Schorndorf

Schorndorferin war fast First Lady

1/4
Bucher
Ruth Bucher, 97, zu Hause in Mutlangen vor ihrer ehrfurchtgebietenden Bücherwand. © Schneider / ZVW
2/4
Bucher
„Ganz schön!“ Ruth Bucher mit der begabten Dackeldame Wurzel. © Bucher
3/4
Ewald Bucher
Ein umschwärmter Mann: Ewald Bucher, erkennbar am strahlend weißgrauen Haarschopf, inmitten einer Traube aus Autogrammjägern am Tag der Bundespräsidentenwahl am 1. Juli 1964. Am Ende gewann allerdings Heinrich Lübke. © Bucher
4/4
Ewald Bucher
Damals war Politik noch reine Männersache – immerhin waren die Herren deutlich besser gekleidet als heute: Das Bundesregierungskabinett 1962 mit (von links) Ewald Bucher, Heinrich Barzel, Werner Dollinger, Rolf Dahlgrün, Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld, Bundespräsident Heinrich Lübke, Kanzler Konrad Adenauer, Alois Niederalt, Hans Lenz und Bruno Heck. © Bundesbildstelle

Schorndorf/Mutlangen. Eine gebürtige Schorndorferin wäre einmal fast First Lady geworden. Nun ja: beinahe fast. Ein Besuch in Mutlangen bei Ruth Bucher, Witwe Ewald Buchers, der 1964 bei der Bundespräsidentenwahl gegen Amtsinhaber Heinrich Lübke antrat.

Da sitzt sie in ihrem Wohnzimmer, hellwach und vital, ganz Eleganz und ganz Temperament, beim Erzählen ballt sie die Fäuste, breitet die Arme, inszeniert Anekdoten, setzt Pointen, und heiliger Strohsack, denkst du – 97 Jahre alt soll die sein? Auf dem Flügel liegen aufgeschlagen Noten, Beethovens Sonatinen. Sie spiele halt, sagt Ruth Bucher, „soweit’s noch geht“. Derzeit liest sie Thomas Manns Monumentalroman „Josef und seine Brüder“, 1300 Seiten, „zum dritten Mal“. Ab und zu während des Gesprächs hält sie inne und fragt irritiert: „Warum wollen Sie das alles wissen“, das sei doch alles so lange her und nicht mehr wichtig ... Von wegen, Frau Bucher, das ist Geschichte.

Heini: Das Leiden an Lübke

Muss das wirklich sein, der noch einmal? Im Jahre 1964 verzweifeln viele an Heinrich Lübke. 1959 ist er eher aus Versehen Bundespräsident geworden: Weil Adenauer partout sonst keinen fand, verfiel er 14 Tage vor Toreschluss in seiner Not auf den Landwirtschaftsminister. Nun steht Lübkes Wiederwahl an. Ach, ließe sich das doch verhindern, seufzt es im politischen Bonn.

Der erste Mann des Staates nämlich liebt es, bei Reden vom Manuskript abzuweichen, die Gedanken zum freien Flug ins Geistesblitzgewitter abheben und durch vogelwilde Improvisationen flattern zu lassen. Neulich zum Beispiel, berichtet der Spiegel, „vor rund 500 Ostasien-Experten“, schüttete Lübke das Füllhorn der Einsichten aus, die er bei einer Dienstreise gewonnen hatte: Indonesien? Bestehe aus Inseln, „und dazwischen ist eine Menge Wasser“. Persepolis? Da „steht noch eine alte Burg, wie die heißt, habe ich vergessen, und gebaut hat die der Darius oder der Xerxes, ich weiß das nicht so genau“. Ein Augenzeuge: „Das Entsetzen unter den Anwesenden war allgemein.“ Lübke aber rügte das Publikum: „Ihr Beifall ist ja nicht sehr stark und kommt auch ein bisschen langsam.“

"Reden sollte ihm nicht allzu schwer fallen"

Flehentlich erinnert der „Stern“ daran, was ein Bundespräsident doch bitte können müsse: „Reden sollte ihm nicht allzu schwer fallen.“ Und „irgendwer“, klagt der „Spiegel“, „muss Frau Wilhelmine Lübke auch sagen, dass sie auf Staatsbesuchen ihren Mann nicht mit dem Ruf ,Heini, wir gehen zu Bett’ ins Quartier beordern kann.“

Und doch, und doch – SPD-Stratege Herbert Wehner hat versprochen: „Ich persönlich werde mich dafür einsetzen, dass Lübke wiedergewählt wird.“ Ein Ex-KPD-Mann wirbt für einen CDU-Kopf? Wehner sei von einer „fixen Idee“ besessen, erklärt der „Spiegel“: Er wolle eine Große Koalition einfädeln; und wenn die Sozis die Kröte Lübke schlucken, ist der Boden bereitet. Aber gibt es denn nirgendwo einen vernünftigen Gegenkandidaten?


Sie nennen ihn den „politischen Stabhochspringer“: 1950 ist Ewald Bucher in die FDP eingetreten, weil er hier „Freiheit des Geistes und der Seele“ finde, bereits 1953 in den Bundestag eingezogen, 1957 in den Bundesvorstand der Partei gewählt worden – und als 1962 nach der „Spiegel“-Affäre Bundesjustizminister Wolfgang Stammberger, FDP, zurücktrat, hat Adenauer Ewald Bucher zum Nachfolger ernannt.

In der SPD mögen ihn viele, weil dem stilvoll früh ergrauten 50-Jährigen in seiner Liberalität nicht mal vor Sozis graust. Die Presse schätzt auch die Frau an Buchers Seite: Beim Bundespresseball hat sie in einem kurzen Kleid bezaubert. „Rauchzart und naturgereift“ sei sie, lobt der „Spiegel“. Die Münchner „Revue“ bittet Ruth Bucher gar um ein Interview. Frage: Wie verbringe sie den Feierabend mit dem Herrn Gemahl? „Wenn er nach Hause kommt und mit der Arbeit fertig ist, spielen wir vierhändig Klavier, oder er spielt auf der Flöte, und ich begleite ihn.“

Nachgerade berühmt in Bonn ist der ministerielle Dackel. Genauer: Dackeldame „Wurzel“, ein hochintelligentes Tier, man sagt ihr nach, sie führe einen eigenpfötigen Briefwechsel mit Rudolf Augstein. Wenn Ruth Bucher das Kommando „Ganz schön!“ gibt, macht Wurzel Männchen, steht reglos wie ein Gardesoldat und balanciert ein volles Rotweinglas auf dem Kopf. Um Wurzel zum Spaziergang rauszulocken, pfeift Ewald Bucher den ersten Takt von Beethovens Schicksalssinfonie.

Dieser Bucher, witzig, redegewandt und kulturell interessiert, wäre doch ein anderes Kaliber als Lübke, dem zu Günther Grass nicht mehr einfiel als dies: „Der schreibt so unanständige Dinge, über die nicht einmal Eheleute miteinander sprechen.“


So müsse ein idealer FDP-Kandidat sein, sagen Spötter: Weißhaarig, katholisch, akzeptabel für CDU wie SPD; ferner sollte er im Gegensatz zu Lübke, der für sein ungelenkes Englisch berühmt ist, außer Sauerländisch wenigstens noch eine Fremdsprache beherrschen. Der „Spiegel“ folgert: Auf diese Beschreibung passe „in der ganzen FDP natürlich nur Ewald Bucher“.

Er hat allerdings eine offene Flanke: Bucher war Mitglied des NS-Schülerbundes und trat als 22-Jähriger der NSDAP bei. Die „Bild“ schlagzeilt: „Bundespräsident ein PG mit goldenem HJ-Abzeichen?“

FDP-Urgestein Thomas Dehler wirft sich für „unseren Freund“ in die Bresche: „Richtig ist, dass er als Sechzehnjähriger einem nationalsozialistischen Schülerbund beitrat und als Achtzehnjähriger wieder ausschied. Wer an der formalen Mitgliedschaft bei der NSDAP Anstoß nimmt, der will einer Generation von jungen Menschen, die unter bestimmten Verhältnissen leben mussten, die Lebensmöglichkeit, auf jeden Fall die politische Wirkungsmöglichkeit abschneiden. Ich finde das nicht gut.“ Bucher sei „in seinen Grundanschauungen all dem, was der Nationalsozialismus dargestellt hat, entgegengesetzt“. Dehlers Wort hat Gewicht: Im Dritten Reich verteidigte er Juden derart einfallsreich gegen „Arisierungsmaßnahmen“, also Enteignungen, dass die Nazis den renitenten Anwalt wegen groben Unfugs zu belangen versuchten.

Noch etwas hilft Bucher – der „Spiegel“ erinnert an die verblüffende Ehrlichkeit des frisch gekürten Justizministers im Jahr 1962: Der Neue „bat die ihn besuchenden Journalisten, seiner Vita auf jeden Fall die Daten der braunen Vergangenheit einzufügen“, und habe eingeräumt, er sei damals „der Meinung gewesen, dass man unter diesem Regime nicht leben, jedenfalls nichts werden könne, ohne dabei zu sein. Er selbst nennt das in gewissem Sinne opportunistisch, aber auch unreif.“


In jenem Jahr 1964 sei sie „keinen Abend daheim“ gewesen, erinnert sich Ruth Bucher. Sie habe damals „kein eigenes Leben“ mehr gehabt. „Dass ich das durchgehalten habe, ist mir unerklärlich.“ Immerhin, Sohn Hanno war schon aus dem Haus.

Staatsbesuch in England, Repräsentationspflichten bei den Bayreuther Festspielen, Rückkehr morgens um vier – und um 8 Uhr die ersten Gäste. Träubleskuchen backen für die Sekretärinnen des Justizministeriums – und da biegt auch schon der portugiesische Justizminister ums Eck, nebst Gattin, die geistvoll unterhalten sein will.

Es muss eine besondere Chemie geherrscht haben zwischen Ewald Bucher und seiner Ruth, geborene Haas: sie aus der Stuttgarter Straße 26 in Schorndorf, die Stadt war „pietistisch bis dorthinaus“, er aus dem erzkatholischen Rottenburg. Eine gemischtkonfessionelle Ehe? „Das war kein Problem“, einzige Voraussetzung sei „Toleranz. Zwei Bigotte, das geht nicht.“ Vor der Hochzeit erklärte sie: Wenn sie Kinder bekämen, sollten sie evangelisch werden. „Der Pfarrer hat das nicht so gerne gesehen.“ Aber Ewald entschied: „Ich glaube nichts, meine Frau glaubt was“, also sei es besser, sie kümmere sich um die religiöse Erziehung. Der Geistliche fügte sich.

„Mein Mann hat mich überallhin mitgeschleppt. Es gab nichts, das er nicht mit mir besprochen hätte.“ Beiläufig erzählt sie, wie einmal Spiegel-Chef Rudolf Augstein und sein Vize Conrad Ahlers zu Gast waren in Mutlangen. Was haben sie geredet? Langes Schweigen. „Ich war nur im selben Raum.“ Wieder Schweigen. „Falls ich mitgehört habe – ich wüsste es auch nicht mehr.“ Noch mehr Schweigen.

Frau Bucher, Sie haben Diskretion gelernt? „Ich bin durch eine harte Schule gegangen. Er konnte zu mir die größten Geheimnisse sagen.“ Sie hütet alle bis heute.

Die Wahl. Oder: Parteiräson siegt

Im Juni 1964, drei Wochen vor der Bundespräsidentenwahl, erscheint im „Sturmgeschütz der Demokratie“ ein bei aller „Spiegel“-typischen Süffisanz zwischen den Zeilen von Respekt durchtränktes Porträt des Kandidaten Bucher: „Ovationen machen ihn bange. Dann sitzt er da, ganz rot bis unter den weißen Haaransatz“, und mache sich klein, „als suche er Deckung vor den unverhofften Anfechtungen der Volksgunst“. Bucher habe keine Siegchance, aber „er findet, dass das Amt des Bundespräsidenten nach dem ganzen Gezerre um Lübke eine neue Legitimation nur aus einer wirklichen Wahlentscheidung beziehen könne“. Dieser FDP-Mann sei „als Kandidat genau so untypisch wie als Politiker. Er hat eine Gabe, ohne Drängelei im entscheidenden Moment der Anforderung präsent zu sein, die ebensowohl seinen Charakter ausmacht wie seinen moralischen Sex-Appeal.“

Die Wahl am 1. Juli 1964 endet erwartungsgemäß: klare Mehrheit für Lübke, 710 Stimmen. Bucher allerdings erntet, obwohl die FDP in der Bundesversammlung nur 104 Sitze hat, 123 Stimmen. Hinzu kommen 187 Enthaltungen. Es ist unverkennbar: Viele Sozialdemokraten und womöglich auch ein paar aus der Union hätten lieber Bucher gewählt – am Ende siegte die Parteiräson. Zwei Jahre später geht Herbert Wehners Kalkül auf: CDU und SPD schließen sich zusammen zur Großen Koalition.


Was bleibt? Wenn Ruth Bucher von den faszinierendsten Begegnungen an der Seite ihres hochrangigen Politikergatten erzählt, fallen keine Namen von Staatsmännern. Die Privataudienz bei Paul VI. „hat mehr gezählt, als de Gaulle die Hand zu schütteln, wenngleich ich auch das getan habe“. Was der Papst „zu mir gesagt hat, weiß ich nicht mehr. Aber der hatte so unwahrscheinlich blaue Augen, die sehe ich heute noch.“ Und bei den Donaueschinger Musiktagen aß sie mit Igor Strawinsky zu Mittag, dem legendären Dirigenten und Komponisten, dem Schöpfer von „Le sacre du printemps“, einem Ballett von unerhörter musikalischer Modernität. Bei der Uraufführung 1913 in Paris spuckten, pfiffen und grunzten die Ächter des Werkes vor Wut und prügelten sich mit den Befürwortern. Strawinsky! „Der wird überleben, wenn wir alle nicht mehr da sind.“

Nur zur Queen wahrte sie Abstand: Bei einer Gartenparty der Königin blieb Ruth Bucher im Hintergrund, um keinen Hofknicks machen zu müssen. Solche Devotheit schien ihr unangemessen für eine wahre Demokratin. „Höflich sein“ muss reichen, auch gegenüber gekrönten Häuptern.

Sie wäre eine grandiose First Lady gewesen.

Ewald Bucher

Ewald Bucher, geboren 1914 in Rottenburg, starb 1991 in Mutlangen. Von 1953 bis 1969 war der gelernte Jurist FDP-Bundestagsabgeordneter, von 1962 bis 1965 Bundesjustizminister und von 1965 bis 1966 Bundesminister für Wohnungswesen und Städtebau. 1964 erhielt Bucher den „Orden wider den tierischen Ernst“.