Schorndorf

Upcycling, Fair und Handgemacht: Wie aus Autoreifen Schuhsohlen werden

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Vivian Tuschl-Aguilar
Vivian Tuschl-Aguilar in ihrem Geschäft „Luna Viva“ in Schorndorf: In ihrem Sortiment gibt es unter anderem vegane Schuhe – mit Schuhsohlen aus Naturkautschuk und alten Autoreifen. © Gabriel Habermann
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Vivian Tuschl-Aguilar
Modische Taschen in allen Größen – hergestellt aus Dosenverschlüssen. © Gabriel Habermann

Vivian Tuschl-Aguilar überlegt: „Also, aus einem alten Autoreifen kann man für vier bis sechs paar Schuhe Schuhsohlen herstellen, je nach Schuhgröße.“

Bunte, einzigartige Espadrilles oder Sneakers, Wohlfühlschuhe aus Kolumbien mit Sohlen aus Naturkautschuk oder Altreifen, Blusen und Kleider mit detailgetreuer Stickerei, Glaswaren, Accessoires, Taschen und Schmuck – wer das Geschäft „Luna Viva“ in der Gottlieb-Daimler-Straße betritt, merkt schnell, dass hier ein besonderes Mode-Verständnis herrscht. Um den Deutschen die mexikanische Kultur nahezubringen, hat Vivian Tuschl-Aguilar im Jahr 2009 ihren „Viva Luna“-Store eröffnet. Der 48-Jährigen, die in Mexico-City aufgewachsen ist, Wirtschaftswissenschaften studierte und wegen der Liebe zu ihrem Mann nach Schorndorf kam, liegen soziale Projekte sehr am Herzen.

Zusammenarbeit mit Mexiko und Kolumbien

In ihrem Laden verkauft sie Upcycling-Taschen, Recycling-Armbänder, kunstvoll bestickte und fair produzierte Kleider sowie Schmuckunikate. Alles Geld, das „Luna Viva“ erwirtschaftet, versichert Vivian Tuschl-Aguilar, wird wieder in Projekte investiert.

Aber wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Kolumbien und Mexiko? „Es gibt sozusagen zwei Wege für mich“, erklärt die Geschäftsfrau. Zum einen arbeite sie mit einer Organisation zusammen: „Ich kenne die Werkstätten und die Menschen, die das alles mit ihren Händen in Mexiko herstellen, kenne die jeweils einzigartigen Geschichten, die Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker, Künstler und Designer, die hinter jedem Produkt stehen.“ Zum anderen ist sie einmal im Jahr in Mexiko (nur in der Corona-Zeit ging es nicht) und reist durch das Land: „Ich schaue mir Dinge an und besuche Kunsthandwerker. Daraus entsteht ein großes Netzwerk.“ Ebenso laufe es mit Kolumbien. In Zeiten von Telefon, Handy, Internet, Whatsapp – alles kein Problem mehr, sagt Tuschl-Aguilar. „Der Austausch oder auch die Besprechungen wegen der Ware laufen meist problemlos“, sagt die Mexikanerin.

Wie die Ware den Weg in ihr Schorndorfer Geschäft findet? Früher habe sie logistisch alles mit der Seefracht bewältigt: „Das ist aber sehr , sehr teuer geworden und dauert lange. Ich bin auf die Luftfracht umgestiegen und achte sehr darauf, dass es nicht zu viele einzelne Lieferungen werden wegen den Flügen.“

Die Idee, aus „Müll Taschen zu kreieren“ sei nicht neu, sagt Tuschl-Aguilar. Aus ihrer Heimat weiß sie, dass der Müll und das Geschäft damit immer schon ein großes Thema waren – „manchmal sogar kriminell“.

Es muss nicht immer Leder sein

Aus Abfällen wie Schläuchen alter Autoreifen, Geschenkpapier von Süßigkeiten, Getränkedosen oder Getränkedosen-Tabs wurden neuen Produkte in Handarbeit geschaffen. Ihre Accessoires oder Kleidungsstücke seien alles Unikate aus Lateinamerika. „Wir experimentieren viel mit Materialien, es muss nicht immer Leder sein.“ Das Projekt beschäftigt hauptsächlich Frauen, die sehr wenig Geld haben. Entweder weil sie alleinerziehend sind oder weil ihre Familien zu den sozial Schwachen zählen. Die Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker seien stolz, dass „ihr Handwerk geschätzt wird“. Sie bekämen mehr als den eigentlichen Mindestlohn. Das Projekt liegt in Zentralmexiko und wird von der Bevölkerung unterstützt.

In allen Schulen der Stadt sammeln die Schüler Getränkedosen für das Projekt. Diese werden dann von den Kunsthandwerkern, die in ihren Dörfern in verschiedenen Regionen Mexikos leben, zu einzigartigen Taschen und Accessoires zusammengestellt.

Qualität hat mit Nachhaltigkeit zu tun

Vivian Tuschl-Aguilar freut sich immer, wenn sie hört, dass Kosmetikfirmen „Verpackungs-Abfall“ an eine mexikanische Stiftung spenden. Das Design erscheint manchmal einfach, aber bis beispielsweise so eine Tasche aus Dosenverschlüssen mit den bunten Baumwollfäden verbunden ist, kann es zwischen fünf und 24 Stunden dauern, je nach Größe der Tasche. Wie lange hält so eine Tasche? „Ewig!“, sagt die 48-Jährige und lacht herzhaft. Und sollte doch mal etwas kaputtgehen – woran Tuschl-Aguilar nun wirklich nicht glaubt –, dann sind auf jedes Produkt zwei Jahre Garantie angelegt. Ja, gibt sie zu, die Waren haben „stolze Preise“ – zwischen 70 und 260 Euro kosten Taschen in ihrem Geschäft. Aber man müsse bedenken: „Jede Tasche ist von Hand hergestellt und sie ist einzigartig.“ Ebenso verhalte es sich mit den veganen Schuhen. „Kein Paar ist gleich.“ Sie bestehen aus 100 Prozent Baumwolle, kaputte Jeansstoffe werden als „Zwischenstoff“ verwendet – für einen guten Halt im Schuh. Die Sohlen bestehen entweder aus Naturkautschuk oder aus Stücken von alten Autoreifen. „Diese Schuhe sind toll – im Sommer schwitzt man nicht, und im Winter eignen sie sich als Hausschuh, weil sie wärmen.“ Qualität habe auch viel mit Nachhaltigkeit zu tun, sagt Tuschl-Aguilar.

Fokussiert hat sich die Mexikanerin von Anfang an auf Mode für Frauen, für Männer habe sie derzeit nur Schuhe im Geschäft. Aber eine „Modelinie für Männer“ sei ebenso angedacht wie eine eigene Kollektion. Sie steht mit einer Designerin in Mexiko in Kontakt und sie hofft, dass es 2023 mit der eigenen Luna-Viva-Kollektion klappt.“

Vivian Tuschl-Aguilar überlegt: „Also, aus einem alten Autoreifen kann man für vier bis sechs paar Schuhe Schuhsohlen herstellen, je nach Schuhgröße.“

Bunte, einzigartige Espadrilles oder Sneakers, Wohlfühlschuhe aus Kolumbien mit Sohlen aus Naturkautschuk oder Altreifen, Blusen und Kleider mit detailgetreuer Stickerei, Glaswaren, Accessoires, Taschen und Schmuck – wer das Geschäft „Luna Viva“ in der Gottlieb-Daimler-Straße betritt, merkt schnell, dass hier ein besonderes

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