Schorndorf

Sucht bei Kindern: Halt zu geben ist die beste Prävention

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Monika Waldthausen (links) und Kathrin Lillich erklären, was Kinder benötigen, um im Leben gefeit zu sein vor Süchten. Vor allem einen positiv gefüllten Tank an Erfahrungen und Emotionen, den es stetig zu erneuern gilt. Denn auch Suchtstoffe setzen hier an, bieten aber nur kurzfristig Halt. © Sarah Utz

Schorndorf. Was tun, damit die eigenen Kinder später einmal nicht einer Sucht verfallen? Und was, wenn sie am Ende trotzdem süchtig werden? Mit Vertrauen und Halt in der Familie ist schon eine ganze Menge gewonnen. Die Suchtberaterinnen Monika Waldthausen und Kathrin Lillich erklären, wie Eltern sich richtig verhalten können.

Video: Suchtberaterin Monika Waldthausen über Prävention im Kindesalter

Wenn man besser verstehen möchte, wie Sucht entsteht, hilft es, sich den Menschen als Auto vorzustellen. Wie bei einem Fahrzeug kommt er nur dann voran, wenn er mit der richtigen Tankmischung unterwegs ist. Nur dass in seinen Tank kein Benzin oder Diesel fließt, sondern Liebe, Vertrauen, Anerkennung oder Verständnis. Solange unser Motor damit gut versorgt wird, sind wir in der Regel davor gefeit, in eine Abhängigkeit oder Sucht zu geraten.

Ob ein Mensch später süchtig wird, dafür werden oftmals bereits im Kindesalter die Grundsteine gelegt. Nur ein Beispiel: „Wir fördern das frühe Suchtverhalten, indem wir, statt zu trösten und zu umarmen, den Kindern Gummibärchen geben“, sagt Monika Waldthausen. 22 Jahre war die Diplom-Pädagogin bei Four Steps in der Suchttherapie aktiv. Nun arbeitet sie beim Stuttgarter Kinderschutzzentrum, wo sie sich mit der Prävention im Kindesalter beschäftigt. Zusammen mit Kathrin Lillich von der Paulinenpflege veranstaltet sie Seminare, die sich an besorgte oder betroffene Eltern richten. Kürzlich auch im Schorndorfer Familienzentrum.

Bier statt Geborgenheit, Schokolade statt Umarmungen

Doch zurück zum Tank: Leider können wir uns nicht immer auf unsere Tankstellen verlassen: Manche versiegen, neue müssen erschlossen werden – und manchmal sind die Zapfsäulen ziemlich verstopft. Der Tank ist daher nicht immer voll, manchmal sogar ziemlich leer – und es geht uns schlecht. Die Verlockung ist groß, dann zu Ersatzstoffen zu greifen, also Schokolade zu essen, statt sich zu umarmen, Bier zu trinken, statt Geborgenheit zu suchen, am Automaten zu spielen, statt seine Beziehungen zu pflegen oder zu chemischen Drogen zu greifen, statt Abenteuer in der Natur zu erleben.

Denn genau hier setzten Suchtstoffe an: am Seelentank des Menschen. Doch diese potenziellen Suchtmittel haben ein gewaltiges Problem: Sie wirken nur kurzfristig – und wie Stöpsel verschließen sie unseren Tank. Die eigenen Ängste und Defizite werden lediglich verdeckt. Noch schlimmer: Der Stöpsel verhindert, dass sich der Tank wieder füllen kann. Viel nachhaltiger ist es, wenn wir jene Tankstellen pflegen und uns an ihnen versorgen, die uns langfristig glücklich machen, sei es Familie, Natur, Sport oder die Religion.

Aus Genuss wird Gewohnheit

Süchtig werden können wir Menschen nach vielem: so Harmlosem wie Schokolade oder so harten Drogen wie Heroin. Vom blinkenden Glücksspielautomaten am Bahnhof bis zum Smartphone, von dem wir nicht mehr lassen können. „Das fällt nicht über einen her, das ist ein Prozess, man rutscht rein“, sagt Kathrin Lillich. Aus Genuss wird Gewohnheit, aus Gewohnheit Missbrauch und am Ende sind wir süchtig. Ob wir in diese Abwärtsspirale hineingeraten hat viel damit zu tun, wie gut unser Seelentank gefüllt ist – und welche Strategien wir haben, wenn der Tank mal leerzugehen droht. Oder sich die ersten Anzeichen eines Missbrauchs bemerkbar machen.

Als Eltern sollte man dann grundsätzlich erst einmal die Ruhe bewahren: Das heißt die Dinge ansprechen und offen darüber reden. „Nicht bei jedem Konsum gleich Panik schieben“, rät Monika Waldthausen. „Jedes Kind konsumiert mal etwas. Die probieren sich aus – und ganz viele Jugendliche lassen dann wieder die Finger davon.“

Eltern reden oft zu wenig mit ihren Kindern – und loben sie zu selten

Immer sinnvoll ist ein Perspektivwechsel: Wie geht es meinem Kind? Was hat es im Tank? So kann man die Anzeichen frühzeitig spüren. Ganz wichtig ist es, ihnen das Gefühl zu geben: Du kannst immer zu mir zurückkommen, in den „sicheren Hafen“ zu deinen Eltern. „Oft sagen wir zu wenig“, gibt Waldthausen zu bedenken, „und loben auch zu wenig“. Besonders bei Müttern sei das ein Problem: Dass sie denken, das müsste auch unausgesprochen verstanden werden. „Kommunizieren Sie – und das nicht nur per WhatsApp“. Ein gemeinsames Ritual, etwa ein tägliches gemeinsames Essen, sei Gold wert, um herauszufinden: Was beschäftigt mein Kind?“

Wenn das Kind also ausprobiert, sollten wir mit ihm darüber reden. „Begleiten Sie das Kind, solange es geht“, rät Monika Waldthausen. Und wenn es schon konsumiert: „Verhandeln sie Regeln und Grenzen für den Konsum.“ Gerade bei Heranwachsenden bestehe die Kunst darin, die richtige Balance zu finden zwischen Selbstständigkeit und Grenzziehung. Deshalb sei es so wichtig, immer wieder mit den Kindern zu verhandeln, und ihnen damit Vertrauen schenken.

Vorbild sein ist wichtig

Wenn das Sprechen allerdings gar nichts mehr hilft und keine Veränderung sichtbar ist, gar eine Verschlechterung der Situation droht, so sollten Eltern sich nicht scheuen, professionelle Hilfe anzunehmen. „Man kann auch mit einem 12-Jährigen zur Suchtberatung gehen.“

Und was wir ohnehin als Eltern stets machen sollten: Ein Vorbild sein, uns selbst akzeptieren, unseren Kindern Bestätigung geben, ihre Stärken hervorheben, Zeit mit ihnen verbringen, Erfolge und Misserfolge gleichermaßen begleiten, ihnen zeigen, dass sie auch Fehler machen dürfen, Kinder nicht miteinander vergleichen, eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, oft miteinander reden. Kurzum: für sie da sein. Denn, so Waldthausen, „wenn es Halt und Orientierung gibt, muss das Kind keine Sucht in den Tank packen.“


Regeln für den Medienkonsum:

Ein häufiges Streitthema in den Familien: Wie oft darf das Kind das Internet, den Computer oder den Fernseher nutzen? Denn auch Medienkonsum kann zur Sucht werden. Hier ein paar einfache Regeln für das nahezu Unvermeidliche:

Der Fernseher: Vor dem dritten Lebensjahr sollten Kinder am besten gar nicht fernsehen. Bis zum Alter von sechs nur in Begleitung Erwachsener und maximal 45 Minuten. Werbung sollte erklärt werden. Ein Zehnjähriger sollte höchstens eine Stunde fernsehen. Mit Jugendlichen sollten Regeln ausgehandelt und vereinbart werden.

Das Internet: Unter zehn Jahren sollten nur kindgerechte Seiten wie www.seitenstark.de oder www.die-maus.de besucht werden. Mit älteren sollten Regeln vereinbart und über die Risiken des Chattens gesprochen werden.

Der Computer: Im Alter zwischen drei und fünf täglich maximal eine halbe Stunde mit Begleitung und bei altersgemäßen Programmen. Ab acht Jahren ist eine Stunde angemessen. Mit Pubertierenden sollte man am besten regelmäßig Regeln aushandeln.