Schorndorf

Streitthema: Wohnungen oder Grundschule

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Im Jahr 2022, so der Plan der Stadtverwaltung, sollen auf dem Gelände der Fuchshofschule Wohnungen entstehen. Bis dahin bleibt auch die Wiese unberührt. © Schneider/ZVW (Archiv)
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Volle Schulturnhalle im Fuchshof: Bei „OB vor Ort“ ging’s nicht nur um die Zukunft der Fuchshofschule, sondern auch ums Reallabor und – wie so oft – um den Zustand der Straßen.

Schorndorf. Hundert neue Wohnungen statt der Grundschule im Fuchshof – bei „OB vor Ort“ musste sich Matthias Klopfer mit vielen besorgten Eltern auseinandersetzen, die von den Umzugsplänen der Fuchshofgrundschule ins Schulzentrum Grauhalde gar nichts halten. Sie haben Angst, dass ihre kleinen Kinder im großen Schulzentrum untergehen werden. Klopfers stärkstes Gegenargument – die Wohnungsnot – blieb weitgehend ungehört.

Dass es bei „OB vor Ort“ um die Zukunft der Fuchshofschule gehen wird, war klar – und darum waren außer dem Oberbürgermeister und seinen Fachleuten aus der Verwaltung nicht zufällig drei Rektoren in der Fuchshofturnhalle vertreten: Fuchshofschulleiterin Ursula Daiber, Ludwig Augustin von der Albert-Schweitzer-Schule und Peter Hoffmann von der Gottlieb-Daimler-Realschule. Letzterer, bemerkte Klopfer in seiner einleitenden Rede, freue sich schon jetzt auf die neuen Nachbarn im Schulzentrum Grauhalde, egal ob es nun das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt Lernen oder die Grundschule sein wird.

Umzug bis 2022 möglich

Und mag im Gemeinderat auch noch keine Entscheidung gefallen und aus betriebswirtschaftlicher Sicht ein Umzug für beide Schulen sinnvoll sein, wahrscheinlicher ist, dass es die Fuchshofschule trifft. Für Klopfer gibt es dort – „ein Provisorium seit über 50 Jahren“ – auch mehr Handlungsdruck. Insbesondere, weil noch nicht klar sei, wie es in Sachen Inklusion im Land weitergehen wird, ob sich die Sonderschulen auflösen werden oder es im Rems-Murr-Kreis eine zentrale Einrichtung geben wird. Noch vor der Sommerpause, so das Ziel, soll im Gemeinderat ein Grundsatzbeschluss fallen. Schließt das Gremium sich den Vorstellungen der Verwaltung an, könnte die Fuchshofschule – sobald die 13-Millionen-Euro-Sanierung der Gottlieb-Daimler-Realschule abgeschlossen ist und die Räume der ehemaligen Karl-Friedrich-Reinhard-Schule im Schulzentrum Grauhalde wieder frei sind – bis 2022 umziehen. Im Jahr danach, so der Zeitplan, könnte mit dem Bau von ungefähr hundert Wohnungen auf dem Gelände begonnen werden. Der Umzug der Albert-Schweitzer-Schule ist auf das Jahr 2030 terminiert. Bis 2033 könnten dann auch dort Wohnungen entstehen. Damit verbunden: Beide Schulturnhallen würden ersatzlos abgebrochen.

Bestellbus läuft noch immer nicht rund

Ging’s in der anschließenden Diskussion dann zwar auch um das Parkplatzproblem im Fuchshof, das Klopfer Mitte Juli in einem Gespräch mit den Rems-Murr-Kliniken klären will: Womöglich lassen sich auf dem Klinikgelände ja Parkplätze für die 1000 Mitarbeiter anlegen, andernfalls wird es eben doch gebührenpflichtige Parkplätze rund ums Krankenhaus geben. Aufregerthema bei „OB vor Ort“ war auch das Reallabor mit dem Bestellbus, der noch immer nicht rund läuft und ab Juli, so Klopfers Ankündigung, nur noch in reduziertem Umfang von Samstagnachmittag bis Sonntagabend eingesetzt werden soll (siehe Infobox: Reallabor). Das heißeste Eisen bei der „OB vor Ort“-Veranstaltung am Dienstagabend aber war mit Abstand der geplante Umzug der Fuchshofschule.

„Kurze Beine, kurze Wege“ – auch für die Fuchshofschule

Und da konnte Klopfer noch so oft betonen, dass es in Schorndorf – wie in der ganzen Region – einen enormen Druck auf den Wohnungsmarkt, ja eine Wohnungsnot gibt, der die Stadt mit 300 Wohnungsneubauten im Jahr begegnen will – „und zwar nicht auf der grünen Wiese“. Dass dies im Fuchshof auch mit einer Zunahme des Verkehrs verbunden sein könnte, das wurde bei „OB vor Ort“ gar nicht diskutiert. Die meisten Wortmeldungen drehten sich um den geplanten Umzug der Schule. Hatte OB Klopfer, als es um die Zukunft des Fuchshofkindergartens ging, noch mit dem Slogan „Kurze Beine, kurze Wege“ argumentiert und sich damit zu einem Kindergartenstandort im Fuchshof bekannt, ist er bei der Fuchshofschule überzeugt, dass Grundschulkinder sich sehr wohl auch in einem großen Schulzentrum zurechtfinden können.

Ganz im Gegenteil zu den Eltern. Sie haben Angst, dass ihre Bedürfnisse und die ihrer Kinder nicht wahrgenommen werden, dass das Flair der kleinen Schule verloren geht, ihre kleinen Kinder im großen Schulzentrum untergehen könnten, sie pubertierenden Jugendlichen schon auf dem Schulweg ausgesetzt sind und es – „gerade in der heutigen Zeit“ – keinen geschützten Raum mehr geben kann. „In einer großen Schule potenzieren sich die Probleme“, prophezeite ein Vater und sieht vor allem für kleinere Kinder negative Auswirkungen. Manche, das wird in den Wortmeldungen klar, sind auch extra in den Fuchshof gezogen, weil sie die Nähe zu einer kleinen Schule ohne Ganztagsbetrieb gesucht haben – und möchten jetzt auch über den Schulstandort mitentscheiden. Dass die Fuchshofschule in der Grauhalde aber zwingend zur Ganztagsschule wird, diese Angst zumindest konnte Klopfer den Eltern nehmen: Das ist nichts, was von oben durchgedrückt werde, sondern von der Schulkonferenz, also von Lehrern und Eltern gemeinsam beschlossen wird.

Abriss "nicht, um Geld zu verdienen"

Dass die Stadt die Fuchshofschule aber abreißt, um mit dem Verkauf von Bauplätzen ein lukratives Geschäft zu machen, diese von Alt-Gemeinderätin Rose Siegel formulierte Unterstellung wies Klopfer entschieden zurück: „Wir machen das nicht, um Geld zu verdienen, sondern um Wohnraum zu schaffen.“ Dringend benötigte Pflegekräfte in Krankenhaus und Pflegeheimen fänden bereits jetzt keine bezahlbaren Wohnungen mehr in Schorndorf – und manche Einrichtung auch schon kein Personal mehr. Dass die Stadt das Geld, das sie in die Gartenschau steckt, besser in die Schulen investieren sollte, auf diesen Vorwurf konterte Klopfer mit dieser Rechnung: Die Stadt stecke in den nächsten Jahren 80 Millionen Euro in Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen – und gerade mal fünf Millionen Euro in die Gartenschau.

Ihre Schule, den Schulhof und die dahinterliegende Wiese, die jeden Nachmittag von Kindern genutzt werden, zum Spielen und zum Fahrradfahren, wollen sie aber trotzdem nicht aufgeben. Da konnte Klopfer noch so oft betonen, dass es für die Grundschüler in der Grauhalde ein gutes Ankommen und einen geschützten Pausenhof geben wird, dass der Umzug gelingen wird und die Stadt das „sicher hinbekommt“, ja dass sogar die großen Bäume bei einer Bebauung des Schulgeländes erhalten bleiben sollen, die Skepsis ist riesengroß.

Kritik: Wegfall beider Sporthallen

Kritisch sehen die Anwohner im Fuchshof nicht zuletzt auch den Wegfall der beiden Sporthallen. Hans-Ulrich Höfer wollte von Klopfer wissen, welches Mobilitätskonzept die Stadt für sporttreibende Kinder und Jugendliche aus der Südstadt hat. „Wir haben vier Kinder, aber wir sind kein Taxiunternehmen.“ Gerade hier sieht Klopfer aber offenbar keine Notwendigkeit, Hallen in Wohnortnähe vorzuhalten: Der Sport sei extrem ausdifferenziert, jedes Jahr kommen neue Sportarten dazu, die an den verschiedensten Standorten angeboten werden. Weitere Wege in die Hallen – für Sportler doch schon jetzt der Normalfall.

Auch die Klage über den Lärm, der vor allem am Wochenende vom Außenbecken und vom Volleyballfeld des Oskar-Frech-Bads und freitagabends von „Kultur am See“ in die Gärten in der Johannesstraße hinüberweht, ließ Klopfer an sich abperlen: „Das stört einen aber nicht, wenn Jugendliche sich freuen.“ Er jedenfalls freue sich über jeden Badegast und plädierte für mehr Toleranz: „Leben und leben lassen“. Dass die Johannesstraße in einem schlechten Zustand ist – „eine berüchtigte Hubbelstrecke“ – damit wird sich der Gemeinderat im Herbst im Zuge des Straßenzustandsberichts beschäftigen – und Prioritäten setzen. Für unzufriedene Bürger übrigens auch eine Möglichkeit, sich einzubringen: Klopfer warb beim Vor-Ort-Termin dafür, sich bei der Gemeinderatswahl am 26. Mai 2019 aufstellen zu lassen.

Reallabor: In reduziertem Umfang

Gleich in der ersten Wortmeldung – der eines 90-Jährigen – ging’s bei „OB vor Ort“ im Fuchshof um das Reallabor. Der im März gestartete, deutschlandweit einzigartige Versuch, in Schorndorf Busse auf Bestellung fahren zu lassen, bezeichnete der Kritiker als „das größte Fiasko“ und „eine Katastrophe“. Und nicht nur, weil der Bestellservice noch immer nicht rundläuft, manche Busse überfüllt sind und andere leer durch die Gegend fahren, das Reallabor „benachteiligt die alten Menschen und Behinderte“, klagte der Kritiker und fühlt sich ausgegrenzt, weil für ältere Menschen das Prozedere über die App zu umständlich ist. „Können Sie“, fragte er OB Klopfer, „diese Ausgrenzung mit Ihrem Amtseid in Einklang bringen?“

Und mag Klopfer das Reallabor als einen wichtigen Schritt in die Zukunft der Mobilität sehen, er nimmt die Kritik ernst und räumte im Fuchshof ein, dass es mit dem Reallabor nicht klappt wie gedacht. Da der Öffentliche Personennahverkehr aber für alle funktionieren muss, auch freitags viele auf ein funktionierendes Bussystem angewiesen sind und der Besuch des Wochenmarkts zentral für die Lebensqualität ist, wird der Umfang des Reallabors ab Ende Juli reduziert. Freitagnachmittags und samstagvormittags wird wieder auf Linienbetrieb umgestellt. Und mag diese Ankündigung auch mit Applaus quittiert worden sein, Klopfer hofft doch, dass es auch Schorndorfer gibt, die diesen Rückschritt bedauern.