Schorndorf

Sexuelle Nötigung im Labor einer Zahnarztpraxis

Amtsgericht Schorndorf Symbol Symbolbild
Symbolfoto. © Gabriel Habermann

Schorndorf. Weil er eine damals 28-jährige Reinigungskraft im Labor einer Zahnarztpraxis sexuell genötigt hat, ist ein heute 64-jähriger Zahntechniker vom Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Doris Greiner zu einer auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstraße von einem Jahr und sechs Monaten verurteil worden. Außerdem muss er in Raten zu je 200 Euro insgesamt 5000 Euro an Pro Familia zahlen.

Der Anklageschrift zufolge und nach dem, was die Vorsitzende Richterin und die beiden Schöffen, der Staatsanwalt und die Nebenklagevertreterin auch nach Abschluss der Beweisaufnahme als zweifelsfrei erwiesen angesehen haben, ist an einem Samstagvormittag im Juli 2014 Folgendes passiert: Als sich die aus Polen stammende und in Scheidung lebende Frau und Mutter zweier Kinder nach Erledigung einiger Restarbeiten in der Praxis von dem im Labor tätigen Zahntechniker, einem Deutschen türkischer Herkunft, verabschieden wollte, zog der sie auf seinen Schoß, umklammerte sie mit einer Hand, versuchte sie auf den Hals und auf den Mund zu küssen und griff ihr über der Kleidung durchaus schmerzhaft an die Brust und zwischen die Beine. Dabei habe er geschwitzt, vor lauter Erregung einen roten Kopf gehabt und „Augen wie ein wildes Tier“, erinnerte sich die Zeugin und Nebenklägerin. Als sich die sich verzweifelt wehrende Frau nicht mehr anders zu helfen wusste, als „Nicht an meinem Arbeitsplatz“ zu rufen, reagierte der Mann mit einem „Wo dann?“ und ließ die Geschädigte los, die diese Chance nutzte und fluchtartig die Praxis verließ – nicht ohne dem Zahntechniker noch per Zuruf einen „schönen Nachmittag“ zu wünschen – was im Lauf der zweitägigen Verhandlung noch zu Diskussionen führen sollte.

Der Angeklagte selber, der zum Tathergang zunächst einmal keine Angaben machte, ließ seinen Verteidiger eine Erklärung verlesen, derzufolge die Putzfrau nach getaner Arbeit in sein Labor gekommen sei und sich über ihn gebeugt habe, worauf er sie weggedrückt habe. Sonst sei nichts passiert, aber dieses Geschehen erkläre, wie die später sichergestellten DNA-Spuren des Angeklagten an den Kragen der von der Frau getragenen Jacke gekommen seien, sagte der Verteidiger, dessen Mandant dem Vorfall so wenig Bedeutung beigemessen haben will, dass er auch noch mit seiner Arbeit befasst war, als einige Zeit später sein von der Putzfrau angerufener und über den Vorfall informierter Chef vorbeikam. Weil der aber keinerlei Anzeichen erkannte, dass in der Praxis etwas Ungewöhnliches oder gar Strafbares passiert sein könnte, fragte er den Zahntechniker nur, ob etwas gewesen sei. Er habe sich nicht getraut, seinen Mitarbeiter auf das anzusprechen, was er zuvor gehört hatte, als ihn die Geschädigte „in einer scheinbar entsetzlichen Verfassung“ angerufen habe, sagte der als Zeuge geladene Zahnarzt, der bei Richterin Doris Greiner aus verschiedenen Gründen keinen leichten Stand hatte.

Zahnarzt hat beiden gekündigt, aber den Angeklagten wieder eingestellt

Das fing schon damit an, dass er nicht zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“ unterscheiden wollte oder konnte, ging damit weiter, dass er von seinen Praxisangestellten gehört haben wollte, dass die Geschädigte immer wieder in „nicht angepasster“ Kleidung zum Putzen gekommen sei, und hörte damit auf, dass er zwar eine Freundschaft zu dem Angeklagten bestritt, aber auf Nachfrage der Nebenklagevertreterin einräumen musste, dass er schon „dessen türkische Gastfreundschaft genossen“ hatte. Und vollends auf sichtliches Unverständnis bei der Richterin stieß, dass der Zahnarzt nach jenem Vorfall zunächst sowohl seiner Reinigungskraft als auch seinem Zahntechniker gekündigt, Letzteren aber kurz danach wieder eingestellt hat. Weil, so die Begründung des Zeugen, er davon ausgegangen sei, dass die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe unbegründet seien. Warum er dann nach der Tat trotzdem bei der Polizei angerufen beziehungsweise das Opfer ermuntert hat, sich nach dem Wochenende an die Polizei zu wenden, konnte der Zeuge wie manches andere auch „nicht mehr so genau sagen“.

Missglückte Versuche, die Zeugin als unglaubwürdig darzustellen

Der Verteidigung ging es, wie das oft in solchen Prozessen der Fall ist, vor allem darum, die Glaubwürdigkeit der Geschädigten beziehungsweise die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen in Zweifel zu ziehen. Da musste in diesem Fall ein bei der Polizei gar nicht mehr aktenkundiger Vorfall in einem Freibad herhalten, in dem die heute 30-Jährige von einem Mann sexuell belästigt worden ist und ihr 50 Euro für Sex angeboten worden sind. Was der Staatsanwalt so kommentierte: „Wenn das stimmt, ist sie leider schon zweimal sexuell genötigt worden, wenn nicht, kann trotzdem nur die jetzige Aussage bewertet werden.“ Und auch den Versuch, der Geschädigten daraus einen Strick zu drehen, dass sie auf die vom Angeklagten bei verschiedenen Zusammentreffen in der Praxis immer wieder in eine erotische und sexualisierte Richtung gelenkten Gespräche irgendwann mit der (vorgeschobenen?) Bemerkung reagiert hat, sie habe einen Freund, „aber nur fürs Bett und fürs Vergnügen“, wiesen der Staatsanwalt und später in ihrer Urteilsbegründung auch die Richterin als untauglichen Versuch zurück, die Zeugin in Misskredit zu bringen. Bei einer dieser Gelegenheiten soll übrigens auch der Angeklagte die damalige Putzfrau gefragt haben, ob sie nicht für 50 Euro Sex mit ihm haben wolle. Sie habe mit einem klaren Nein geantwortet, ungeachtet solcher Vorkommnisse aber nie den Eindruck gehabt, dass ihr der Zahntechniker etwas tun könnte, sagte die Nebenklägerin, die aber auch einräumte, dass sie diesen Arbeitsplatz unbedingt gebraucht habe.

In diesem Zusammenhang spielte auch die Frage eine Rolle, wie eine Frau dazu kommen kann, einem Mann, der gerade versucht hat, sie zu nötigen oder gar zu vergewaltigen, beim Wegrennen einen „schönen Nachmittag“ zu wünschen. So eine auf den ersten Blick merkwürdige Reaktion sei für so eine Extremsituation nichts Außergewöhnliches und durchaus psychologisch zu erklären, waren sich Staatsanwalt und Richterin einig und sahen auch sonst keinen Anlass, die Aussagen der Geschädigten in irgendeinem Punkt anzuzweifeln. Von einem geradezu lehrbuchmäßigen Aussageverhalten sprach der Staatsanwalt mit Blick darauf, dass die Frau bei allen Befragungen die gleiche Geschichte erzählt habe, ohne auswendig gelernt immer wieder das Gleiche zu sagen. Sie habe sich jeweils ohne jeglichen Belastungseifer, aber mit sehr realen Gefühlsschilderungen, aufs Kerngeschehen beschränkt und dabei auch keine Probleme gehabt, Ergänzungen nahtlos und schlüssig in die Schilderung des Tathergangs einzufügen. Diese Einschätzung teilten auch die als Zeugen geladenen Polizeibeamten, die der Geschädigten bestätigten, sie habe einen betroffenen Eindruck gemacht („Ihr Heulen war echt“) und sie habe als Opfer einen „absolut glaubwürdigen Eindruck“ gemacht und sei in ihren Aussagen „total glaubhaft und schlüssig“ gewesen.

Erst beim „letzten Wort“ machte der Angeklagte den Mund auf

Aus alledem leitete der Staatsanwalt einen Strafantrag in Höhe von einem Jahr und acht Monaten, ausgesetzt zur Bewährung, ab, während der Verteidiger für seinen Mandanten Freispruch forderte. Als diesem von der Richterin die Gelegenheit zu einem „letzten Wort“ gegeben wurde, machte er zum ersten Mal in der Verhandlung den Mund auf und erklärte, an diesem Samstagvormittag sei nichts passiert, außer dass er die Putzfrau von sich weggeschoben habe. Im Übrigen arbeite er seit 36 Jahren als Zahntechniker und mit Frauen zusammen, ohne dass jemals etwas Derartiges vorgefallen sei. Und noch etwas: Zu dieser Zeit sei der Fastenmonat Ramadan, in dem keine Frauen angefasst würden, noch nicht ganz vorbei gewesen.

Das Schöffengericht folgte in allen Punkten der Argumentation des Staatsanwalts und blieb nur zwei Monate unter dessen Strafantrag. Richterin Doris Greiner fasste ihre Eindrücke so zusammen: „Es ist kein Grund zu erkennen, warum die Frau am Samstagnachmittag völlig aufgelöst ihren Arbeitgeber anrufen sollte, wenn nichts passiert ist. Und dass jemand erst zur Polizei geht, nachdem er seinen Chef informiert hat, weil er diesem nicht schaden will – so verhält sich niemand, der einen anderen nur belasten will.“

Die Gefühlslage des Opfers: Ich habe Angst

„Irgendwie habe ich auch mein Frausein verloren“, sagte die außer als Zeugin auch als Nebenklägerin auftretende Geschädigte auf die Frage von Richterin Doris Greiner, wie es ihr denn heute gehe. Und obwohl sie nach dem Vorfall in der Zahnarztpraxis in therapeutischer Behandlung war, traue sie sich einfach nicht mehr, mit Männern zusammenzuarbeiten: „Ich habe Angst.“ Was auch erkläre, dass sie es seither nicht wieder geschafft habe, eine Arbeitsstelle zu finden.

Sie habe aber auch Angst, sich in der Nähe der Praxis aufzuhalten oder dem Angeklagten sonst irgendwo zu begegnen, sagte die 30-Jährige.