Schorndorf

Schreiben lernen nach Gehör - oder nach Regeln

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Streitthema Rechtschreibregeln: Wie Kinder korrektes Deutsch lernen, darüber ist sich die Lehrerschaft nicht einig. © Büttner/ZVW

Schorndorf.  Wie erlernen Kinder am besten die deutsche Rechtschreibung: von Beginn an mit den korrekten Regeln – oder vielmehr spielerisch und nach Gehör? Eine pädagogische Streitfrage, die auch an Schorndorfs Grundschulen unterschiedlich beantwortet wird.

Wenn pädagogische Konzepte in Reinkultur umgesetzt werden sollen, ist Karola Gross, seit diesem Schuljahr Rektorin der Rainbrunnen-Gemeinschaftsschule, prinzipiell erst einmal skeptisch. Das gilt auch für das umstrittene Thema „Schreiben nach Gehör“. So etwas finde an ihrer Schule nicht statt. Zumindest nicht in der Form, wie sie von Landeskultusministerin Susanne Eisenmann Ende 2016 offiziell verboten wurde.

Umstrittene Methode: Schreiben nach Gehör

Allerdings wird an der Gemeinschaftsschule in den Grundschulklassen eine Methode praktiziert, die dem nicht ganz unähnlich ist. Genau genommen basiert sie auf dem, was der Reformpädagoge Jürgen Reichen einst als „Lesen durch Schreiben“ bezeichnete und was unter dem Namen „Schreiben nach Gehör“ populär wurde. Und unter den Pädagogen höchst umstritten ist.

Hierbei lernen die Erstklässler die Sprache vor allem spielerisch: „Am Anfang dürfen die Kinder kreativ schreiben, ohne dass sie gleich alle Rechtschreibregeln kennen“, sagt Gross. Unterrichtet werde nach dem Lehrbuch „Tinto“, das auf offene Lernformen setzt: mit einer Lerntabelle und einem Buchstabenhaus. „Die Grundschüler dürfen sich zunächst ausprobieren.“

Geschichten produzieren statt auf Schreibweise zu achten

Früh wird an der Schule auch das kreative Schreiben trainiert. Die Kinder sollen lernen, Geschichten zu erzählen – und dabei ohne Angst vor Orthografie-Fehlern vorgehen. „Wenn ein Kind mit dem Schreiben anfängt und man sagt, das ist falsch, dann beginnt es gar nicht erst richtig zu schreiben“, findet Rektorin Karola Gross. Die korrekte Rechtschreibung ist an ihrer Schule natürlich trotzdem ein Thema – und werde auch benotet. Allerdings hauptsächlich bei Diktaten, die in den ersten Klassen noch keine große Rolle spielen. Das pädagogische Ziel lautet vielmehr, Freude an der Sprache für die Kinder zu wecken.

Korrektes Deutsch: Dafür ist das frühe Erlernen der deutschen Sprache unerlässlich. Und das von Anfang an. Nicht nur skeptisch, sondern grundsätzlich ablehnend steht Rektorin Karin Ehlert deshalb dem „Schreiben nach Gehör“ gegenüber. „Das kann nicht funktionieren“, findet sie. An der Schlosswallschule wurde und wird die Methode daher nicht praktiziert. Kinder, die zu Beginn lauttreu schreiben, dürfe man zwar nicht direkt demotivieren, „das ist prinzipiell erst einmal gut“. Kinder wollten aber umgekehrt auch intuitiv wissen, wie man richtig schreibt. Dies nicht zu tun wäre aus Sicht von Ehlert sogar ein Vergehen. Denn „es gibt eben Kinder, die brauchen einen Lehrer – und man kann diese Kinder nicht im Stich lassen.“

Das Hören ist nicht entscheidend

Mit der Methode „Schreiben nach Gehör“ würden nun genau jene Schüler benachteiligt, die sich ohnehin mit dem Schreiben schwertun. Kinder mit sehr guter Sprachwahrnehmung könnten auch auf diese Weise die deutsche Sprache korrekt erlernen. „Für die überwiegende Mehrheit funktioniert dies aber leider nicht.“ Dafür seien die Laute im Deutschen viel zu komplex (und würden allzu oft auch nicht mit der Schrift übereinstimmen). Grundsätzlich sei auch nicht das Hören entscheidend, wenn Kinder sich schwertun mit dem Lesen und Schreiben. Viel wichtiger sei, dass die Sensomotorik im Mund trainiert, mit den Lehrern also die Laut-Buchstaben-Verbindung eingeübt wird und die Worte laut und deutlich ausgesprochen werden.

Auch Karin Willer, Schulleiterin der Otfried-Preußler-Grundschule Miedelsbach, ist gegen die Methode. Mehrere Sinne werden beim Erlernen der Sprache an der Schule aber sehr wohl angesprochen: Während der Silbentrennung klatsche man zum Beispiel mit den Kindern in die Hände. Erfolgreich sei auch die Methode, mit den Kindern von Anfang an kleine Geschichten zu produzieren. Hierbei könnten die Lehrkräfte zwar nicht gleich jeden Fehler verbessern, um die Kinder nicht von Anfang an zu entmutigen, aber auf Rechtschreibung werde durchaus geachtet.

Gute Erfahrungen in Weiler

Nicht ganz so kritisch sieht man das „Schreiben nach Gehör“ an der Reinhold-Maier-Schule in Weiler. Was Rektorin Petra Schiek an der Diskussion besonders ärgert, ist das kategorische Verbot der Lehrmethode. Etwas differenzierter müsse die Sache, so ihre Ansicht, schon betrachtet werden. Als Einstieg in die Rechtschreibung habe sie sehr gute Erfahrungen damit gemacht.

Besonders bei Vorbereitungsklassen sei die Methode effektiv. Durch das Benutzen einer Anlauttabelle schafften auch jene Kinder, die vorher keine Erfahrungen mit der deutschen Sprache gemacht haben, den Einstieg in die richtige Rechtschreibung. Natürlich sei hier intensive Vorarbeit notwendig, gibt Schiek zu. Aber wenn die Tabelle richtig eingeführt werde, erweise sie sich als sehr lohnend. Durch die häufige Wiederholung von Wörtern mit ähnlichem Sprachbild merkten die Kinder schnell, auf was sie achten müssten.

Auf Dauer keine Lösung

An der Sommerrainschule in Schornbach wird die Methode kritischer betrachtet. Am Anfang des Schreibenlernens verwendeten die Lehrkräfte jedoch einige Elemente der Methode. Die Anlauttabelle findet auch hier Anwendung, genauso wie das Schreiben frei nach Gehör – aber eben nur als Einstieg. Die Schule setzt laut Rektorin Carola Thielemann grundsätzlich von der ersten bis zur vierten Klasse auf die Freiburger Rechtschreibmethode „Fresch“. Am Anfang sei eine lautgetreue Verschriftlichung zwar sinnvoll, um sich dem Thema anzunähern. Auf Dauer sieht sie im „Schreiben nach Gehör“ aber keine Lösung.

„Recht traditionell“ wird auch an der Künkelinschule unterrichtet. Weshalb Rektor Harald Schurr den Vorstoß von Kultusministerin Eisenmann explizit unterstützt. Korrekte Rechtschreibung sei, das ist ihm wichtig zu betonen, seit jeher wichtig an seiner Schule. Was aber nicht heißt, dass die Kinder bereits bei ihren ersten Schreibversuchen reglementiert werden. „Dies würde die Freude am Schreiben im Kern ersticken.“ Spätestens Ende des ersten Schuljahrs soll der korrekte Spracherwerb der „Fresch-Methode“ folgend erlernt werden.

Groß- und Kleinschreibung - überflüssig?

Konsequent nach der „Fresch-Methode“ unterrichtet seit zwei Jahren auch die Fuchshofschule. Schulleiterin Ursula Daiber lobt die klaren Regeln, findet den Ansatz höchst logisch und sieht dadurch auch schon Verbesserungen bei den Rechtschreibfähigkeiten ihrer Schüler. Wobei auch hier eine sukzessive Annäherung an die Sprache stattfindet. Herausfordernd sei aus ihrer Sicht vor allem der Einfluss des Dialekts, etwa wenn im Schwäbischen Silben oder Vokale verschluckt werden. „Deutlich zu sprechen, das ist besonders wichtig“, sagt Daiber. Dabei sollen die Schüler sich beim Aussprechen der Silben auch bewegen dürfen. Was mit Bewegung erlernt werde, gehe leichter in den Kopf.

Als größtes Problem betrachtet Daiber ohnehin etwas ganz anderes: nämlich die komplizierten Regeln zur Groß- und Kleinschreibung im Deutschen. Aus ihrer Sicht eine völlig unnötige Sache. Zumal in anderen Ländern die Kleinschreibung gang und gäbe sei. Rechtschreibregeln seien letzlich eine Sache der Absprache. „Warum sollten wir uns daher überhaupt mit so etwas aufhalten?“, fragt sich die Rektorin.


Hinweis: In einer früheren Version des Artikels haben wir fälschlicherweise behauptet, Claudia Vorst sei Mitglied der Grünen. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen. 

Methoden-Streit der Pädagogen

Ende 2016 sprach Landeskultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ein Verbot der Methode „Schreiben nach Gehör“ aus. Als Hauptgrund nannte sie damals, dass Baden-Württemberg bei Rechtschreibvergleichen überraschend abgesackt war. Im IQB-Bundesländervergleich rutschten die Neuntklässler im Fach Deutsch beim Zuhören von Platz zwei auf Platz 14, beim Lesen von Platz drei auf Platz 13 und bei der Orthografie vom zweiten auf den zehnten Rang.

Der Grundschulverband kritisierte Eisenmanns Entscheidung scharf. „Nach derselben Logik müsste sie (die Ministerin, Anmerkung der Redaktion) einem Kind, welches das Laufen erlernt, das Krabbeln verbieten, beim Spracherwerb auf korrekte Artikulation von Anfang an bestehen oder Milchzähne als ineffektive Mittel zum Kauen gesetzlich untersagen.“ So formulierte es die Landesvorsitzende Claudia Vorst (die auch Professorin an der PH Schwäbisch Gmünd ist) damals in einem offenen Brief an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Der Verband pocht auf die Methodenfreiheit der Lehrer und verteidigt es, dass Kinder zunächst ohne korrekte Orthografie schreiben dürfen. Trotz ministeriellem Verbot wird das Schreiben nach Gehör deshalb nach wie vor von einigen Schulen und Lehrern im Lande praktiziert.