Schorndorf

Tropenharmonium: Exot mit schwarz-weißen Tasten

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Dieter Fischer (l.) bringt die Tasten in Schwung, während Schwiegertochter Eva-Maria Fischer (r.) mit den Händen den Blasebalg bedient. © Ramona Adolf

Schorndorf. Ein kleines Schätzchen lagert noch immer im Musikhaus Fischer. Unscheinbar ist der hölzerne Kasten. Wer ihn aber aufklappt, stößt auf etwas Exotisches – ein Harmonium zum Mitnehmen. Der Schorndorfer Johannes Karl Fischer hatte es im Jahr 1928 entwickelt, um damit Missionare auszustatten, die in fernen Ländern ihre Lehren emotional untermalen wollten.

Dieter Fischer und seine Schwiegertochter Eva-Maria Fischer bedienen das Tropenharmonium.

Johannes Karl Fischer war ein eigensinniger Mann. Der Pädagoge, versierte Handwerker und „geniale Organist“, wie ihn sein Enkelsohn Dieter Fischer heute beschreibt, war überzeugter Christ, der sich in der pietistischen Gruppe der Hahn’schen Gemeinschaft wohlfühlte. Als aber das der Obrigkeit missfiel, man ihn aufforderte, sich als Angestellter des Staates ausschließlich der evangelischen Kirche anzuschließen, schied er lieber aus dem Schuldienst aus und baute sein Musikhaus auf. Dies nach der Devise „Beten und Arbeiten“, berichtet Dieter Fischer. „Geld zu verdienen, galt ihm keineswegs als Sünde.“ Er habe sich mit Schreinern zusammengetan und damit begonnen, mit Harmonien, Klavieren und Flügeln zu handeln.

Und noch etwas tat er: Er fing an, Instrumente zu bauen. Durch sein christliches Netzwerk hatte er Kontakt zu allerlei wichtigen Männern der Basler und Liebenzeller Mission. Die gingen in die Dritte Welt, um das Wort Gottes zu verbreiten. Ein Problem hatten sie dabei – und das sollte Johannes Karl Fischer lösen. Sie brauchten ein Musikinstrument, um die Inhalte emotional zu untermalen. Choräle sollte man mit dem Gerät begleiten können. Dafür brauchte man drei Oktaven – so die Vorgaben. Ein Klavier wäre zu modern gewesen. Harmonien hatten genau die richtige Klangfarbe – schön warm und in Richtung Orgel orientiert. Gleichzeitig musste das Instrument Temperaturschwankungen unbeschadet überstehen und durfte nicht zu viel wiegen. Denn die Eingeborenen, die meist für die Missionare die Lasten trugen, nahmen nichts auf ihre Köpfe, das mehr als 80 Pfund wog. „Was schwerer gewesen wäre, hätten sie in den Dschungel geworfen“, berichtet Dieter Fischer aus den Überlieferungen seines Großvaters.

Als das Instrument endlich entwickelt war, verkaufte Fischer es mit großem Erfolg an die Missionsstationen. Prospekte wurden auf Englisch und Französisch gedruckt. In Kisten verpackt wurde das Instrument für 150 Mark, das würde heute in etwa einem Wert von 2000 Euro entsprechen, in alle Welt geliefert. Johannes Karl Fischers berühmtester Kunde war Albert Schweitzer. Um die 2800 Exemplare sind wohl verkauft worden.

Nur vom Feinsten: Buche, Eiche und Ebenholz

Aus Buche und Eiche wurde die Rarität mit Tasten einst hergestellt. Die Tasten sind aus feinjähriger, also langsam wachsender, Fichte geschliffen. Dies war wichtig, damit sich die Tasten im feuchten Klima der Tropen nicht verformten. Je höher die Lage eines Baumes, in der er wächst, um so langsamer nimmt er an Größe zu. Die in Schorndorf verbauten Fichten wurden ab einer Höhe von 1600 Metern in Südtirol geerntet. Überzogen sind die weißen Tasten mit einem hochwertigen Kunststoff. Die schwarzen Tasten wurden aus schwarzem Ebenholz hergestellt. Betrieben wurde das Harmonium über einen Blasebalg aus Ziegenleder. Der wurde über das beständige Treten eines Pedals aufgepumpt und durch das Drücken der Tasten entleert.

Dann kam der Krieg. Die Produktion wurde eingestellt. Allerdings flatterten noch lange Bestellungen zu den Tropenharmonien ein. 1950 übernahmen die Eheleute Richard und Anna Fischer das Geschäft in Schorndorf und erweiterten es. Das Klavier gewann für das Musikhaus zunehmend an Bedeutung. 1970 traten Klavierbaumeister Dieter Fischer und seine Frau Sylvia die Leitung des Familienunternehmens an. Seit 2012 führen Christian und Eva-Maria Fischer die über 100-jährige Tradition des Familienbetriebs fort.

Ausgezeichnet

80 Jahre nach der Erfindung hatte Johannes Karl Fischer für seine Erfindung noch den Innovationspreis des IHK verliehen bekommen.