Schorndorf

Schorndorferin erinnert sich an Evakuierung: Kleines Glück mitten im großen Krieg

Kinderlandverschickung
Brigitte Werner, Ursula Frank, Dorothea Hünemörder (v.l.n.r) in ihrer Zeit auf dem Sauter-Hof. © privat

„Weißt Du noch, der Gockel in Birkenhard? Und wie Anna ab und zu ein Ei für uns hinterm Ofentürle versteckt hat?“ Und wie die Schorndorferin Brigitte Werner das noch weiß. Nie wird sie diese Zeit vergessen, die für sie und ihre Schwestern ein kleines bisschen heile Welt in einer schrecklichen Zeit bedeutete, als sie 1945 nach Oberschwaben evakuiert worden waren. Jetzt haben sie, anlässlich ihres 80. Geburtstages den Hof in Birkenhard und die Nichte der damaligen Bauersleute besucht. Und die nahm sie wirklich herzlich auf.

Am 6. April 1945 setzte sich im Stuttgarter Hauptbahnhof der Sonderzug „Kreis Biberach“ in Richtung Oberschwaben in Bewegung, voll besetzt mit Müttern und Kindern, darunter auch Elsa mit ihren drei Töchtern (Ursula, Brigitte und Dorothea) und ihre kinderlose Schwester Mathilde. Die Mädchen, damals siebeneinhalb, viereinhalb und drei Jahre alt, fuhren mit Mutter und Tante ins Ungewisse. Organisiert hatte die sogenannte „Evakuierung“ die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ des Naziregimes im Rahmen der „Mutter-Kind-Verschickung“.

Flucht vor den zahlreichen Luftangriffen der Alliierten

Zurück ließen die fünf ihre Wohnung im Botnanger Haus, vom Großvater der drei Mädchen um 1919 für die Großfamilie gekauft. Es war bis zum Winter 1944/45 unversehrt geblieben. Doch die Luftangriffe der Alliierten auf Stuttgart wurden zahlreicher. So war es für Elsa Normalität geworden, ihre Mädchen abends im Trainingsanzug ins Bett zu bringen, damit man bei Fliegeralarm schnell zum Luftschutzbunker rennen konnte. Die Sorge, wo die Ehemänner im Krieg steckten, oft wochenlang ohne Nachricht voneinander, wurde ausgeblendet, die täglichen mühevollen Besorgungen und Pflichten bestimmten den Alltag.

Welch ein Glück für Elsa, dass sie stets die Unterstützung ihrer Schwester Mathilde hatte, beide verband eine innige Liebe. Die Mädchen hingen an ihrer fürsorglichen Tante. Und sie waren glücklich, dass Tante Mathilde mit „verschickt“ wurde. An der letzten Station vor Biberach, in Warthausen, hieß man die Botnanger aussteigen - zusammen mit 115 anderen Evakuierten. Nach der freundlichen Begrüßung durch den Bürgermeister wurden die einzelnen Gruppen auf verschiedene Quartiere verteilt.

Mit dem Pferdefuhrwerk zu den Sauters

Da Elsa die jüngsten Kinder hatte, wurden die fünf gleich in ein Pferdefuhrwerk verfrachtet und nach Birkenhard, einem kleinen Bauerndorf bei Warthausen, kutschiert. Gleich im zweiten Haus am Ortsanfang wurden sie einquartiert. Es war das Haus der Bauernfamilie Sauter. Die Sauters, die selbst fünf Kinder hatten, wurden nicht gefragt, ob sie zwei Frauen mit drei kleinen Kindern bei sich aufnehmen könnten. Sie musste den „Verschickten“ ein Zimmer mit Küchenbenutzung zur Verfügung stellen.

Welch ein Glück für Elsa, Mathilde und die Kinder, dass sie bei den Bauersleuten auf eine verständnisvolle Familie trafen. Und welch ein Glück für Familie Sauter, denn die zupackende, zugewandte und unkomplizierte Art der „Gäste“ tat ihr Übriges. Schließlich musste man sich beim Kochen arrangieren: ein Herd mit Holzfeuer, auf dem täglich für ungefähr 12 Leute gekocht werden musste.

Bereits am 9. April berichtete Elsa in einem Feldpostbrief an ihren Mann: „Gleich im zweiten Bauernhaus kam ich mit den zwei kleinen Kindern unter, Mathilde mit Ursel uns gegenüber. Ich bekam die „beste“ Stube (…) , sehr sonnig, mit einem Riesenofen, (…), ein großes Bett und ein Kinderbett: Ich war von Herzen dankbar. Die Bäuerin hat 25 Morgen, 7 Kühe, 4 Schweine, 40 Hühner, 3 pralle Maiden, die schmeißen den ganzen Laden. (…) Die Kinder bekommen gute fette Milch, so viel sie wollen. Ich kann Dir Gott Lob und Dank nur das Beste berichten. Die Familie Sauter ist rührend besorgt und kommt mir in jeder Weise entgegen.“

Gehaltsvolles Essen statt schmaler Kost

Gebacken wurde im Backhaus auf dem Hof. Heiß geliebt waren bei den Städtern die „Dennate“, die am Ende des Backtages aus dem Ofen kamen. Das Lagern von Speisen war aufwendig ohne Kühlschrank. Alles musste man einkochen oder fermentieren.

Aber nicht nur das Essen war für die Mädchen gehaltvoller als die schmale Kost der letzten Jahre, auch das Leben auf dem Hof war unbeschwerter als in der von Bomben bedrohten Großstadt. Das bäuerliche Umfeld und die ungewohnte Nähe zu den Tieren brachten viele abenteuerliche Erlebnisse mit sich. Ursula musste nun in Birkenhard in die Grundschule gehen, ansonsten aber konnten sie draußen spielen. „Der Hund, wie hieß er gleich? Ach ja, Kneisel! Der hat oft gejault, wenn er Musik gehört hat“, kommt es ihr in den Sinn. Und Brigitte fügt hinzu: „Der Gockel war definitiv das Schlimmste, er war recht aggressiv und verfolgte uns beim Überqueren des Hofes auf dem Weg zum externen Klohäuschen.“ Ursula und Dorothea nicken heftig, ja, das war so.

Noch eine Erinnerung: die Fronleichnamsprozession im katholischen Oberland. Und das Kriegsende: Irgendwann marschierten marokkanische Truppen durchs Dorf, ein Ereignis, denn dunkelhäutige Menschen hatte man in Birkenhard noch nie gesehen.

Verschickung ganzer Familien, um Wohnraum für Arbeiter zu bekommen

Das NS-Regime hatte die Verschickung ganzer Familien nicht ohne Hintergedanken geplant: Man brauchte in den ausgebombten Städten dringend Wohnraum für Arbeiter und andere „Ausgebombte“. Die Schwestern erzählen heute, dass ihre Mutter von einer Freundin aus Botnang einen Hinweis bekam, dass sie doch bald zurückkommen sollten, sonst würde die Wohnung besetzt. Nach rund drei Monaten Landleben wurde die Heimkehr nach Stuttgart beschlossen. Eine günstige Mitfahrgelegenheit wurde organisiert: Ein Fleischtransport von Biberach nach Stuttgart konnte außer riesigen rohen Fleischstücken einige „Passagiere“ mitnehmen. Mutter und Kinder fanden Platz auf der Ladefläche, nur für die Tante reichte es nicht. Unisono bricht es heute aus den dreien heraus: „Wir mussten so furchtbar weinen, weil wir unsere geliebte Tante zurücklassen mussten.“

Das Haus in Botnang stand noch. Mathilde kam ein paar Tage später nach Hause. Und noch einmal hatten die Frauen Glück: Auch ihre Männer kamen halbwegs unversehrt aus dem Krieg nach Hause. Elsa starb erst 2015 im gesegneten Alter von 102 Jahren, bis zu ihrem Tod liebevoll gepflegt von der jüngsten Tochter, immer unterstützt von den beiden anderen und der Großfamilie.

Nichte bewirtschaftet noch heute den Sauter-Hof

Und nun der Besuch? Von den fünf Kindern starben zwei früh, nur die Tochter Klara heiratete und bekam zwei Kinder. Unverheiratet blieben Anna und Maria, zwei unzertrennliche Schwestern, die den Hof später gemeinsam übernehmen sollten. Harte Arbeit, tiefe Verwurzelung im katholischen Glauben und ein gewisser Eigensinn prägten die 80 Jahre gemeinsamen Lebens; sie haben im Doppelbett geschlafen. Immer hatten sie eine offene Tür für die Menschen im Dorf. „Die waren nicht einsam, da war immer was los“, erinnert sich die Nichte.

„Und die hatten Kraft wie ein Bär, die haben ja auch die ganze ‘Männerarbeit‘ alleine erledigt“, ergänzt ihr Mann. Beide bewirtschaften den Hof mit ihrem Sohn im Nebenerwerb noch heute. In dem Zimmer, in dem einst Elsa mit Familie einquartiert war, pflegte die Nichte ihre Tante bis zu deren Tod 2017.

Info

Literatur/Quelle: Gesprächsnotizen von Jutta Schwarz und Alexander Klipphahn, 2012, „Der freiwillige Zwang. Die Auswirkungen der erweiterten Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg auf die Biografie Betroffener.“ München, GRIN-Verlag.

„Weißt Du noch, der Gockel in Birkenhard? Und wie Anna ab und zu ein Ei für uns hinterm Ofentürle versteckt hat?“ Und wie die Schorndorferin Brigitte Werner das noch weiß. Nie wird sie diese Zeit vergessen, die für sie und ihre Schwestern ein kleines bisschen heile Welt in einer schrecklichen Zeit bedeutete, als sie 1945 nach Oberschwaben evakuiert worden waren. Jetzt haben sie, anlässlich ihres 80. Geburtstages den Hof in Birkenhard und die Nichte der damaligen Bauersleute besucht. Und die

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