Schorndorf

Unwetter-Risiko im Kreis steigt

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Blitze zucken durch den Nachthimmel ueber den Daechern von Weiler zum Stein, Rems-Murr-Kreis, 24.06.2016.
Symbolbild. © Benjamin Beytekin
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Hochwasser
Überflutete Straßen in Weiler zum Stein am 14. Juni. © Habermann / ZVW
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Land unter in Schwäbisch Gmünd: In der Nacht zum 30. Mai schwoll die Rems auch in Schorndorf stark an. Dank Rückhaltebecken im Ostalbkreis wurden das mittlere und untere Remstal vor einem Hochwasser verschont. © Habermann / ZVW
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Rückhaltebecken im Rems-Murr-Kreis. © ZVW
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Ueberflutungen nach Starkregen, Weiler zum Stein, 14.06.2016.
Überflutete Straßen in Weiler zum Stein am 14. Juni. © Benjamin Beytekin

Schorndorf. Zwischen Ende Mai und Ende Juni waren die Hagelflugzeuge schon so häufig in der Luft wie im ganzen Jahr 2014. Die 32 Einsätze in Nordwürttemberg werfen ein Schlaglicht auf das extreme Wetter. Der Rems-Murr-Kreis ist bei den Unwettern vergleichsweise glimpflich davongekommen, lautete das Fazit eines Rückblicks für die Kreisräte im Umwelt- und Verkehrsausschuss.

Landrat Richard Sigel verband den Rückblick mit einem Sachstandsbericht über den Hochwasserschutz an Rems und Murr sowie den Zuflüssen (siehe unten stehend „Hochwasserschutz an Rems und Murr“). Die Bäche schwollen bei den Unwettern zum Teil dramatisch an und deuten die Gefahren an, die von scheinbar harmlosen Bächen ausgehen können, wie das Beispiel Braunsbach zeigte.

Welche Unwetter gingen über dem Rems-Murr-Kreis nieder?

29. und 30. Mai: Vom Starkregen war an diesem Sonntag vor allem Schwäbisch Gmünd betroffen.

Die starken Überschwemmungen forderten zwei Todesopfer. Nach Auskunft des Wasserverbandes Rems entsprachen die Wassermassen nach der statistischen Wahrscheinlichkeit einem 100- bis 200-jährlichen Hochwasser. Das Ansteigen der Hochwasserwelle erfolgte analog der Hochwasserereignisse von 2013 und 2015 innerhalb sehr kurzer Zeit, stellte Andreas Mania, Leiter des Geschäftsbereichs Umweltschutz, die Wetterlage dar. „Durch die hohe und langanhaltende Regenintensität im Stadtbereich von Schwäbisch Gmünd, verbunden mit einem hohen Sättigungsgrad der Böden und dem schnellen Abfließen in das Gewässer, wurde die Abflussspitze innerhalb einer Stunde erreicht.“

Das Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Reichenhof lief fast vollständig voll, das HRB Waldhausen erreichte die maximale Stauzielhöhe von 6,17 Metern. Beide Becken befinden sich im Ostalbkreis. „Dank dieser beiden Becken stieg der Pegel der Rems bei Schorndorf lediglich auf 3,70 Meter.“ Somit lag der Pegel unterhalb eines zehnjährlichen Hochwassers (4,42 Meter). „Eine Inbetriebnahme des HRB 6 zwischen Schorndorf und Winterbach war somit nicht erforderlich.“ Für SPD-Kreisrat Klaus Riedel Grund genug, im Ausschuss seinen Dank an den Ostalbkreis auszusprechen, der beim Hochwasserschutz weiter ist als der Rems-Murr-Kreis.

In den Seitentälern der Wieslauf waren die Hochwasserrückhaltebecken Glasofenbach und Mittelbach in Rudersberg am 29. Mai jeweils zu zwei Drittel eingestaut.

8. Juni: Am Nachmittag und Abend gingen insbesondere über dem oberen Murrtal starke Niederschläge von bis zu 50 Millimeter nieder. Das Zentrum dieses Niederschlagsgebietes befand sich nicht direkt im Murrtal, sondern über dem Welzheimer Wald.

Rems: Am Pegel Schorndorf wurde in der Nacht zum 9. Juni lediglich ein maximaler Pegelstand von 3,40 Meter gemessen.

Wieslauftal: In den Seitentälern der Wieslauf waren die Hochwasserrückhaltebecken Glasofenbach und Mittelbach in Rudersberg eingestaut. Es gab keine Überflutungen.

Murr: Der Wasserstand der Murr stieg am Pegel Oppenweiler schnell an und erreichte dort den höchsten Wasserstand mit 2,68 Metern bereits um 17.45 Uhr. In Sulzbach trat die Murr an mehreren Stellen über die Ufer und sorgte so ebenso wie der Haselbach für Überflutungen. Der Zugverkehr wurde unterbrochen.

Weissacher Tal: Wegen des Starkregens liefen in Weissach im Tal mehrere Keller voll.

5. Juni und 17. Juni: An den beiden Tagen war oftmals die Kanalisation überlastet. „Ein genaues Schadenbild liegt der Kreisverwaltung noch nicht vor.“

24. Juni: In der Nacht zum Samstag ging über Teilen der Stadt Murrhardt starker Regen nieder. Es kam zu überschwemmten Straßen, Rückstauungen aus der Kanalisation und Wassereinbrüchen in Gebäuden sowie gefluteten Kellern und Garagen. Insgesamt gingen 58 Schadensmeldungen ein. Auch in Althütte und Schorndorf entstanden Schäden.

Welches Fazit zieht das Landratsamt aus den Unwettern?

Die starken Unwetterereignisse mit Starkniederschlägen in den vergangenen Wochen hatten insbesondere folgende Auswirkungen, so Andreas Mania in seinem Bericht:

  • „Klassische“ Hochwasser im Sinne von über die Ufer getretenen Bächen und Flüssen,
  • Überflutungen durch überlastete Kanalsysteme,
  • Überflutungen durch „wild“ ablaufendes Oberflächenwasser.

Insbesondere überlastete Kanalsysteme und wild ablaufendes Oberflächenwasser haben Ende Mai und im Juni zu zahlreichen Einsätzen der Feuerwehren und höheren Schäden in großen Teilen des Rems-Murr-Kreises geführt. Betroffen waren unter anderem Allmersbach im Tal, Auenwald, Backnang, Burgstetten, Leutenbach, Murrhardt, Plüderhausen, Sulzbach an der Murr und Weissach im Tal.

Haben die Rückhaltebecken die Wassermassen aufgehalten?

Die vorhandenen Hochwasserrückhaltebecken an der Rems, an den Seitengewässern der Wieslauf sowie im Weissacher Tal haben größere Schäden in den besiedelten Ortslagen verhindert. „Festzuhalten ist, dass ein derartiger Schutz im Murrtal noch nicht vorhanden ist. Nur dank des für den Rems-Murr-Kreis günstigen Verlaufs der aufgezeigten Starkniederschläge kam es zu keinem nennenswerten Hochwasserereignis mit den entsprechenden Schäden.“

Einen 100-prozentigen Schutz bieten die Rückhaltebecken freilich nicht, betont das Landratsamt. Der Rems-Murr-Kreis sei auf einem guten Weg, die Ortschaften vor einem 100-jährlichen Hochwasser zu bewahren – bis auf das Murrtal, wo noch keines der vorgesehenen überörtlich wirkenden Becken fertig ist.


Erfahrung macht klug. Zumindest was die Hochwasser angeht, haben die Menschen an Rems und Murr Konsequenzen gezogen. An der Rems waren dies das Hochwasser von 21. März 2002, als der Pegel in Schorndorf mit 512 Zentimetern und am 13. Januar 2011 mit 522 Zentimetern historische Höchststände erreichte. Der statistisch 100-jährige Wasserstand liegt bei 521 Zentimetern. Die Überschwemmungen von 2002 richteten zwischen Remshalden und Waiblingen Schäden in Höhe von 40 Millionen Euro an. An der Murr waren es die Hochwasser in den Jahren 2009 und 2011, als auch die Backnanger Altstadt überflutet wurde.

Im Landkreis gibt es mittlerweile fünf Wasser- und Zweckverbände, die sich um den technischen Hochwasserschutz kümmern. Die unterschiedlichen Interessen der Städte und Gemeinden und die zum Teil komplizierte Zusammenarbeit untereinander erklärt, weshalb es mancherorts bei Planung und Bau von Dämmen und Deichen nicht vorangeht.

Der Wasserverband Rems plant zwischen Plüderhausen und Waiblingen acht Hochwasserrückhaltebecken (HRB) und drei Deiche. Die bestehenden Rückhaltebecken im Ostalbkreis haben das Remstal in diesem vor einem größeren Hochwasser bewahrt. Ein HRB, das zwischen Schorndorf und Winterbach, ist fertig. Im Wasserrechtsverfahren ist das HRB Urbach/Plüderhausen. Für die übrigen bestehen Konzeptionen oder Pläne.

Der Wasserverband Murr hat bisher lediglich zwei Deiche in Oppenweiler und Reichenbach fertiggestellt. Zwei weitere Deiche in Backnang und Sulzbach sind im Bau. „Für einen ausreichenden Hochwasserschutz im Murrtal sind neben den innerörtlichen Hochwasserschutzmaßnahmen auch zwingend die überörtlich wirkenden Rückhaltebecken erforderlich“, heißt es in den Unterlagen des Kreistages. Nachrichtlich teilte Landrat Richard Sigel im Ausschuss mit, dass die Grundstücksverhandlungen für das HRB Oppenweiler vor dem Abschluss stünden.

Wasserverband Wieslauftal: Geplant sind vier örtlich wirkende HRB und lokale Deiche in Rudersberg und Schlechtbach. Bereits fertig sind die HRB Glasoffenbach mit 60 000 Kubikmetern und Mittelbach mit 17 000 Kubikmetern. Wenn alle HRB fertig sind, wird der Wasserabfluss selbst bei einem 100-jährigen Hochwasser fast halbiert und würden somit die Schorndorfer Ortsteile Haubersbronn und Miedelsbach geschützt.

Im Weissacher Tal sind zwölf HRB geplant, von denen fünf fertig sind. Der Wasserverband Kocher-Lein ist beim Hochwasserschutz am weitesten. Die elf HRB wurden bereits in den Jahren 1959 bis 1982 errichtet.

Fazit: „Die Folgen und Auswirkungen von Starkniederschlagsereignissen, wie sie in den letzten Wochen im Landkreis aufgetreten sind, lassen sich jedoch mit den vorgesehenen Maßnahmen des technischen Hochwasserschutzes nicht gänzlich unterbinden.“ Vor allem die seitlichen Zuläufe von Rems und Murr sind nicht kalkulierbar. Starkregenrisikomanagement sei jedoch eine kommunale Aufgabe. „Trotz der Anstrengungen zum Hochwasserschutz wird immer ein Restrisiko bleiben.“

Weitere Unwetter der vergangenen Wochen:

5. Juni:
Schwere Gewitter in der Backnanger Bucht, besonders Weiler zum Stein war betroffen.
7. Juni: Wolkenbruch überflutet Straße in Berglen-Rettersburg.
25. Juni: Schwere Gewitter im ganzen Landkreis.