Schorndorf

Trotz Corona: Der neue Scala-Pastor Christian Rauschning möchte den Menschen nah sein

Christian Rauschning
Am 6. Dezember wurde Pastor Christian Rauschning von den Gemeindemitgliedern zum Leiter des Christlichen Zentrums Scala gewählt. © Gabriel Habermannn

Eigentlich lief alles nach Plan: Vor zwei Jahren, als Pastor Frank Schünemann das Christliche Zentrum Scala überraschend verließ, begann Christian Rauschning sein Vikariat in der Schorndorfer „Volksmission entschiedener Christen“. Am 3. Oktober, an seinem 40. Geburtstag, wurde er zum Pastor ordiniert. Am 6. Dezember hat die Gemeinde ihn bei der in der Freikirche üblichen Abstimmung mit 98,7 Prozent zum Gemeindeleiter gewählt. Auch den ersten Lockdown im Frühjahr hat die Scala gut überstanden und viel getan, um den Menschen weiterhin nah zu sein – über tägliche Podcasts mit geistlichen Impulsen von Gemeindemitgliedern und Mutmacher-Geschichten.

Den Ostergottesdienst gab’s, vorgedreht, als Video. Danach waren die Gottesdienste, in denen mit Maske gesungen wurde, als Livestream erlebbar. Diesen Service hat die Gemeinde auch über den Sommer all jenen geboten, die aus Angst vor Ansteckung nicht ins Gemeindezentrum kommen wollten. Und für diejenigen, die keinen Zugang zum Internet haben, gab’s sogar jede Woche eine CD in den Briefkasten. Alle anderen waren ab Mai wieder willkommen, mit Abstand und Maske.

Doch jetzt ist die Unsicherheit groß. Wie kann es überhaupt weitergehen? Dass es im zweiten Lockdown Stimmen gibt, die ein Aus auch für Gottesdienste fordern, das zu akzeptieren, fällt Christian Rauschning schwer. Ihm und der Gemeinde ist „die Wertigkeit von Gottesdiensten“ immens wichtig: „Das sind ja keine Unterhaltungsveranstaltungen.“ Dazu kommt, dass dort vor allem für ältere Gemeindemitglieder oft die einzige Möglichkeit für soziale Kontakte besteht. Und es waren nach Beobachtung des Pastors auch zuerst die Betagteren, die, sobald es wieder möglich war, zum Gottesdienst gekommen sind: „Es bleiben eher die Jungen und die Familien zu Hause.“

Mit Hygieneregeln: „Wir sind uns der Verantwortung bewusst“

Und dabei hat die Gemeinde von Anfang an streng auf die Hygienebestimmungen geachtet. „Als Freikirche“, sagt Pastor Rauschning, „sind wir uns unserer Verantwortung sehr bewusst." Und so haben sich die acht Corona-Fälle, die es in der Scala seit Beginn der Corona-Pandemie gab, auch erst gar nicht ausgebreitet, weil alle, die sich krank gefühlt haben, zu Hause geblieben sind. Im Advent wurde die Podcast-Idee, die im Frühjahr jeden Tag bis zu 250 Hörer begeisterte, wieder aufgegriffen. Die Pfadfinderarbeit, die im Sommer auf der Wiese am Hegnauhof in Kleingruppen weiterlief und im August sogar mit einem Zeltlager aufwarten konnte, findet mittlerweile digital statt – mit Spielen und allem, was dazugehört. Beim Gottesdienst am vierten Advent war nur der Pastor mit dem Musikteam und einem Moderator in der Scala, alle anderen waren im Livestream dabei. Die Gottesdienste am 27. und am 31. Dezember sind abgesagt, damit sich das Virus nicht ausbreiten kann, falls sich Gemeindemitglieder auf Familienfeiern anstecken sollten. An Heiligabend aber gibt es, organisiert von den Pfadfindern, einen Outdoor-Gottesdienst für Kleingruppen in Form eines Stationenlaufs auf dem Konnenberg. Für den Gottesdienst um 17.30 Uhr in der Scala und für die Christmette um 22 Uhr gibt es ein Ticketsystem, damit im Gottesdienstraum, in dem 400 Menschen Platz haben, nur 100 zusammenkommen. Gesungen werden darf nicht, stattdessen gibt es Instrumentalstücke. Ein Jammer für eine Kirchengemeinde, in der Lieder die Hälfte des Gottesdienstes ausmachen.

Christian Rauschning selbst ist als Zwölfjähriger als Pfadfinder bei den „Royal Rangers“ zur Volksmission gekommen. In einer katholisch-evangelischen Familie in Fellbach-Schmiden aufgewachsen, ist er als Jugendlicher immer mehr in die ehrenamtliche Arbeit der Freikirche hineingerutscht. Und nachdem er nach dem Lehramtsstudium acht Jahre lange Mathematik und Physik am katholischen Albertus-Magnus-Gymnasium in Fellbach unterrichtet hat, begann er, 2014 nebenberuflich Theologie zu studieren – um schon ein Jahr später den Lehrerberuf, den er immer gern gemacht hat, ganz an den Nagel zu hängen. Doch das Angebot aus Schorndorf war einfach zu verlockend: In der Scala war die Pfadfinderarbeit so groß geworden, dass eine 100-Prozent-Stelle auch für die Kinderkircharbeit geschaffen wurde. Rauschning ergriff die Chance, wurde Mitglied der Gemeinde und begann 2018 mit dem Vikariat.

Kontroverse Diskussionen in der Mehrgenerationengemeinde

Dass es sich bei der Scala um eine Mehrgenerationengemeinde handelt, das findet Rauschning gut – auch wenn es deshalb vielleicht etwas konservativer zugehen sollte. Der 40-Jährige, der sich selbst als sehr kooperativ beschreibt und gerne im Team arbeitet, schätzt die Bandbreite an Persönlichkeiten und hält kontroverse Diskussionen etwa über den Musikstil und die Fassadenfarbe des Gemeindezentrums gerne aus. „Mir geht es um die Menschen“, sagt Rauschning, der schon als Jugendlicher Pastor werden wollte. Und das ist für ihn nicht nur ein Beruf, sondern Berufung – mit viel Abwechslung im Alltag, der im Moment aber vor allem von den Auswirkungen der Corona-Pandemie geprägt ist. Auch bei ihm zu Hause: Seine drei Jungs, zwölf, zehn und sieben Jahre alt, müssen mit dem Lockdown zurechtkommen und beschäftigt werden. Außerdem braucht ein fünf Monate altes Mädchen viel Aufmerksamkeit und Liebe: Als Bereitschaftspflegefamilie nehmen die Rauschnings immer wieder Babys auf, die das Stuttgarter Jugendamt vermittelt.

Dazu kommt als Daueraufgabe in der Scala: die Renovierung des Gemeindezentrums. Ende der 1990er Jahre ist die Volksmission in das ehemalige Kino an der Grabenstraße gezogen. Vor sechs Jahren wurde der Gottesdienstraum von Grund auf renoviert. Im Moment wird ein neuer Jugendraum gebaut, inklusive Brandschutzmaßnahmen und einer Neugestaltung der Fassade. Nächste Aufgabe wird die Renovierung des rosafarbenen Vorderhauses sein – und das Sammeln weiterer Spenden: Als Freikirche muss die Scala die Mittel für Baumaßnahmen und Gehälter selbst aufbringen.

Eigentlich lief alles nach Plan: Vor zwei Jahren, als Pastor Frank Schünemann das Christliche Zentrum Scala überraschend verließ, begann Christian Rauschning sein Vikariat in der Schorndorfer „Volksmission entschiedener Christen“. Am 3. Oktober, an seinem 40. Geburtstag, wurde er zum Pastor ordiniert. Am 6. Dezember hat die Gemeinde ihn bei der in der Freikirche üblichen Abstimmung mit 98,7 Prozent zum Gemeindeleiter gewählt. Auch den ersten Lockdown im Frühjahr hat die Scala gut überstanden

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