Schorndorf

Schorndorfer im Home-Office: Effizient, aber ziemlich einsam

Home Office
Im Home-Office Grundvoraussetzung: Stabiles, schnelles Internet. © ALEXANDRA PALMIZI

Seit mehr als einem Jahr sitzen mehr und mehr Arbeitnehmer zu Hause vor dem Laptop: Home-Office statt Großraumbüro. Was als scheinbare Übergangslösung begann, um die Kontakte zur Eindämmung des Coronavirus zu reduzieren, ist neue Normalität geworden. Kurzer Weg zur Arbeit (einmal über den Flur), ein einfallsloser Kantinenkoch (man selbst), einsilbige Gesprächspartner (der Fisch im Aquarium) und unbequeme Bürostühle (der eigene Esszimmerstuhl) gehören dazu.

Und spätestens seit der Einführung der Home-Office-Pflicht betrifft es im Grunde jeden, der keinen Kundenkontakt für die Ausübung seines Berufs braucht. Und tatsächlich eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums hat jetzt ergeben, dass die Nutzung des Home-Office wegen der Corona-Pandemie im Frühjahr nun ihren Höhepunkt erreicht hat. Fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland (48 Prozent) arbeiten derzeit zumindest stundenweise im Home-Office.

Große Kooperationsbereitschaft bei den Mitarbeitern

Ganz reibungslos sind die Umzüge ins Home-Office nicht überall gelaufen. Timo Galli, Personalchef bei der Schorndorfer Firma Alphacam hatte reichlich zu tun, bis alles klappte. „Zu Beginn war es ja kaum möglich, ausreichend Notebooks zu bekommen“, erinnert er sich. Landauf, landab waren die Geräte ausverkauft. Dazu konnte nicht für jeden Mitarbeiter mit Büroarbeitsplatz ein Mobiltelefon angeschafft werden. Er ist froh über die Kooperationsbereitschaft seiner Mitarbeiter, die sich die Anrufe aus dem Büro auf ihre privaten Telefone umleiten lassen. „Allerdings sind durch die Kurzarbeit ohnehin nicht alle Mitarbeiter im Einsatz.“ Zudem könnten viele Mitarbeiter gar nicht von zu Hause arbeiten. Für Service und Kundenbetreuung müssten etliche Kollegen vor Ort sein. Angesichts der geringeren Anzahl an Personen vor Ort ist es gelungen, jedem Mitarbeiter im Firmengebäude ein Büro zuzuordnen, um die Kontakte untereinander trotz Anwesenheit zu reduzieren.

Service vor Ort muss gewährleistet sein

Die Schorndorfer Firma verkauft industrielle 3D-Drucker in ganz Deutschland. Etliche Mitarbeiter arbeiteten daher ohnehin schon – aufs Bundesgebiet verteilt – mobil und von zu Hause aus, um bei den jeweiligen Kunden schnell vor Ort sein zu können. Zudem hat die Firma 70 Anlagen in Schorndorf stehen, an denen sie für andere Firmen Druckaufträge ausführt, die selbst keine Kapazitäten für eigene 3D-Drucker haben. Grundsätzlich mache das Home-Office die Abläufe durchaus aufwendiger. Die Erreichbarkeit ist eingeschränkter, obwohl pro Technologie immer ein Ansprechpartner vor Ort ist. Die Kommunikation untereinander ist langsamer.

Auch Thorsten Karle, Leiter der Unternehmensentwicklung bei der Kreissparkasse Waiblingen, bedauert den fehlenden Austausch unter den Mitarbeitern. Vor mehr als einem Jahr hat er seine Abteilung übernommen, alle Kollegen zusammen hat er noch nie getroffen. Drum unternimmt er auch immer wieder sogenannte „Care-Calls“, Anrufe also, in deren Rahmen er seine Mitarbeiter nach deren Wohlbefinden fragt. Gerade der zwischenmenschliche Austausch sei es schließlich, der vor allen Dingen wegfällt. Und so ist sein Plan, endlich ein Team-Event zu organisieren, wenn die Corona-Situation das endlich wieder zulässt.

Kreissparkasse: Bis zu 700 Mitarbeiter gleichzeitig im Home-Office

Glücklicherweise, so berichtet er, sei man bei der Kreissparkasse mit ihren Filialen in Schorndorf, Waiblingen, Winnenden ungeplant vorbereitet gewesen auf den Umzug ins Home-Office. Schon im November 2019 habe man nämlich ohnehin begonnen, sich auf mehr dezentrales Arbeiten vorzubereiten und die Hälfte der Mitarbeiter mit mobilen Arbeitsgeräten ausgestattet. Seither wurden es immer mehr Kollegen, die von zu Hause aus oder direkt beim Kunden über iPads arbeiten können. 600 bis 700 Mitarbeiter erledigen derzeit jeden Tag ihre Jobs in ihrer eigenen Wohnung. Das wiederum hatte den Personalplanern ermöglicht, die vorhandenen Büros mit maximal einem Arbeitnehmer zu besetzen.

Natürlich habe diese neue Gewohnheit zu arbeiten auch Auswirkungen auf die Planungen die künftigen Büroformen betreffend. „In fünf Jahren wird unsere Flächennutzung sicher ganz anders aussehen“, erklärt Karle. Die Kreissparkasse halte etliche eigene Objekte, womöglich würden einige von ihnen künftig vermietet, wodurch neue Einnahmequellen erschlossen werden könnten. Allerdings – reine Home-Office-Lösungen hält er für unwahrscheinlich. Die Isolierung der einzelnen Mitarbeiter sei keine gute dauerhafte Lösung. Aber tageweise könnte das mobile Arbeiten durchaus beibehalten werden.

Stadtverwaltung: Bessere Vereinbarkeit vom Familie und Beruf

Auch bei der Stadtverwaltung Schorndorf setzt man derzeit stark auf Heimarbeitsplätze. Und die Erfahrung zeige, so Pressesprecherin Nicole Amolsch, dass die Mitarbeitenden durch mobiles Arbeiten durchschnittlich effizienter arbeiteten. Komplexe Aufgaben könnten zu Hause konzentrierter und damit schneller bearbeitet werden.

Nebenbei lasse sich so auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie herstellen. Das steigere die Zufriedenheit der Mitarbeitenden. „Aktuell gehen wir zudem davon aus, dass durch Desk-Sharing und mobiles Arbeiten eine Flächenersparnis von circa zehn Prozent bis zum Jahr 2030 erreicht werden könnte.“ Gleichzeitig müsse die Stadtverwaltung als Servicedienstleister für die Bürgerinnen und Bürger Wert darauf legen, dass es stets genügend Ansprechpartner vor Ort für den persönlichen Kontakt gibt.

Seit mehr als einem Jahr sitzen mehr und mehr Arbeitnehmer zu Hause vor dem Laptop: Home-Office statt Großraumbüro. Was als scheinbare Übergangslösung begann, um die Kontakte zur Eindämmung des Coronavirus zu reduzieren, ist neue Normalität geworden. Kurzer Weg zur Arbeit (einmal über den Flur), ein einfallsloser Kantinenkoch (man selbst), einsilbige Gesprächspartner (der Fisch im Aquarium) und unbequeme Bürostühle (der eigene Esszimmerstuhl) gehören dazu.

Und spätestens seit der

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