Schorndorf

Unsichere Schulwege und Kostenexplosion

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Um von den Geishecken und dem Asperfeld zur Schurwaldschule zu kommen, müssen die Kinder die Wangener Straße über die Verkehrsinsel queren. Den Zebrastreifen auf Höhe der Schurwaldhalle gibt es wegen der Baustelle auf der Ortsdurchfahrt nicht. © Schneider / ZVW

Schorndorf-Oberberken.
Seit März wird die Ortsdurchfahrt saniert – und das wird bis ins Jahr 2018 hinein auch so bleiben. Zum Ärger der Autofahrer – aber auch der Eltern: Wegen der Baustelle auf der Wangener Straße müssen die Oberberkener Kinder nicht nur lange Umwege in Kauf nehmen. Der provisorische Schulweg war geraume Zeit auch gefährlich unterbelichtet. Ein Vororttermin mit Vertretern von Ordnungs- und Schulamt, Zentralen Diensten und Schurwaldschule hat die Lage jetzt entspannt.

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Schon im Frühjahr gab es erste besorgte Hinweise aus der Elternschaft, im Sommer folgte eine E-Mail zur Schulwegfrage an Ortsvorsteher Siegbert Doring. Und doch blieb der Weg an der Umleitungsstrecke Eichenweg – und vor allem das Queren der Fahrbahn – für die Schülerinnen und Schüler aus Elternsicht „viel zu gefährlich“. Mittlerweile ist die Baustelle auf der Ortsdurchfahrt weitergezogen, das Problem hat sich – auch ohne die von den Eltern geforderten provisorischen Zebrastreifen – gelöst. Doch zufrieden sind die Eltern eigentlich erst seit dieser Woche: Mitte Oktober hatte Michaela Wirth als stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende der Schurwaldschule den Ortsvorsteher in einer E-Mail darauf hingewiesen, dass auch der vierte Bauabschnitt, der sich auf der Wangener Straße vom Linsenweg über die Schule bis zur Schurwaldhalle erstreckt, den Kindern den Schulweg erschwert.

Elternsorge: „Beide Schulwege sind sehr gefährlich für die Kinder!“

Sorge bereitet den Eltern die ersatzlos weggefallene Bushaltestelle an der Schurwaldhalle. Um auf dem Heimweg von der (nächsten) Haltestelle am Höhenweg ins Asperfeld und die Geishecken zu kommen, müssen die Mädchen und Jungen aus den weiterführenden Schulen entweder entlang der neu geteerten Straße gehen – und zwischen Baustellenfahrzeugen und schwebenden Teilen hindurch. Oder sie marschieren vom Höhenweg über den Eichenweg, kreuzen den Lindenweg und kommen über den Espenweg in die Wangener Straße. Das Problem: Die Kinder müssen sich in den engen Wohngebietsstraßen die schmalen Gehwege mit den Fahrzeugen teilen, die – bei Gegenverkehr – immer wieder auf den Fußgängerbereich ausweichen. Für Elternvertreterin Michaela Wirth eine untragbare Situation: „Beide Schulwege sind sehr gefährlich für die Kinder!“

Provisorische Beleuchtung des Feldwegs bei der Schurwaldhalle

Nicht besser die Situation für die Mädchen und Jungen, die aus den Geishecken, dem Asperfeld und den Schlehenweg Richtung Schurwaldschule unterwegs sind: Seitdem der Zebrastreifen auf Höhe der Schurwaldhalle Mitte Oktober weggefallen ist, müssen die Grundschüler die Wangener Straße über eine Verkehrsinsel queren, die bis zu einem Vororttermin vergangene Woche auch noch äußerst schlecht beleuchtet war. Seitdem sich Elternvertreterin Michaela Wirth, Rektorin Beate Schif, Vertreter des Ordnungsamts sowie des Kultur- und Sportamts und der Zentralen Dienste die Situation vor Ort angeschaut haben, wurde nachgebessert. Und: Es gibt jetzt auch eine provisorische Beleuchtung des Feldweges an der Schurwaldhalle. Morgens um kurz nach sieben, wenn die ersten Schülerinnen und Schüler unterwegs sind, war den Eltern die Sicht auf dem dunklen Weg, auf dem auch immer wieder Baustellenfahrzeuge verkehren, einfach zu schlecht.

Nicht möglich: die Einrichtung einer Ersatzhaltestelle

Mittlerweile hat die Stadt nachgebessert, es gibt drei LED-Leuchten am Weg und Blinklichter an der Verkehrsinsel, die insgesamt noch besser ausgeleuchtet werden soll. Doch der Wunsch nach einer Ersatzhaltestelle auf Höhe Geishecken/Asperfeld und nach einem Zebrastreifen über der Wangener Straße wird nicht erfüllt: Ein provisorischer Fußgängerüberweg an der Verkehrsinsel kann – wegen der Nähe zur Baustellenampel – nicht eingerichtet werden. „Das ist“, sagt Adrian Holl als zuständiger Abteilungsleiter Sicherheit und Ordnung auf Nachfrage, „laut Richtlinien für die Anlage und Ausstattung von Fußgängerüberweg nicht möglich“. Und eine Ersatzhaltestelle kann nach Rücksprache mit der Bauleitung und dem Busunternehmen ebenfalls nicht eingerichtet werden, „da es an einer sicheren Ein- und Ausstiegsfläche mangelt“. Außerdem sei im Bereich der halbseitigen Straßensperrung, wo der Verkehr per Ampel geregelt wird, grundsätzlich keine Einrichtung einer Ersatzhaltestelle möglich, so die Begründung der Stadt weiter. Doch Eltern und Schulleitung sind auch so zufrieden: Beim Vororttermin haben sie sich endlich ernstgenommen gefühlt. „Wir sind glücklich“, sagen Michaela Wirth und Schulleiterin Beate Schif unisono, „was sich seit Donnerstag getan hat“.



Schorndorf. Horrornachricht für den Gemeinderat zu vorgerückter Stunde: Die Kosten für den Ausbau der Ortsdurchfahrt Oberberken sind regelrecht explodiert. Allein beim reinen Straßenbau muss die Stadt aus heutiger Sicht mit 1,3 Millionen Euro mehr als 100 Prozent der ursprünglich angenommenen Kosten nachfinanzieren. „Wir können uns beim Steuerzahler nur entschuldigen“, sagte Oberbürgermeister Matthias Klopfer im Gemeinderat.

Mehr als verdoppelt haben sich aber nicht nur die zunächst mit 1,1 Millionen veranschlagten Kosten für den Straßenbau – wobei der Technische Werkleiter Planung bei den Zentralen Diensten, Herbert Schuck, Wert darauf legte, dass es sich auch bei den neuen Zahlen nur um eine von den bereits abgerechneten Bauabschnitten 1 und 2 auf die Gesamtmaßnahme hochgerechnete Grobschätzung handle. Ähnliche Kostensprünge wie beim Straßenbau ergeben sich für den Eigenbetrieb Stadtentwässerung Schorndorf (SES) bei der Kanalisation und für die Stadtwerke, die in die LWL-Verkabelung (schnelles Internet) wesentlich tiefer eingestiegen sind, als zunächst vorgesehen: Aus den jeweils veranschlagten Kosten in Höhe von 250 000 Euro sind in beiden Fällen 700 000 Euro geworden. Heißt summa summarum, dass aus ursprünglich angenommenen Gesamtkosten von rund 1,6 Millionen Euro letztendlich circa 3,8 Millionen Euro werden dürften. Die Stadtwerke ausgeklammert, bleiben an der Stadt Mehrkosten von 1,75 Millionen hängen, die, soweit sie die 1,3 Millionen für den Straßenbau betreffen, durch Umschichtungen im Teilhaushalt Gemeindestraßen finanziert werden. Ähnliches gilt bei den Mehrkosten für die Kanalisationsarbeiten.

Schicksalhafte Wendungen

Ein zerknirschter Herbert Schuck („Die Baustelle ist total aus dem Ruder gelaufen“) wusste gar nicht, wo er anfangen, wo er aufhören sollte bei all dem, was bei dieser Baumaßnahme so alles an Schlechtem zusammengekommen ist und was der Untergrund nach und nach an Überraschendem zutage gefördert hat. Angefangen von teerhaltigem Asphalt- und Schottermaterial, das zunächst einmal zwischengelagert und dann als Sondermüll entsorgt werden musste, über die Entdeckung einer historischen Straße unterhalb der eigentlichen Planungstiefe bis hin zu Schichtenwasser und nicht tragfähigem Baugrund, bedingt auch durch kreuz und quer verlaufende Abwasser- und Drainageleitungen. Eigentlich hätte man bei einer seinerzeit vom Land hergestellten Straße von einem „gewissen Regel-aufbau“ ausgehen dürfen, sagte Herbert Schuck, der sich unter anderem von SPD-Stadtrat Hans-Ulrich Schmid die Frage gefallen lassen musste, ob im Vorfeld nicht Probebohrungen und vielleicht auch die Annahme eines Risikoszenarios sinnvoll gewesen wäre. Nicht zuletzt auch im Hinblick darauf, dass sich die Förderzusage des Landes (515 000 Euro) an der ursprünglichen Kostenberechnung bemisst und darüber hinaus beim Land wohl nichts zu holen ist. Letztendlich aber war sich der Gemeinderat darin einig, dass, wie es CDU-Stadtrat und Rechtsanwalt Max Klinger sagte, die Kostenentwicklung eine „schicksalhafte“ ist und auch bei strengster Betrachtung durch die Anwaltsbrille nicht von einer Verschwendung von Steuergeldern die Rede sein könne. „Das ist richtig schlecht gelaufen“, meinte auch der Oberbürgermeister, der es gleichwohl für angebracht hielt, sich beim Steuerzahler für dieses finanzielle Desaster zu entschuldigen. Und natürlich müssten nach Abschluss der Straßenbaumaßname Bilanz und die richtigen Lehren für die Zukunft gezogen werden.

Eine Elbphilharmonie ohne Musik

„Wir allen wollten den Ausbau der Ortsdurchfahrt, und dass es uns jetzt so erwischt hat, damit müssen wir leben“, meinte Grünen-Stadtrat Werner Neher, der es nicht für angezeigt hielt, die alleinige Schuld an dem, was passiert ist, der Verwaltung zuzuschieben. Und der Oberberkener Ortsvorsteher Siegbert Doring gab aus langjähriger persönlicher beruflicher Erfahrung mit Straßenbaumaßnahmen zu bedenken, dass beim Ausbau von Ortsdurchfahrten solcherlei Überraschungen fast schon die Regel seien. Weitgehend einig war sich der Gemeinderat in der Einschätzung, dass der Ausbau der Ortsdurchfahrt, der sich tiefenmäßig von geplanten 0,65 bis auf 1,40 Meter ausgeweitet hat, wohl weiterhin nicht in Angriff genommen worden wäre, wenn von vornherein ein Kostenrahmen von 3,8 Millionen Euro im Raum gestanden hätte. Nachdem aber einmal angefangen gewesen sei und sich die ersten unvorhergesehenen Problemstellungen gezeigt hätten, sei das Projekt aber nicht mehr zu stoppen gewesen, lautete eine weitere übereinstimmende Einschätzung, weshalb jetzt auch die Mehrkosten einstimmig gebilligt wurden. CDU-Fraktionschef Hermann Beutel flüchtete sich in seiner Bewertung in Galgenhumor: „Jetzt hat auch Schorndorf seine Elbphilharmonie, nur macht die keine Musik.“

Streit um Tempo 30

Derweil bahnt sich im Gemeinderat ein Streit darüber an, ob, wie vom Oberberkener Ortschaftsrat gefordert, die für die alte Holperstrecke angeordnete Tempo-30-Regelung auch für die ausgebaute Ortsdurchfahrt beibehalten werden soll oder nicht. „Wir bekommen eine schöne, sauteure und schnelle Straße“, gab der Oberberkener Stadtrat Hans-Ulrich Schmid zu bedenken, für den feststeht: „Wir bekommen ein Tempoproblem, wenn wir nicht bei Tempo 30 bleiben.“ So sieht das auch Ortsvorsteher Siegbert Doring, der sich sicher ist, dass die Tempo-30-Regelung von den Autofahrern auch nach Freigabe der ausgebauten Ortsdurchfahrt akzeptiert würde. Energischen Widerspruch kündigte CDU-Stadtrat Ingo Sombrutzki an, für den die zunehmenden Tempo-30-Anordnungen in den Ortsdurchfahrten – verschärft im Extremfall noch durch einen Blitzer kurz vor dem Ortsausgang – „mittlerweile ein Unding“ sind und der den Hinweis von SPD-Stadträtin Silke Olbrich, dass er doch selber Vater eines kleinen schützenwerten Kindes sei, als „blödes Argument“ abtat, was ihm eine Rüge von Oberbürgermeister Matthias Klopfer einbrachte. Selbst der Erste Bürgermeister Edgar Hemmerich, bislang auch nicht unbedingt ein Befürworter von Tempo-30-Regelungen, räumte im Gegensatz zu Sombrutzki ein, dass sich „die Zeiten geändert“ haben und dass es sehr wohl eine Überlegung wert sei, Tempo 30 in Oberberken beizubehalten. Eine Geschwindigkeitsreduzierung auf einzelnen Abschnitten wie etwa im Bereich der Schule sei auf jeden Fall rechtlich zu begründen, meinte Hemmerich, in dessen Dezernat derzeit aber geprüft wird, ob es bei einem relativ kurzen Straßenstück wie in Oberberken nicht möglich und vielleicht sogar sinnvoller wäre, es generell bei Tempo 30 zu belassen.

Sanierung der Ortsdurchfahrt

Bis zum Wintereinbruch sollte die Ortsdurchfahrt eigentlich saniert sein. Da die Bauarbeiter aber erst auf schlechten Baugrund gestoßen sind, dann auf eine historische Straße aus dem 17. Jahrhundert und schließlich auf Leitungen und Kanäle, die nicht im Plan enthalten waren, werden sich die Bauarbeiten bis ins kommende Jahr hinziehen.

Eine Vollsperrung der Hauptstraße, um den Zeitplan einhalten zu können, hat die Stadt als Alternative verworfen: Zu groß wären die Konsequenzen für Anwohner, Schule, den öffentlichen Verkehr, aber auch für Feuerwehr, Notärzte, Winterdienst und Müllabfuhr gewesen. Besonders kompliziert wäre es auch deshalb gewesen, weil auch die Versorgung von Unterberken bei einer vollständig gesperrten Straße betroffen gewesen wäre.

Den fünften und letzten Bauabschnitt zwischen „Im Asperfeld“ und der Ortsausfahrt halten die Behörden für unproblematisch, schließlich muss dort nur der Belag saniert werden.

Doch die Baustelle wird sich insgesamt nicht nur länger hinziehen, die Sanierung der Ortsdurchfahrt wird auch deutlich teurer: Die ursprünglich für das Projekt angesetzten Kosten von 1,4 Millionen Euro, von denen eine halbe Million durch Fördermittel des Landesverkehrsministeriums gedeckt sind, werden am Ende nicht ausreichen. „Es wird am Ende beträchtlich mehr sein“, hatte Herbert Schuck, Technischer Werksleiter bei den Zentralen Diensten der Stadt, Ende September angekündigt, als klar war, dass der Zeitplan nicht eingehalten werden kann. Mittlerweile liegen die tatsächlichen Zahlen auf dem Tisch (siehe Artikel unten) und sie belegen, dass „deutlich teurer“ ein sehr dehnbarer Begriff ist.

Der Abschluss der Bauarbeiten wird aber auch von der Witterung abhängen – je nachdem, wie hart der kommende Winter wird. Und dann wird vor März kommenden Jahres voraussichtlich nicht mit einer Wiederaufnahme der Bauarbeiten zu rechnen sein.