Schorndorf

Schorndorf: Warum Fotograf Stefan Seip von Nachthimmel-Wundern fasziniert ist

Polarlichtfoto
Faszinierende Himmelserscheinung: Ein Polarlicht – aufgenommen in Norwegen (Insel Senja). © privat

Die Astrofotografie zeige Formen, Strukturen und Farben, die das menschliche Auge nie wird wahrnehmen können. Sie schaffe immer wieder neue Herausforderungen. Erfolg und Misserfolg liegen nahe beieinander, Glück und Können geben sich die Hand, zwischen Enttäuschung und Befriedigung liegen oft nur wenige Sekunden oder ein Handgriff. Sie beschert einem unvergessliche Stunden unter dem nächtlichen Firmament. Sie schafft äußerst ästhetische Resultate. Sie ist eine „Liebeshochzeit der Physik, Fotografie, Kunst und (elektronischer) Bildverarbeitung“ – das ist es, was den Fotografen Stefan Seip, der seit mehr als 40 Jahren weltweit auf der Pirsch nach den Wundern des Nachthimmels ist, fasziniert.

An der Volkshochschule Schorndorf ist er seit 2008 als Dozent für Kurse zu fast allen möglichen Themen zur Fotografie tätig. Ende 2021 ist sein neues Buch im Kosmos Verlag erschienen, das er am 29. März in der Volkshochschule vorstellen wird.

Seltene Erscheinungen aus Licht und Schatten

Das funkelnde Band der Milchstraße über der Landschaft, bunt leuchtende Polarlichter in Skandinavien, einmalige Finsternisse an abgelegenen Orten, seltene Erscheinungen aus Licht und Schatten – was reizt den Mann, der 1978 zum ersten Mal eine Kamera in den Händen hielt, an diesen Phänomenen? „Nun, man kann sich im Leben mit kleinen Dingen beschäftigen oder das große Ganze im Blick haben. Und etwas Größeres als das Universum ist uns Menschen nicht bekannt. Weniger lakonisch – ich habe einfach zwei meiner frühen Hobbys, die Fotografie und die Astronomie, miteinander verbunden, so dass ich sie gleichzeitig ausüben kann“, erzählt Seip.

Der studierte Diplom-Biologe war als Computerspezialist und als Führungskraft in der Industrie tätig. Die Fotografie habe ihn aber schon immer in seinen Bann gezogen: „Tatsächlich gab es die Fotografie in meinem Leben lange vor dem Bio-Studium. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, dass ich als Zwölfjähriger das Gefühl hatte, mein Leben sei zu langweilig.“ Aus diesem Grund habe er sich Gedanken gemacht, mit was er sich gerne beschäftigen würde. „Die Fotografie bot sich an, weil sie einerseits ein technischer Prozess ist, wo Logik gefragt ist, andererseits aber auch Kreativität erfordert.“ Aber auch die Biologie und die EDV zähle er weiterhin zu seinen Hobbys.

Außergewöhnliches Ereignis: Venustransit im Jahr 2004

40 Jahre mit der Kamera unterwegs – Zeit genug, um sehr viele außergewöhnliche Ereignisse am Himmel zu fotografieren, seien es Sonnen- und Mondfinsternisse, Polarlichter, Kometen oder seltene Konstellationen. „Wenn Sie mich fragen, welches davon das außergewöhnlichste war, würde ich mich für den Venustransit im Jahr 2004 entscheiden.“ Seip erklärt: „Darunter zu verstehen ist, wenn sich der Planet Venus genau zwischen der Sonne und der Erde aufhält, so dass er als Silhouette vor der Sonne sichtbar wird. Das geschieht nur sehr selten, vor 2004 war es im Jahr 1882 der Fall. 2012 gab es einen weiteren, den ich von Hawaii aus beobachtete, und der nächste wird erst wieder im Dezember 2117 stattfinden. 2004 sind mir von meinem heimischen Balkon in Stuttgart aus so scharfe Fotos gelungen, dass diese auf den Titelseiten vieler Zeitungen, Zeitschriften und Magazine weltweit abgedruckt wurden.“

Längere Planungs- und Vorbereitungsphase

Ein Bild entsteht nicht „einfach so“. In aller Regel geht jeder einzelnen von Seips Aufnahmen eine längere Planungs- und Vorbereitungsphase voraus. „Finsternisse beispielsweise können exakt für Hunderte von Jahren im Voraus berechnet werden, so dass man rechtzeitig an die Orte auf der Welt reisen kann, von denen aus die Beobachtungsbedingungen optimal sind.“ Eine totale Sonnenfinsternis, die wohl eindrücklichste Himmelsshow, würde man in seinem Leben mit großer Wahrscheinlichkeit nie zu Gesicht bekommen, wenn man gänzlich auf das Reisen verzichtet.

Mitunter könne man schon Monate und Jahre im Voraus die Reiseroute planen, ein Hotel und ein Flug-/Bahnticket buchen. Die meisten astronomischen Ereignisse lassen sich mit hoher Präzision vorhersagen und finden dann, im Gegensatz zu den Ankündigungen der Astrologie, auch statt. Bei Kometen hingegen kann es vorkommen, dass die „Vorwarnzeit“ nur wenige Monate, Wochen oder gar Tage beträgt. „Und ganz selten tritt man nachts vor die Tür und wird mit einer vollkommen unvorhergesehenen Erscheinung konfrontiert, die dann in aller Spontanität fotografiert werden will, etwa einem pittoresken Wolkenmuster um den Mond herum.“ Aber es komme auch vor, dass man selbst bei einem von langer Hand durchgeplanten Himmelsshooting plötzlich doch improvisieren muss, weil die Wetterbedingungen nicht so sind, wie man es erwartet hat.

Unvergleichliche Erlebnisse

Ob es ein Land gibt, in dem man den Nachthimmel ganz besonders gut sieht und fotografieren kann? Ad hoc fallen Stefan Seip Chile und Namibia ein: „Beide Länder liegen, zumindest teilweise, in den Subtropen, sind nur dünn besiedelt und befinden sich in der Nähe des Erdäquators. Die subtropischen Gürtel sind durch Wüsten gekennzeichnet, über denen die Luft trocken und besonders transparent ist. Zudem gibt es im Vergleich zu Deutschland sehr wenige Wolken, und die Anzahl nutzbarer Nächte ist im Jahresmittel um ein Vielfaches höher als hier.“

Das unvergleichliche Erlebnis, einen dunklen, sternenklaren Nachthimmel zu beobachten, ohne Hilfsmittel, mit dem bloßen Auge, zähle für ihn zu den schönsten Dingen seines Lebens, sagt Seip. Die vertraute Erde unter den Füßen, die Weiten des Universums über dem Kopf: „Das ist Balsam für die Seele.“

Der Wunsch: Ein spektakulärer Jahrhundertkomet

Alles schon gesehen, oder gibt es da noch was, wonach der Fotograf strebt? „Wenn es in der Astronomie so etwas gäbe wie ‘The Big Five’ der afrikanischen Tierwelt, dann hätte ich diese Liste inzwischen abgearbeitet. Doch zum einen sind viele Himmelsphänomene einzigartig. Zum anderen entwickeln sich die Beobachtungstechnik und die eigenen Fertigkeiten immer weiter, so dass man von sich ähnelnden Motiven immer bessere Fotos machen kann. Wünschen würde ich mir einen hellen, spektakulären Jahrhundertkometen wie ‘Hale-Bopp’ im Jahr 1997, und sehr gerne würde ich einmal nach Australien reisen.“ In den zentralen Bereichen dieses Landes (Outback) sollen die Bedingungen für die Beobachtung und Fotografie des Sternenhimmels ebenso gut sein wie in Namibia und Chile.

Und da Seip auf seinen Reisen nicht nur in den Himmel schaut, sondern auch die dort lebenden Menschen, die Pflanzen-, Tierwelt und die Geologie kennenlernen möchte, wäre Australien eine schöne Abwechslung.

Aktuell stehen Teneriffa im Mai/Juni sowie Namibia im Juli/August auf dem Plan, um dort den Nachthimmel zu fotografieren. Abschließend sagt Stefan Seip: „Freilich kann ich auch heute noch die visuelle Astronomie genießen wie einst, aber die Astrofotografie hat die Oberhand gewonnen und erfordert meinen vollen Einsatz. Hätte ich frühzeitig geahnt, welcher Einsatz an Zeit, Ausdauer, Technik, Know-how und letztlich auch Geld notwendig sein würde, um zu hochwertigen Ergebnissen zu kommen, hätte ich mir die ganze Sache nochmals überlegt – um schließlich doch diesen Weg zu gehen!“

Die Astrofotografie zeige Formen, Strukturen und Farben, die das menschliche Auge nie wird wahrnehmen können. Sie schaffe immer wieder neue Herausforderungen. Erfolg und Misserfolg liegen nahe beieinander, Glück und Können geben sich die Hand, zwischen Enttäuschung und Befriedigung liegen oft nur wenige Sekunden oder ein Handgriff. Sie beschert einem unvergessliche Stunden unter dem nächtlichen Firmament. Sie schafft äußerst ästhetische Resultate. Sie ist eine „Liebeshochzeit der Physik,

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