Schorndorf

Sie hoffen weiter auf die Kanuroute zur Remstal-Gartenschau

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Drei Verfechter des Kanusports: Bernd Liebehenschel, Michael Doll vom Winterbacher Kanuclub „Stechpaddel“ und Uwe Rith vom Kanutouren-Anbieter „Die Zugvögel“ setzen sich für die Kanuroute zwischen Winterbach und Waiblingen ein. © Ralph Steinemann

Remshalden. Das Thema scheint eigentlich durch: Remshalden will nicht mit den Nachbarn Winterbach, Weinstadt und Waiblingen eine durchgehende Kanuroute schaffen. Kanufreunde wie Uwe Rith, Bernd Liebehenschel und auch der Winterbacher Michael Doll finden das schade und wollen das Projekt für die Remstal-Gartenschau nicht aufgeben. Für sie sind die Gründe der Remshaldener Ablehnung nicht schlüssig.

An einem schmuddeligen Wintertag Ende Januar stehen drei Männer am Winterbacher Remsufer. Es ist matschig, nach der langen Frostperiode ist gerade Tauwetter. Der Fluss hat durch das Schmelzwasser und den Regen einen ordentlichen Pegel, das Wasser fließt zügig durchs Winterbacher Wehr und presst sich durch die großen Betonquader hindurch, die hier in der Rems liegen. Bei 79 Zentimeter liegt der Pegel, liest Michael Doll auf seinem Handy über eine App ab, gemessen in Schorndorf. Das sei so in etwa der Wasserstand, bei dem Anfänger mit dem Kanu aus seiner Erfahrung noch gut auf der Rems unterwegs sein können, meint der Vorsitzende des Winterbacher Kanuclubs Stechpaddel. Bei mehr als 80 Zentimetern werde es kritisch.

Ein Pegelstand von mindestens 50 Zentimetern ist nötig

Der untere Erfahrungswert für eine gute Befahrbarkeit der Rems, bevor das Boot aufsetzt, ist ein Pegelstand von mindestens 50 Zentimetern. Das heißt, mit einer Spanne von 50 bis 80 Zentimetern wäre grob der Bereich abgesteckt für einen Kanutourismus für Familien, wie er als Gedanke hinter der Kanuroute zwischen Winterbach und Waiblingen stand. Es war einer der Knackpunkte, den manche Remshaldener Gemeinderäte sahen: Sie fürchteten, dass die Tage, an denen die Rems wirklich befahrbar ist, so wenige sind, dass sich das Projekt gar nicht lohnt.

Kommt niemand oder kommen Massen?

„Falsch“, sagt dazu Bernd Liebehenschel. Er ist kein Remstäler, sondern wohnt in Kornwestheim. Aber er ist einer, dem der Kanusport wichtig ist. Liebehenschel spricht im Auftrag des Landeskanuverbands. Weil er mitbekommen hatte, dass das Projekt an der Rems kippt, ist er aktiv geworden. Die Argumente, mit denen der Remshaldener Gemeinderat mit knapper Mehrheit beschlossen hat, aus der Kanuroute auszusteigen, sind für ihn durchweg nicht schlüssig.

Erstens: wenige Tage mit ausreichend Wasserstand

Erstes Argument: In den Sommermonaten von Juni bis September gibt es nur sehr wenige Tage mit ausreichenden Wasserstand zum Paddeln auf der Rems. Daten von der Messstelle in Schorndorf, die die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) zur Verfügung stellt, zeigen: So wenige Tage sind es gar nicht. In den vergangenen drei Jahren hatte die Rems in den Monaten von Juni bis September an mindestens 83 von 122 Tagen einen Wasserstand zwischen 50 und 80 Zentimetern. Dieser Bereich passt aus Erfahrung von Kanusportlern in etwa, um mit Anfängern und Kindern auf dem Fluss unterwegs zu sein. Das heißt natürlich nicht, dass das alles auch ideale Tage zum Kanufahren sind. Es kommt auch aufs Wetter an. Und natürlich werden Familien vor allem am Wochenende oder in den Ferien Interesse an einem Ausflug auf der Rems haben.

Zweitens: Interesse ist zu gering

Zweites Argument: Das Interesse, auf der Rems zu paddeln, ist zu gering, als dass sich die Investition lohnen würde. Das ist natürlich eine Abwägungsfrage, ab wann sich das Projekt Kanuroute lohnt. Aber: Ganz abgesehen von der Zielgruppe der Familien, gebe es „einen Haufen“ Kanufahrer in der Gegend, meint Uwe Rith vom Kanutouren-Anbieter „Die Zugvögel“. Die würden nicht jedes Wochenende weite Strecken auf sich nehmen, um zu einem wilden Bergfluss zu fahren. „Die kommen an einem Sonntag auch mal hierher zur Rems.“ Aber, das betonen die Kanu-Fachmänner, eben nur, wenn die Wehre in der Rems, die bisher nur schwer zu umgehende Hindernisse darstellen, durch Ein- und Ausstiege leichter zu umtragen wären.

Drittens: Massen von Menschen

Drittes Argument, das eigentlich dem zweiten widerspricht: Es werden Massen von Menschen kommen, um auf der Rems zu paddeln, das gibt einen Riesenrummel, und das mitten durch die Natur und den Schutzraum der Tiere. Die drei Kanu-Kenner Bernd Liebehenschel, Michael Doll und Uwe Rith sind sich einig: Zwar gibt es ein Interesse am Paddeln auf der Rems, aber da kommen keine Massen. „Es ist garantiert nicht mit Dutzenden von Paddlern am Tag zu rechnen“, sagt Bernd Liebehenschel. Und Uwe Rith gibt die Erfahrung von seinem Heimatfluss, der Enz, wieder: „Da haben wir maximal 80 bis 100 Boote an ein paar Wochenenden im Juni oder Juli.

Viertens: Paddelzeit ist begrenzt

Viertes Argument: Die Zeit, in der gepaddelt werden darf, ist wegen Laich- und Schonzeiten begrenzt. Hierzu habe es gar keinen Beschluss für das Projekt Kanuroute zur Gartenschau gegeben und auch keine konkrete Empfehlung von Naturschützern, sagt Bernd Liebehenschel, der sich dazu extra Stellungnahmen und Protokolle besorgt hat. In der entscheidenden Gemeinderatssitzung in Remshalden wurde von der Verwaltung als Vorgabe des Naturschutzes dargestellt: Von März bis Mitte Juni darf nicht gepaddelt werden. Klar ist: Bisher gibt es keine solchen Verbote. Wer will, kann auf der Rems jederzeit Kanufahren. Klar ist jedoch auf der anderen Seite, so betonen Liebehenschel, Rith und Doll, dass man für eine zur Gartenschau beworbene Kanuroute zwischen Winterbach und Waiblingen Regeln aufstellen muss, die jeder in die Hand bekommt, der auf der Rems fahren will, wie man sich schonend für die Natur dort zu verhalten hat.

Die Wehre in Grunbach und Geradstetten sind Hindernisse

Der Kanuclub Stechpaddel aus Winterbach bietet regelmäßig Kanutouren für Kinder im Ferienprogramm der Gemeinde an. Das Anliegen des Vereins ist es laut Michael Doll, dass der Fluss besser befahrbar wird. „Bisher fahren wir von Winterbach bis maximal nach Geradstetten zum ersten Wehr“, sagt er. Wollen die Paddler dort weiterfahren, müssen sie aussteigen, mit ihren Booten das Ufer hochklettern, sie um das Wehr herumtragen und auf der anderen Seite wieder ins Wasser schlittern.

Chance für die Rems

Doll sieht die Gartenschau mit ihren Fördergeldern als „Chance“ für die Rems. Rund 50 000 Euro Baukosten standen für die Gemeinde Remshalden im Raum, um die Umtragung der zwei Wehre in Geradstetten und Grunbach zu vereinfachen. Davon hätte die Region Stuttgart voraussichtlich die Hälfte übernommen. Zu den Kosten wären noch mehrere Tausend Euro für ökologische Untersuchungen und Ausgleichsmaßnahmen für den Eingriff in die Natur hinzugekommen. Eine knappe Mehrheit des Gemeinderats entschied: zu viel Geld für zweifelhaften Ertrag, zumal in einer Haushaltslage mit einem auf eine Rekordhöhe von mehr als zehn Millionen Euro gekletterten Schuldenstand.

Nochmal umdenken?

Dennoch haben Bernd Liebehenschel, Uwe Rith und Michael Doll die Hoffnung, dass sie mit ihren Argumenten in Remshalden noch ein Umdenken bewirken können. Die Zeichen dafür stehen jedoch nicht sehr gut. Laut Bürgermeister Stefan Breiter ist das Stimmungsbild im Rat unverändert. Wie bereits im Dezember berichtet, hatte Breiter in einer Klausurtagung des Gemeinderats, in der es um den Haushalt und Sparmaßnahmen ging, das Thema Kanuroute zur Probeabstimmung gestellt. Das Ergebnis sei ein „klares Votum“ gewesen, das abgelehnte Projekt nicht noch einmal im Rat aufzugreifen.

Wer macht mit bei der Kanuroute?

Die Idee, die Rems zwischen Winterbach und Waiblingen auf einer Länge von 14 Kilometern befahrbar zu machen und als Kanuroute auszuweisen, ist schon älter als das Projekt Remstal-Gartenschau 2019. Die Gemeinden Winterbach, Remshalden, Weinstadt und Waiblingen trieben es gemeinsam voran.

Doch als es im vergangenen Jahr für die Gartenschau zum Schwur kommen sollte, trat der Remshaldener Gemeinderat auf die Bremse. Die Entscheidung gegen die Kanuroute fiel mit zehn zu acht Stimmen recht knapp aus.

In Weinstadt und Winterbach ist das Projekt unumstritten. In Waiblingen stimmte der Gemeinderat nach einigen Diskussionen mehrheitlich zu. Waiblingen und Weinstadt wollen die abgespeckte Kanuroute nun ohne Remshalden durchziehen. Winterbach wäre dann jedoch abgehängt.