Schorndorf

Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium

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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Palmizi / ZVW
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Palmizi / ZVW
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Palmizi / ZVW
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Palmizi / ZVW
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler
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Schule als Staat am Max-Planck-Gymnasium. © Jamuna Siehler

Schorndorf. In eine ganz eigene Welt sind Schüler und Lehrer des Max-Planck-Gymnasiums dieser Tage abgetaucht. Sie haben einen Staat gegründet – Planckutopia – und hier gibt’s alles, was es in einem echten Staat auch gibt: Verfassung, Parlament, einen Justizapparat, Unternehmen, Kirche, ein Arbeitsamt und natürlich die Presse, mit zwei konkurrierenden Blättern.

Wer rein will ins Staatsgebiet, hat sein Visum zu zahlen. Danach geht’s in die Wechselstube: Für einen Euro gibt’s zehn Planck getauscht. Ein Rücktausch ist ausgeschlossen. Menschliche Litfaßsäulen wanken durch die Gänge, Musik klingt überall. Gelächter sowieso, dazu buntes Stimmengesumme. Im britischen Tea-Room wird gediegen pausiert. Spielhöllen locken im Erdgeschoss, der Datsch-Wecken-König bietet auf den Gängen seine Kreationen feil, die Wraps schmecken köstlich.

Planungen laufen seit Anfang des Schuljahres

Seit Mittwoch und noch bis heute gelten im Max-Planck-Gymnasium eigene Gesetze. Die Vorbereitungen dazu laufen allerdings schon seit Beginn des Schuljahres. Eine riesig lange Anlaufzeit braucht die Veranstaltung, schließlich muss allerhand gegründet, festgelegt, finanziert und damit auch gesponsort werden. Die erste Grundannahme legte das weitere Vorgehen fest: Planckutopia sollte eine demokratische Marktwirtschaft sein. Das hat die Umsetzung nicht unbedingt leichter gemacht, glaubt Schulsprecherin Judith Quast und grinst. Schließlich musste über jede Entscheidung ein Gremium abstimmen. Das galt für die Wahl des Staatsnamens, der Währung, ihres Designs, der Flagge, der Hymne und für viele andere Angelegenheiten. Das Parlament musste gewählt werden, über den Präsidenten entschieden werden. Die Minister mussten ihre Posten erkämpfen. Parteien haben sich gegründet, ihre Programme erarbeitet. Eine Monarchie hätte womöglich manchen Entscheidungsprozess abgekürzt.

So aber entwickelten die Schüler eigene Ideen, wie sie Geld verdienen können – mittels Dienstleistungs-, Kunsthandwerks-, und Vergnügungsbetrieben oder mit Treppenhausmusik. Die Existenzgründer meldeten ihre Ideen an, denn von den Einnahmen müssen später Steuern gezahlt werden. 25 Prozent übrigens. Schließlich braucht auch Planckutopia Einnahmen, mit denen sie ihre Beamte zahlen kann. Für Ein- und Ausfuhren müssen Zollgebühren von je fünf Prozent berappt werden.

Schüler ohne Existenzgründungsidee und Jobperspektive meldeten sich im Vorfeld beim Planck’schen Arbeitsamt. Das vermittelte – und zwar mit einem Erfolg, der seinesgleichen sucht: „Wir haben eine Arbeitslosenquote von null Prozent“, berichtet Judith Quast begeistert. Auch, wer im laufenden Betrieb seinen Job verliert, weil das eigene Angebot von den Utopianern nicht recht angenommen wurde, wird sofort an jene Betriebe weitervermittelt, deren Erfolgskurve steil nach oben deutet. Und so lernen die Schüler ganz nebenbei und recht eindrücklich, was die freie Marktwirtschaft bedeutet.

Manchen Betrieben wird die Bude eingerannt, andere müssen um jeden Kunden buhlen. Besonders gut laufen der Eisverkauf, das Henna-Tattoo-Studio und die Geisterbahn, weiß Schülersprecher Stefan Semjancuk. Auch ein Fünftklässler, der mit seiner Trompete im Treppenhaus musiziert, hat eine große Menge an Bewunderern gefunden, die ihr Gefallen im Fallenlassen von Planck-Stücken ausdrückt.

Immerhin gibt es auch Subventionen für besonders innovative, aber auch wackelige Unternehmungen. Ausgenommen davon sind allerdings Verpflegungsbetriebe. „Die haben von alleine Erfolg“, weiß Judith Quast. Schließlich bekommt selbst der beschäftigste Planckutopianer irgendwann mal Hunger. Drum wurden die meisten Cafés und Restaurants auch in den oberen Stock der Schule verlegt. So müssen die Schüler auf dem Weg zum Nahrhaften an den zahlreichen Werbeplakaten und den übrigen Betrieben vorbei. Kundenleitsystem nennt man das dann wohl.

Seinen ersten Politskandal hatte Planckutopia auch schon: Der Justizminister hatte Briefkastenfirmen angemeldet, um Steuern zu hinterziehen. Das flog auf. Aus der Parlamentssitzung heraus wurde er verhaftet. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Seines Amtes enthoben, saß er im Gefängnis. Als Strafarbeit konnte er wählen zwischen dem Verfassen einer Gedichtinterpretation oder dem Falten von Origami-Tierchen. Immerhin – die Haft dauert in Planckutopia selten länger als eine Stunde an. Über den Vorfall berichtet haben natürlich beide Zeitungen des Schulstaates. Die „Wahrheitspresse“, alias WAP, punktete mit Recherche. Die „Lügenpresse“ sparte sich das zeitintensive Unterfangen, montierte Bilder und dachte sich lieber eigene Wahrheiten aus, fand aber dennoch reichlich Absatz. Um den „Plexit“ ging’s in den neusten Schlagzeilen außerdem.

Mit rund 2000 Euro ist die Schule in Vorleistung gegangen. Allerdings – dank Sponsorengeldern, Teilnehmerbeträgen, den Einnahmen durch Besuchervisen und natürlich die Besteuerung der Schülerunternehmen, sollten die Ausgaben in jedem Fall ausgeglichen sein. Da ist sich Verbindungslehrerin Nicole Lüber sicher. Immerhin hat eine Betriebsgruppe im Vorfeld Excel-Tabellen bis zum Abwinken erstellt, um dafür Sorge zu tragen, dass sich keiner verkalkuliert.

Kirche: Church.chill

Eine Kirche gibt’s auch. Wer heiraten will, muss sich rechtzeitig vorher anmelden, die Termine sind eng getaktet.

In dem Staat übrigens ist die Polygamie erlaubt, das hat das Parlament entschieden. Auch Dinge können geehelicht werden. So wurde erst gestern eine Ehe zwischen einem Planckutopianer und einer Bierflasche geschlossen. Es sei sein rührender Moment gewesen, als es hieß „Sie dürfen die Braut jetzt trinken“, berichtete Judith Quast.

Eine Hochzeit kostet 30 Planck, eine Taufe 15, eine Bestattung zehn Planck. Buße tun kostet nichts.