Schorndorf

Taubenabwehr: Mit Taubenturm oder brachial mit Falken?

Taubenturm Schorndorf
Tag für Tag kommt Aura Leonhardt aus Plüderhausen nach Schorndorf, um sich um den Taubenturm im Schlossgarten zu kümmern. © Benjamin Büttner

Während andere sie mit spitzen Stacheln und Netzen abwehren, hat Aura Leonhardt Tauben längst in ihr Herz gelassen: Als Kind schon hat sie eine große Liebe zu den Tauben gespürt. Ist einmal, als sie mit der Großmutter im Park war, beim Anblick einer sterbenden Taube so in Tränen ausgebrochen, dass auch alle Umstehenden geweint haben. „Tauben“, sagt Aura Leonhardt, „sind so entwickelte Seelen.“ Für sie sind sie: reinlich, wunderschön, Flugkünstler allererster Güte. „Tauben sind sehr liebevoll miteinander und absolut friedlich.“

Vor Jahren schon hat Aura Leonhardt immer wieder verletzte Tauben in Stuttgart aufgesammelt, zum Tierarzt gebracht oder sie zu Hause in Plüderhausen wieder aufgepäppelt. Als Margret Walter vom Schorndorfer Tierschutzverein sie vor zehn Jahren erst gefragt hat, ob sie ihr mit dem Schorndorfer Taubenturm helfen könnte, und die Verantwortung schließlich ganz an sie abgeben wollte, konnte sie nicht Nein sagen.

Taubenabwehr in der Altstadt: Todesfalle für die Tiere

Und seitdem kümmert sich die 47-Jährige an 365 Tagen im Jahr, an Sonn- und Feiertagen, bei Wind und Wetter darum, dass die Tauben im Turm genug Körner haben und Wasser. Sie macht die Legeboxen sauber. Und weil sie die Taubeneier regelmäßig durch Plastikeier ersetzt (und diese dann nicht in den Müll wirft, sondern im Wald ablegt), sorgt sie auch dafür, dass sich die Taubenpopulation in Schorndorf in Grenzen hält.

Weil sie mit der brachialen Taubenabwehr, wie sie an vielen Altstadthäusern üblich geworden ist, nichts zu tun haben will, ist sie vor Jahren schon aus Schorndorf nach Plüderhausen gezogen und steuert mittlerweile ausschließlich den Taubenturm im Schlosspark an. Für sie ist die Innenstadt eine Todesfalle für Tauben. Dass manche jetzt auch noch auf die Idee kommen können, mit Falken auf Taubenjagd zu gehen, kann Aura Leonhardt nicht begreifen: „Tauben sind keine Krankheitsüberträger.“ Noch nie ist die Taubenfreundin mit Maske oder Handschuhen in den acht Meter hohen Holzturm gestiegen. Sie macht es andersherum: „Ich wasche mir davor die Hände.“ Die Tauben, die bei ihr zu Hause leben, lässt sie sogar in die Küche.

Keine größere Gesundheitsgefahr als durch andere Tiere

Und tatsächlich hat Prof. Dr. Dr. Dieter Großklauß als Präsident des Bundesgesundheitsamtes bereits im Jahr 1989 erklärt, dass von Tauben keine größere Gefährdung ausgehe als von anderen Tieren: „Eine gesundheitliche Gefährdung durch Tauben ist nicht größer als die durch Zier- und Wildvögel sowie die durch Nutz- und Liebhabertiere.“ 2001 wurde diese Aussage durch das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin noch einmal bestätigt. Und trotzdem sind der Ekel und die Angst vor Tauben – als Ratten der Lüfte – weit verbreitet. Es gab Zeiten, da war es noch nicht mal strafbar, Tauben in der Stadt zu vergiften oder zu erschießen. Das hat sich mittlerweile geändert.

Aura Leonhardt spricht mit den Tauben und fühlt sich mit ihnen verbunden. Sie hat eine Ausbildung zur Tierkommunikatorin gemacht, ist Yoga-Lehrerin, Reiki-Großmeisterin, Ayurveda-Praktikerin, Bachblütentherapeutin, hat Kinesiologie und Quantenheilung gelernt. Für sie sind Tauben Lichtwesen in dunklen Zeiten und völlig zu Recht ein Symbol der Liebe, Reinheit und Herzensverbindung.

Und sie tut alles, dass es den Tieren gut geht: In Stuttgart, erzählt die 47-Jährige, habe sie einmal eine Taube, deren Krallen mit einer Schnur zusammengebunden waren, mit Sonnenblumenkernen gelockt, damit sie ihr helfen konnte. Und in Schorndorf hat sie am Osterwochenende vor einem Jahr, als die Stadt im ersten Corona-Lockdown wie ausgestorben war, Polizei und Feuerwehr gerufen, weil sich im Arnold-Areal ein kleines Täubchen im Abwehrnetz verfangen hatte. Seitdem lebt die Taube, der sie wegen ihrer leuchtenden Augen den Namen „Glühwürmchen“ gegeben hat, bei ihr zu Hause.

Das alles, versichert die Tierfreundin, mache sie nicht, um Bestätigung zu bekommen, sondern aus tiefstem Herzen. „Mir ist das Wohlergehen der Tauben wichtig.“

Taubenabwehr mit Falken?

Weil er den Eindruck hat, dass es in der Schorndorfer Innenstadt immer mehr Tauben gibt, „die allmählich zu einer echten Plage werden, die Winkel zwischen den Häusern sind zum Teil angefüllt mit Taubenkot“, hat Stadtrat Werner Neher von der Grünen Liste Schorndorf (GLS) eine Anfrage bei der Stadtverwaltung gestellt, ob in Schorndorf Tauben nicht mit Falken verscheucht werden könnten. Nach Schwäbisch Hall und Crailsheim kämen bereits regelmäßig professionelle Falknerinnen. Krähen-Attrappen, so Neher in seiner Anfrage, würden nicht helfen. „Die einzige Möglichkeit wäre eine sehr aufwendige Absicherung aller Aufenthaltsorte mit Netzen und Gittern.“

Diesem Ansinnen hat Erster Bürgermeister Edgar Hemmerich jetzt eine Absage erteilt: Nachdem sich die Stadtverwaltung in der Vergangenheit bereits intensiv mit der Thematik beschäftigt habe, begründet Hemmerich, sei man zu dem Schluss gekommen, dass langfristig gesehen ein gut gepflegter Taubenturm die sinnvollste und nachhaltigste Lösung ist, um die Population einzudämmen. „Der Schorndorfer Taubenturm im Schlossgarten wird seit vielen Jahren vom Tierschutzverein sehr gut betreut und täglich kontrolliert“, stellt Hemmerich in seiner Antwort fest. Aktuell sei keine vermehrte Eiablage erkennbar, die auf eine größere Population hindeuten würde. Auch der konstant gebliebene Futtermitteleinsatz spreche dagegen.

Der Einsatz von Falken zur Taubenabwehr führe laut Erfahrungsberichten anderer Kommunen nur zu einer kurzfristigen Verbesserung der Situation und letztlich zu einer Verlagerung der Problematik. Auch das Veterinäramt beim Landratsamt Rems-Murr teile diese Einschätzung und sehe den Einsatz von Greifvögeln als nicht zielführend an. Darüber hinaus, gibt Hemmerich zu bedenken, sei diese Art der Taubenabwehr sehr kostenintensiv: Die Ansiedlung eines Greifvogels einmal jährlich im April/Mai koste bis zu 20 000 Euro, der Einsatz eines Greifvogels unter Aufsicht einen Tagessatz von etwa 650 Euro.

In diesem Zusammenhang ist es Hemmerich auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Füttern von Tauben im öffentlichen Raum, das aus seiner Sicht einen nicht unerheblichen Anteil an der Taubenpopulation hat, gemäß Paragraf 14 der Polizeilichen Umweltschutzverordnung der Stadt Schorndorf eine Ordnungswidrigkeit ist. Beim erstmaligen Verstoß wird ein Verwarnungsgeld in Höhe von 25 Euro fällig, bei einem wiederholten Verstoß wird das Verwarnungsgeld jeweils um zehn Euro erhöht.

Auch Sabine Hermann, Vorsitzende des Tierschutzvereins Schorndorf und Umgebung, hält von der Taubenabwehr mittels Falken überhaupt nichts, auch, weil von Tauben keine Gefahr für den Menschen ausgehe. Sie verweist auf Paragraf 17 des deutschen Tierschutzgesetzes: „Kein Mensch darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Schäden oder Leiden zufügen“. Durch die tägliche Betreuung des Taubenturms, stellt Hermann fest, „haben wir eine überschaubare, kontinuierliche Population in der Stadt“.

Taubenturmstrategie seit mehr als 20 Jahren

Den Taubenturm beim Burgschloss gibt es in Schorndorf schon seit mehr als 20 Jahren. Im Herbst 2000 hat die Stadt das Fundament gesetzt, der Tierschutzverein den Holzturm gebaut. Bis 2011 haben Margret und Alois Walter das Füttern der Tauben und die Turmreinigung übernommen sowie im Monat rund 150 Eier ausgetauscht. Die Stadt hat den Tierschutzverein für diesen Einsatz bisher mit 8000 Euro unterstützt und jetzt die jährliche Pauschale auf 12 000 Euro erhöht. Der Taubenturm in Schorndorf stand auch Modell für den Waiblinger Turm, der im September 2019 gegenüber dem Gartenkontor Kupka eingeweiht wurde und Platz für 100 Brutpaare bietet.

Während andere sie mit spitzen Stacheln und Netzen abwehren, hat Aura Leonhardt Tauben längst in ihr Herz gelassen: Als Kind schon hat sie eine große Liebe zu den Tauben gespürt. Ist einmal, als sie mit der Großmutter im Park war, beim Anblick einer sterbenden Taube so in Tränen ausgebrochen, dass auch alle Umstehenden geweint haben. „Tauben“, sagt Aura Leonhardt, „sind so entwickelte Seelen.“ Für sie sind sie: reinlich, wunderschön, Flugkünstler allererster Güte. „Tauben sind sehr liebevoll

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