. „Wir sind froh, dass man wieder ganz entspannt rauskann.“ Viele zog es wie sie „raus“ ins Getümmel der vollen Gassen, die sich doch irgendwie charmant unaufgeregt, ohne Schieberei durchschlendern lassen.

In der Neuen Straße, der Kirchgasse und Hetzelgasse hatten 45 Händler ihre Stände aufgebaut. Viele sind vom Weihnachtsmarkt oder früheren Gässlesmärkten bekannt, fünf Anbieter waren neu, so etwa die Taschen aus recycelten Messeteppichen. Jede ist ein Unikat, gefertigt von Bärbel Tochtermann und ihrer Tochter Melanie Schwarz. „Wir sind bei einem Messebesuch aus Versehen zur falschen Ausgangstür rausgegangen und haben einen Container mit gebrauchten Teppichresten gesehen“, schildert Bärbel Tochtermann die Anfänge ihrer Idee. „Was normalerweise ausgemustert und weggeworfen wird, lebt bei uns weiter.“ Die gesammelten Teppichreste werden auf Wasserbasis gereinigt, dann zugeschnitten und in eine Tasche verwandelt. Die typische Webung der ehemaligen Teppiche ist deutlich zu erkennen. Inzwischen, so die Näherin, leben sie von ihrem Ladengeschäft „Dui Dasch“ in Wäschenbeuren. Anders ist das bei Gerhard Gattenmeyer aus der Nähe der fränkischen Stadt Weißenburg. „Ich bin Landwirt“, stellt er unmissverständlich klar und steht dann – voll im Hobbymodus – stundenlang mit Hingabe an seiner Bandsäge. „Ich mach’ heute die Krippenfiguren für die Weihnachtsmärkte“, sagt er. Sehr zur Freude der Besucher sind auch die Tiere aus Holz, an seinen ausgesägten Pferden, Eulen, Bienen, Kuhköpfen und Katzen können viele nicht vorbeigehen. „Drei Pferde für drei Euro, das nehm’ ich für die Enkel mit zum Anmalen“, sagt Inge Muth aus Schorndorf.

Marion Leukert ist in sommerlicher Kleidung unterwegs und ihrer Zeit weit voraus: „Ich habe bei einem Weihnachtsbäumchen aus Holz als Deko für den Kindergarten zugegriffen“, sagt die Erzieherin. Sie liebe es, über den Markt zu schlendern, im Anschluss an ihre gewohnten Wochenmarkteinkäufe noch das „Add-on“ mitzunehmen.

Von Andreas Fink vom veranstaltenden Eigenbetrieb Tourismus und Citymanagement ist zu hören, dass sich Wochenmarkt und Gässlesmarkt gut ergänzen. Es habe sich gezeigt, „dass man auch mit einer eher kleineren Veranstaltung Frequenz in die Innenstadt bringt“. Was er Frequenz nennt, tut den Fachgeschäften gut. Zwischen den Ständen zum Wühlen und Entdecken erspäht man neben Tischen mit ausgestellter Gartendeko und Sachen aus Olivenholz immer wieder eine geöffnete Ladentür.

Konzept der Verantwortlichen wurde gut angenommen

Das Konzept des städtischen Eigenbetriebs Tourismus und Citymanagement, der zum ersten Mal die Organisation übernommen hatte, kam gut an, so dass etliche Geschäfte mitmachten. Manch einem Besucher wird da wieder der wahrlich bunte Branchenmix vor Augen geführt, der hier überlebt mit einem Angebot, das der Innenstadt ein eigenes Gesicht gibt. Bekleidungs- und Schuhgeschäfte zeigen ihre aktuellen Trends. Gleich nebenan gibt es ein Angebot an Honig, Tee und Räuberlinsen, in der Neuen Straße können fair gehandelte Waren aus Portugal vom Neuzugang Pois aus Winnenden gekauft werden.

Neue Straße voll wie selten

Liebhaber von Kräuterteemischungen finden das Passende. Andrang auch bei Gsälz und Fruchtlikören aus eigenem Obstanbau. Höchste Zeit für ein junges Paar, die Bremse am Rollstuhl der Oma anzuziehen und sich Entspannung und eine kurze Auszeit zu gönnen. „Jetzt gibt’s erst mal ein Schnäpsle für sie.“ Und danach einmal tief einatmen und der Schnuppernase ein süßlich-blumiges Duftangebot einer Seifenherstellerin machen, deren Produkte in der Signalfarbe Rosarot märchenhaft anmuten. Wer eine Reise nach Kambodscha plant, wird am Stand eines Reiseanbieters fündig, der zudem Schneidbretter aus Vietnam und Messer aus Thailand zum Verkauf anbietet.

„Die neue Straße ist voll wie selten“, sagt Jakob Härer. Vor seinem Concept Store wird gewischt, aber nicht auf Smartphone-Displays, sondern auf Holz. Genauer: auf den glatten, fein geschliffenen und geölten Oberflächen, die zwei Hobbykünstler aus Walkersbach als „Albtische“ präsentieren. „Im Vorbeigehen wischen viele einmal mit der Hand drüber, Holz muss man anfassen“, sagt Rene Stauß. Die regionalen Hölzer können sogar „gelesen“ werden: Ein Kärtchen an jedem Tisch informiert darüber, wo der Baum gestanden hat und wie er zum Unikat wurde.

Nur positives Feedback

Andreas Fink ist nur Positives zu Ohren gekommen. Er habe unter anderem mit Jochen Härle vom Modehaus Kraiss gesprochen, der sagt, er habe von der Frequenz profitiert. Man merke, „dass die Leute Lust haben, wieder rauszugehen und zu bummeln“. „Superglückliche“ Mienen auch bei den Jungunternehmerinnen Bahar Kocaaga und Emine Bakir, deren Pop-up-Store „by emba“ mit einem individuellen Angebot an Schmuck und Accessoires einen zeitlich befristeten weiteren Glanzpunkt in die Weststadt setzt. Dass da etwas „laufen wird“, deutete sich bereits in den ersten Stunden an: Die für diesen Tag gepackten „Welcome-Tüten“ seien innerhalb kürzester Zeit vergriffen gewesen.

Nur strahlende Gesichter: Der Gässlesmarkt ließ keine Wünsche offen. Weder fehlte es an geschmackvollem, nützlichem und der Seele guttuendem Krimskrams, noch herrschte ein Mangel an kulinarischer Diversität – vor allem aber konnte der Geselligkeitsakku wieder aufgetankt werden. Und der heimischen Geschäftswelt, die nach Corona positive Impulse verdient hat, tat das lebhafte Treiben ebenfalls gut.

Die Leute kruschteln herum, schauen und bummeln, scheinbar ohne Ziel, zum reinen

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