Schorndorf

SOS Kinderdorf: Geborgen sein und dazugehören

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Jede Menge Attraktionen sind für den Tag der offenen Tür geplant. © Archivbild: SOS Kinderdorf
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Rolf Huttelmaier leitet das SOS-Kinderdorf seit März.

Waiblingen. Man möchte nicht in der Haut jener stecken, die das entscheiden müssen: Kann ein Kind in einer problematischen Familie bleiben oder muss es da raus? Fachleute vom SOS Kinderdorf bieten beides, Hilfen zu Hause oder eine neue Heimat in der Dorffamilie. Am Sonntag ist Tag der offenen Tür. Rolf Huttelmaier begeht den Tag als neuer Leiter des Kinderdorfs in Oberberken.

Früher nahmen Behörden und Gerichte sehr viel schneller ein Kind aus einer Familie. Heute gibt es eine Vielzahl von Hilfsangeboten, um Familien zu stärken. Ganz oft gelingt das auch, berichtet Rolf Huttelmaier, und Kinder können in ihrer Familie bleiben. Das Kinderdorf beschäftigt speziell für Kinderschutz ausgebildete Experten, es gibt Risikoanalysen, ein „ganz engmaschiges Netz“. „Es ist die Kunst, den richtigen Weg zu finden“, so beschreibt Rolf Huttelmaier die Arbeit all jener, die an Entscheidungen über die Zukunft von Kindern beteiligt sind: „Das ist ein richtig, richtig schwieriges Thema.“

Natürlich treiben die jüngsten Fälle, die in Deutschland für Aufsehen sorgten, auch Rolf Huttelmaier um. Der Fall des schwerst sexuell missbrauchten Neunjährigen aus Freiburg hat selbst hartgesottene Ermittler erschüttert. Wie kann so etwas passieren? Die Familie war doch in Betreuung? „Ich habe keine Antwort“, sagt Huttelmaier.

Rolf Huttelmaier setzt auf gute Zusammenarbeit mit den Eltern

Im Rems-Murr-Kreis läuft ein Kinderschutzverfahren beispielsweise dann an, wenn ein Kind etwa in den Treffen von sozialpädagogisch betreuten Gruppen erzählt, es werde zu Hause geschlagen. „Wir sind dann verpflichtet, die Eltern einzubeziehen“, betont der Sozialpädagoge: „Wir dürfen nicht hinter dem Rücken von Erziehungsberechtigten agieren.“

Die Zusammenarbeit mit den Eltern spielt auch dann eine zentrale Rolle, wenn Kinder in eine Kinderdorffamilie umgezogen sind. Rolf Huttelmaier setzt auf „wertschätzende Zusammenarbeit“, damit Kinder sich im besten Fall sowohl der Kinderdorffamilie als auch ihrer Herkunftsfamilie zugehörig fühlen. „Soziale Zugehörigkeit“ gilt als wichtigste Basis in der Entwicklung eines Kindes.

Kinderdorfmütter leben mit fünf bis sechs Kindern in je einem eigenen Haus

Ein Schlüsselerlebnis zu Beginn seiner Berufslaufbahn hat Rolf Huttelmaier vor Augen geführt, wie es sich für Kinder anfühlt, wenn es genau daran fehlt. Als Zivildienstleistender arbeitete der heute 57-Jährige in einem Kinderheim. Ein Jugendlicher, zu dem er, wie er glaubte, ein sehr vertrauensvolles Verhältnis pflegte, klaute ihm Geld aus der Börse. „Auch du wirst wieder gehen“, sagte ihm der Junge später: Du bist der x-te Zivi, den ich kennenlerne, und der x-te Mitarbeiter.

In Kinderdorffamilien läuft es anders, weshalb Rolf Huttelmaier der Einrichtung seit fast 25 Jahren die Treue hält, lange als Bereichsleiter, als stellvertretender Leiter und seit März dieses Jahres als Leiter. Eine Kinderdorfmutter – bundesweit hat sich bisher nur ein Mann für diese Aufgabe entschieden – bleibt im Regelfall Jahre bis Jahrzehnte im Dorf. In Oberberken leben die Frauen mit fünf bis sechs Kindern in je einem eigenen Haus zusammen, tagsüber unterstützt von zwei weiteren Fachkräften. Einen Tag in der Woche hat die Kinderdorfmutter frei; viele der Frauen unterhalten in der Nähe eine eigene kleine Wohnung. Zwei von ihnen leben in Oberberken mit ihren Ehemännern, eigenen Kindern und Kinderdorfkindern unter einem Dach. Zum Kinderdorf gehören ferner Wohngruppen für Jugendliche.

Drei Hauptursachen, warum Kinder nicht bei ihren Eltern aufwachsen können

Sie können aus ganz verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern aufwachsen. Drei Hauptursachen nennt Rolf Huttelmaier: psychische Erkrankungen der Eltern, Sucht oder schwere Krisen in zusammengewürfelten Familien, landläufig Patchwork genannt. Studien zeigen offenbar, dass das Zusammenleben mit neuen Partnern und Kindern aus verschiedenen Beziehungen ein hohes Risiko birgt, gar ein dreifach höheres als in Alleinerziehenden-Familien. Eine Krise kann sich derart verfestigen, dass ein Kind oder mehrere anderweitig untergebracht werden.

Neue Plätze für junge Geflüchtete ohne Eltern

Nur ganz selten ziehen Kinder ins SOS-Kinderdorf, weil beide Eltern verstorben sind. Junge Geflüchtete, die ganz allein nach Deutschland gekommen sind, wissen im Zweifel gar nicht, ob ihre Eltern noch leben. Als 2015 sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, schuf das SOS-Kinderdorf in kurzer Zeit knapp 40 neue Plätze für minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern. Rund 20 Jugendliche konnten in Gastfamilien vermittelt werden, für die anderen wurden Wohngruppen geschaffen. Was manche dieser jungen Menschen in Oberberken von ihren Erlebnissen etwa in Libyen erzählt haben, treibt einem die Tränen in die Augen. „Traumatisierung“ klingt da fast noch harmlos. Um sich mit solchen Erlebnissen wie auch immer auseinandersetzen zu können, „muss sich ein Mensch absolut sicher fühlen“, sagt Rolf Huttelmaier. Doch die jungen Menschen wissen in vielen Fällen lange Zeit nicht, ob sie in Deutschland bleiben können.


Zur Person

Rolf Huttelmaier leitet das SOS- Kinderdorf Oberberken seit März dieses Jahres. Dort beschäftigt ist er bereits seit fast 25 Jahren, viele Jahre in leitender Position. Nach seinem Studium hatte der 57-Jährige zunächst in einer Erziehungsberatungsstelle gearbeitet.

Privat hat Rolf Huttelmaier mit seiner Frau im Lauf der Jahre mehrere Pflegekinder betreut.

Zurzeit sucht das Kinderdorf Oberberken eine neue Kinderdorfmutter beziehungsweise einen Kinderdorfvater. Voraussetzung ist eine Ausbildung zum / zur Jugend- und Heimerzieher (in), die Interessenten auch berufsbegleitend absolvieren können. „Wir brauchen Menschen, die mit beiden Beinen mitten im Leben stehen“, sagt Rolf Huttelmaier: „Es ist eine Lebensentscheidung.

Am Muttertag: Offene Türen im Kinderdorf

Das SOS-Kinderdorf Württemberg lädt zur Hocketse und Tag der offenen Tür an Muttertag, 13. Mai, ein. Beginn ist um 11 Uhr. Das Kinderdorf erwartet wieder Tausende Gäste. Das Programm verspricht jede Menge Spiel und Spaß: Kinderschminken, Verlosung, Eselreiten, Luftrutsche, Hüpfburg, Spiel- und Bastelangeboten im Kindergarten, eine Spielstraße sowie viele andere Attraktionen sind vorbereitet. Bei einem großen Bücherflohmarkt werden Literaturfreunde fündig. Interessierte können sich über die Arbeit des SOS-Kinderdorfes Württemberg informieren. Besucher haben die Gelegenheit, Kinderdorfhäuser zu besichtigen und dort mit Kinderdorfmüttern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendwohngruppen ins Gespräch zu kommen.

Gegen 14 Uhr wird voraussichtlich ein VfB-Profi ins Kinderdorf kommen.