Schorndorf

Unfall nach Sekundenschlaf - 67-Jähriger verurteilt

Großes Unglück nach Sekundenschlaf_0
Drei Stunden lang war die B 29 damals nach dem tödlichen Unfall Ende April 2018 gesperrt. © www.7aktuell.de/Simon Adomat

Schorndorf/Plüderhausen. Ein tragischer Unfall, bewegend auch die Gerichtsverhandlung: Am 28. April 2018 war ein 67-Jähriger, der mit Ehefrau, Tochter, Schwager und Schwägerin auf der B 29 von Stuttgart nach Aalen unterwegs war, kurz eingenickt und von der Straße abgekommen. In der Folge überschlug sich das Auto, der Schwager verstarb noch am Unfallort, die Mitfahrerinnen wurden zum Teil schwer verletzt. Wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung wurde der BMW-Fahrer jetzt zu drei Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Als Strafe, darin waren sich Staatsanwalt, Verteidiger und Richterin einig, taugt das Urteil nicht, eher als notwendige Rechtsfolge. Gestraft ist der Angeklagte schließlich genug: Er trägt die Verantwortung für einen schrecklichen Unfall, in dessen Folge sein Schwager gestorben, seine Frau, die Tochter und die Schwägerin verletzt wurden. Und obwohl die Familie eng zusammensteht und allen eine Aussage vor Gericht wichtig war, das schreckliche Ereignis hat Spuren hinterlassen.

Der Tag hatte so schön begonnen

Und dabei hatte der Tag so schön begonnen: Zur Taufe des Enkelkindes war die Familie von Aalen nach Stuttgart gefahren und hatte dort einen schönen Tag verbracht. Weil der Angeklagte und seine Frau abends noch auf einem 60. Geburtstag eingeladen waren, brach die Gruppe kurz vor 17 Uhr wieder auf. Auf der B 29, zwischen den Anschlussstellen Plüderhausen und Lorch-Waldhausen, muss der 67-jährige Fahrer kurz eingenickt sein, jedenfalls steuerte sein Fahrzeug laut Zeugenaussagen nach einem Überholvorgang in einer langgezogenen Linkskurve geradeaus, kam von der Fahrbahn ab, geriet in die Böschung, prallte gegen mehrere Bäume und überschlug sich.

Der Beifahrer, der aus dem Auto geschleudert und dessen Arm abgerissen wurde, verstarb noch an der Unfallstelle. Die Mitfahrerinnen erlitten Knochenbrüche und Prellungen und kamen – die Tochter sogar mit dem Rettungshubschrauber – ins Krankenhaus.

Kein schweres Essen, kein Alkohol: Der Fahrer fühlte sich fit

Doch wie der Unfall geschehen konnte, der 67-Jährige kann es sich nicht erklären: Bei der Taufe gab es kein schweres Essen, das müde gemacht haben könnte, Alkohol hat er nicht getrunken, gesundheitliche Beeinträchtigungen hatte er nicht. Der Rentner, der beruflich bis zu 40 000 Kilometer im Jahr unterwegs gewesen war, fühlte sich fit – und nichts anderes nahmen die Mitfahrerinnen wahr. Alles normal also. Doch eine Erinnerung an die Fahrt durch Stuttgart und auf der Bundesstraße hat der Angeklagte nicht – bis er einen Knall und einen Schrei hörte. Er selbst hat den Unfall nahezu unverletzt überstanden und konnte, bis die Ersthelfer und Rettungskräfte am Unfallort waren, seine Frau und Schwägerin aus dem Auto befreien. Den Schwager sah er auf der Fahrbahn liegen. „Das ist alles ganz neblig“, beschreibt der 67-Jährige seine Erinnerung, die ihn noch immer sichtlich mitnimmt: „Seit elf Monaten geht es mir durch den Kopf.“

Auch der Schwägerin, der Ehefrau und der Tochter ist es ein Rätsel, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Auf der Fahrt haben sich die Ehepaare über Belanglosigkeiten unterhalten, die 30-jährige Tochter, die am Morgen erst aus Berlin angereist und müde war, hatte im Auto die Augen zugemacht und war eingedöst. Die Fahrweise des Angeklagten: Ganz normal – bis plötzlich alles ganz schnell ging.

Keine Mängel am Fahrzeug

Und so haben auch andere Verkehrsteilnehmer den Unfall erlebt. Ein 37-jähriger Kriminalhauptkommissar, der auf dem Heimweg vom Dienst auf der B 29 unterwegs war, dachte zunächst noch, ein jugendlicher Poser würde – ganz cool und ungebremst – auf den dortigen Rastplatz einfahren. Doch weit gefehlt: Und schnell war auch dem Zeugen klar, dass da etwas gehörig schiefging. Erst später, als er noch einmal an der Unfallstelle vorbeigekommen war, realisierte er, was da eigentlich passiert war: Der BMW ist auf der Straße, die an dieser Stelle eine Linkskurve macht, einfach geradeaus weitergefahren. Und obwohl er dienstlich schon in ganz andere Abgründe geschaut hat, den Kriminalhauptkommissar hat der Unfall mitgenommen.

Geschockt waren auch die anderen Zeugen. Ein 55-Jähriger, der links neben dem Unfallauto auf der rechten Fahrspur unterwegs war, bekannte fast ein Jahr nach dem Ereignis: „Ich war sehr aufgeregt und bin es immer noch.“ Hätte an dieser Stelle eine Leitplanke die Straße begrenzt – „dann gut’ Nacht“. Auch für die Polizeistreife, die an diesem Samstagabend als Erstes am Unfallort war, war es keine alltägliche Sache.

Unfallursache war der Sekundenschlaf, Mängel am Fahrzeug, das führte der technische Sachverständige in der Verhandlung aus, hatte der BMW nicht. Alle Schäden am Auto, versicherte er, seien beim Unfall entstanden. Dass der Beifahrer, obwohl er angeschnallt gewesen war, aus dem Auto geschleudert wurde, erklärte der Sachverständige mit der Rotation des Fahrzeugs, außerdem wurde die linke Fahrzeugseite mitsamt der Gurtaufhängung weggerissen.

„Es tut mir unendlich leid, was passiert ist“

Dass er müde ist, das hätte der Fahrer bemerken müssen – und das ist nach Ansicht des Staatsanwalts auch der Vorwurf, den er sich machen lassen muss: „Er hätte rausfahren und eine Pause machen müssen.“ Gleichzeitig räumte der Staatsanwalt aber ein, dass der Fahrer ein paar Kilometer später sowieso anhalten wollte, um den Schwager und die Schwägerin bei ihrem Auto am Muckensee rauszulassen. Drei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung und eine Geldauflage schienen darum nicht nur ihm, sondern auch der sichtlich bewegten Richterin angemessen. Selbst der Verteidiger hatte gegen das Strafmaß nichts einzuwenden: Für seinen Mandanten sei der Vorfall sehr einschneidend, „er wird sich nicht mehr ans Steuer setzen, wenn er am Tag auch nur einmal gegähnt hat“.

Die Geldstrafe, die die Richterin in ihrem Urteil auf 2000 Euro festsetzte, soll dem Kriseninterventionsteam des DRK zugutekommen, das auch an der Unfallstelle war. Den Führerschein, der dem Unfallverursacher direkt nach dem Unfall abgenommen wurde, händigte Richterin Freier dem Angeklagten nach der Urteilsverkündung aus: Im Urteil wurde ein sechsmonatiges Fahrverbot ausgesprochen, tatsächlich hatte der Angeklagte aber elf Monate auf seinen Führerschein verzichtet und kann dies auch akzeptieren. So wie er das Urteil insgesamt annehmen kann und auf Rechtsmittel verzichten will: „Es tut mir unendlich leid, was passiert ist.“


Tödlicher Unfall

Infolge des tödlichen Unfalls, der sich am 28. April 2018 gegen 17.45 Uhr in Fahrtrichtung Schwäbisch Gmünd zwischen den Anschlussstellen Plüderhausen und Lorch-Waldhausen ereignete, musste die B 29 zur Unfallaufnahme und Bergung für mehr als drei Stunden komplett gesperrt werden. Im Einsatz war damals auch die Feuerwehr Plüderhausen.