Schorndorf

Schorndorfer OB Klopfer im Interview

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Angriffe und Drohungen gehören nicht zum Oberbürgermeister-Alltag von Matthias Klopfer. Doch in den sozialen Medien erlebt auch er einen zunehmend rauer werdenden Ton. Seine Strategie: Er liest lieber Zeitung statt Hass-Kommentare auf Facebook. © Ralph Steinemann Pressefoto

Schorndorf. Drohungen, Hass und Gewalt – der Ton in der Kommunalpolitik, so scheint es, wird rauer. Ende November wurde der Bürgermeister aus dem sauerländischen Altena, der sich in besonderem Maß für Flüchtlinge eingesetzt hat, Opfer einer Messerattacke. Kommunalpolitiker stehen vorne und kriegen alles ab. Und mag für Oberbürgermeister Matthias Klopfer Auseinandersetzung auch zur Politik gehören, auch er nimmt unversöhnliche Töne wahr – insbesondere beim Thema Windkraft.

Herr Klopfer, schlägt auch Ihnen mittlerweile der Hass auf dem Marktplatz und im Internet entgegen?

Das spüre ich im Alltag wirklich gar nicht. Auseinandersetzung ist Teil der Politik, das muss man als Politiker aushalten. Das ist ein schöner Beruf und es gibt viel positives Feedback. Wie diese Woche auf dem Weihnachtsmarkt, da hat sich jemand bei mir bedankt, dass ich hier auch ganz normal Glühwein trinke wie alle anderen auch. Und im Gemeinderat, da bekommt man ja auch viel Lob für das, was wir auf den Weg bringen. Wirft man’s in die Waagschale, dann ist das Berufsbild des Oberbürgermeisters und der Oberbürgermeisterin extrem positiv. Aber es gibt natürlich Sondersituationen, wo’s anders ist.

Der Bürgermeister von Altena stellte nach der Messerattacke fest: „Das ganze Land ist polarisiert?“ Ist auch Schorndorf polarisiert?

Ich würde sagen, in einzelnen Stadtquartieren, wenn man sich die Wahlergebnisse anschaut, ist Schorndorf polarisiert. Deshalb überlege ich mir auch weiterhin ernsthaft, wie man mit der Situation dort umgeht. Es ist in Teilen ein klares Nein zur Kommunalpolitik, wie auch auf Bundes- und Landesebene. Wenn wir bei der Bundestagswahl in einzelnen Wahllokalen Ergebnisse haben zwischen 20 und 30 Prozent für die AfD, dann polarisiert das schon, da darf man sich nichts vormachen.

Kann Lokalpolitik da überhaupt etwas ausrichten?

Ich glaube schon. Auf der einen Seite muss man einfach immer und immer wieder erklären, warum wir was machen. Muss selber auch positives Vorbild sein. Aber wir haben bei der Flüchtlingsverteilung, das muss man halt auch sagen, der Schorndorfer Nordstadt viel zugemutet. Wenn ich’s auf die Gesamtstadt sehe, dann waren eben 80 Prozent unserer Flüchtlinge in der Nordstadt untergebracht. Dass dann dort manche sagen, das war falsch, kann ich nachvollziehen. Unser Problem ist, und das ist wirklich ein ernsthaftes Problem, wenn die Menschen nur in ihren Communities unterwegs sind, nicht die Zeitung lesen, nicht das Amtsblatt und nicht mal die Neuigkeiten aus einer Stadt in Facebook, dann haben wir als Politik gar keinen Zugang mehr.

Nach den SchoWo-Vorfällen mit angeblich 1000 randalierenden Jugendlichen im Schlosspark und Gerüchten von massenhaften sexuellen Übergriffen, die im Sommer Journalisten aus der ganzen Republik nach Schorndorf gelockt haben, war die Stimmung besonders vergiftet. Allein 1000 Hass-und Hetzkommentare auf ihrer Facebook-Seite, 500 auf der Seite der Stadt. Was macht das mit einem Oberbürgermeister?

In den Tagen war ich bloß beschäftigt, zu funktionieren. Ich bin um Mitternacht oder nach Mitternacht ins Bett, hab wenig geschlafen und musste morgens um acht schon wieder im Fernsehen sein. Zum Glück hatte ich ein Team, das mich getragen und perfekt unterstützt hat. Ich habe versucht, 18 Stunden zu funktionieren.

Hat das Spuren hinterlassen?

Wir haben das auch im Gemeinderat diskutiert und ich finde, dass es keine Spuren hinterlassen hat. Wir sind alle wachsamer und aufmerksamer, und sicherlich auch nervös vor der nächsten SchoWo, keine Frage. Meine große Sorge ist, dass wir zum Symbol werden, dass manche das auch ganz gezielt anzetteln.

Sie haben die Hass-Kommentare damals der Polizei übergeben, gibt es ein Ermittlungsergebnis?

Da bin ich selber gespannt. Die Polizei ermittelt auf unterschiedlichsten Ebenen, aber bei den sozialen Medien tun wir uns als Rechtsstaat sehr schwer. Da hat sich in diesem Jahr mit dem Bundesgesetz (dem Netzwerksdurchsetzungsgesetz, Anm. d. Red.) ja auch was verändert. Deshalb finde ich, dass man als Politiker auch Vorbild sein muss, Hass-Kommentare nicht akzeptiert, sondern zur Strafanzeige bringt.

In Aufarbeitung der SchoWo-Vorfälle gab es auch eine Auseinandersetzung zwischen Ihnen und dem Polizeipräsidenten Roland Eisele, vor allem wegen den ersten, unglücklich formulierten Pressemitteilungen am SchoWo-Wochenende. Haben Sie sich mittlerweile wieder versöhnt?

Wir haben uns schon mehrmals getroffen, bei Veranstaltungen, aber auch bei mir im Büro. Natürlich arbeiten wir mit der Polizei auch in Zukunft sehr gut zusammen. Wir hatten einen Dissens vor allem über das Thema Kommunikation. Das hat mit einem kleinen Ausschnitt von polizeilicher Arbeit zu tun, nämlich mit der Art und Weise wie man kommuniziert.

Wie würden Sie sich beschreiben, sind Sie ein versöhnlicher Typ? Oder sind Sie nachtragend?

Überhaupt nicht nachtragend, ich vergesse auch alles. Ich finde persönlich, das ist eine gute Charaktereigenschaft. Ich schaue wirklich ausschließlich nach vorne. Selbst wenn ich mal mit jemandem richtig Stress habe, ist das für mich danach erledigt.

Braucht es eine solche Haltung in der Kommunalpolitik?

Das tut einem als Mensch insgesamt gut, wenn man mit einer positiven Lebenseinstellung unterwegs ist. Aber in der Politik erst recht. Da gibt’s immer mal wieder Streit, da gehen die Emotionen hoch. Ich selber sag ja auch mal ein falsches Wort, dann wünscht man sich von der Gegenseite, dass das dann vergessen ist. Aber das Schöne ist, dass man wirklich ganz oft danach zusammensteht und sich gut unterhält.

Erleben Sie das auch, dass die Leute ihnen gegenüber versöhnlich sind?

Ich persönlich wundere mich immer, dass manchen Dinge einfallen, die ich vor Jahren gesagt haben soll. Ich habe das oft gar nicht gespeichert. Ich finde zum Thema Versöhnung gehört auch, dass man bereit ist, Fehler zuzugeben und Entschuldigung zu sagen. Und ich stelle fest, das fällt ganz vielen Menschen schwer. Dabei würde oft schon ausreichen, zu sagen, das war ein Fehler, das tut mir leid.

Beim Thema Windkraft etwa, was ich da an Hass-Mails und Hass-Briefen bekommen habe, das war richtig übel. Das verstehe ich bis heute nicht – für eine ganz harmlose politische Entscheidung. Dass ich bei der OB-Wahl nur 48 Prozent Zustimmung in Oberberken bekommen habe, das kann ich als politisches Statement akzeptieren. Aber was mir bei mehreren Veranstaltungen entgegengeschlagen ist, das kann ich nicht verstehen. Auch nicht, was mich in E-Mails oder über Facebook erreicht hat. Ich habe mir abgewöhnt, in den sozialen Medien zu lesen. Da ist mir die Zeit zu schade. Ich lese lieber Zeitung oder ein gutes Buch.

Gibt es ein vergleichbares Aufregerthema in den elf Jahren, die sie Oberbürgermeister in Schorndorf sind?

Nein. Und dabei freue ich mich immer, wenn ich die drei Windkraftanlagen in Winterbach sehe. Ich muss sagen, wunderbar, viele Tausend Haushalte, im Prinzip ganz Winterbach, sind mit Strom versorgt. Und ich würde mir so sehr wünschen, dass wir das für Schorndorf auch hinkriegen, dass man’s in Urbach hinkriegt und in Plüderhausen und in vielen anderen Städten. Ich akzeptiere, dass die Menschen das nicht wollen, weil sie sagen, es verschandelt die Landschaft. Das ist aber kein Argument dagegen, das ist eine Frage von Ästhetik. Was mich stört und was konkrete Schäden für Mensch und Natur nach sich zieht, das ist die B 29, da haben wir maximalen Verkehrslärm, und die Luftbelastung stört mich übrigens mindestens genauso wie das persönliche Verkehrsverhalten der Menschen, die mit dem Auto durch die Stadt fahren, ein Teil des Staus und anschließend auf der B 29 Teil des Feinstaubs sind.


SchoWo-Vorfälle

1000 randalierende Jugendliche im Schlosspark, massenhaft sexuelle Übergriffe auf der SchoWo – das Bild, das die bundesdeutschen Medien von der SchoWo 2017 gezeichnet haben, war verheerend. Und hatte mit der Wirklichkeit nur ganz entfernt etwas zu tun.

Dennoch hat Polizeipräsident Roland Eisele die Pressemitteilung zu den „Gewaltexzessen“ rund um die SchoWo auch im Nachhinein in einer Pressekonferenz verteidigt und für den medialen Ausnahmezustand eine von dpa ausgelöste „Missinterpretation“ verantwortlich gemacht.

Oberbürgermeister Matthias Klopfer teilte diese Einschätzung damals nicht: „Man hätte aus professioneller Sicht ahnen können, was aus dieser Pressemitteilung wird.“

Schorndorf ist und war, das kann im Nachhinein ganz klar gesagt werden, kein zweites Köln und kein zweites Hamburg. Ein Kommunikationsdesaster war der Umgang mit den SchoWo-Vorfällen in Zeiten von Facebook und Co aber sehr wohl: Die Nachricht, dass alles nicht einmal halb so schlimm war, wie vermeldet, interessierte außer ein paar seriösen Medien im Sommer 2017 niemanden mehr. Die SchoWo-Macher und die Stadt, die sich kurzzeitig der weltweiten Aufmerksamkeit sicher sein durften, hätten auf diesen Imagezuwachs gerne verzichtet.