Schorndorf

Urbacherin erlebte die Flüchtlingsnot auf Lesbos

1/3
Anke Kösterke_0
Anke Kösterke aus Urbach war dreieinhalb Wochen lang als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin auf der griechischen Insel Lesbos. © ZVW/Danny Galm
2/3
Rettungswesten
Rettungswesten auf Lesbos. © Anke Koesterke
3/3
_2
Lesbos ist die drittgrößte Insel Griechenlands und die achtgrößte im Mittelmeer.

Urbach. Auf der griechischen Insel Lesbos, wo Tausende und Abertausende Entwurzelte hausen, offenbaren sich die Abgründe der europäischen Abschottungspolitik. Anke Kösterke, 29, aus Urbach war dort als Flüchtlingshelferin.

Der Friedhof der Rettungswesten: Hunderte orangefarbiger Flecken sprenkeln die Müllkippe. Regelmäßig werden sie verbrannt, „und es kommen neue oben drauf“, große von Erwachsenen, kleine von Kindern – die Überzieher bezeugen, dass Menschen den Meerweg per Schlauchboot überlebt haben. Aber nicht wegen der Westen: „80 Prozent sind Fälschungen“ und würden in Seenot niemanden über Wasser halten.

„Ich wollte mir ein eigenes Bild machen“

Anke Kösterke ist Sozialpädagogin, bei der Paulinenpflege Winnenden arbeitet sie in einer Wohngruppe für junge Flüchtlinge. Im Februar war sie knapp einen Monat lang auf der griechischen Insel Lesbos, ehrenamtlich; Flug, Unterkunft, Lebensunterhalt zahlte sie selber. „Ich wollte mir ein eigenes Bild machen.“ Und „irgendwie helfen“.

Die europäischen Politiker haben das Flüchtlingsproblem, das 2015/16 für so viel Unruhe sorgte, längst wirksam eingedämmt: Die Grenzen sind dicht, dank Deals mit Regierungen, Warlords, Despoten von Zentralafrika über Libyen bis zur Türkei. Kaum jemand kommt mehr bei uns an. Saubere Sache: aus den Augen, aus dem Sinn.

Die hässliche Kehrseite dieser Abschottung zeigt sich auf Lesbos. Die Insel liegt dicht vor der Küste der Türkei, gehört aber zu Griechenland und war für Fliehende mal das Sprungbrett nach Europa – mittlerweile ist Lesbos eine Sackgasse. Seit das EU-Abkommen mit der Türkei gilt, dürfen die Menschen nicht mehr weiter gen Westen und Norden. Erdogan nimmt sie zurück; so will es zumindest der Deal. Theoretisch. Praktisch geschieht das oft nicht: Die Menschen hängen fest zwischen den Welten.

Anke Kösterke hat Flüchtlinge kennengelernt, vor allem aus Afghanistan, Iran, Irak, Syrien, die seit 18 Monaten auf Lesbos hausen. Eine syrische Familie zum Beispiel, dem Bürgerkrieg entronnen: Vater, Mutter, kleines Kind, sie hatten früher ein „sehr gutes Leben“ geführt, nun sitzen sie im Dreck. Die Frau brachte auf dieser Insel Nirgendwo ihr zweites Baby zur Welt.

Fürchterliche Zustände im Flüchtlingslager Moria

Moria, das größte Flüchtlingscamp auf Lesbos, ist ausgelegt für 2000 Menschen – 9000 pferchen sich hier zusammen, auf 80 kommt eine Dusche, auf 200 eine Toilette. Sie stehen „den ganzen Tag an für Essen“, hausen in Zelten, schlafen auf schlammdurchweichter Pappe. Manche nächtigen am Straßenrand; man müsse „aufpassen, dass man niemanden überfährt“.

Anke Kösterke half mit in einem Tageszentrum der Schweizer Nichtregierungsorganisation „One Happy Family“. Hier gibt es Sportfelder und Fitnessraum, Yoga- und Nähkurse, Physiotherapeuten und Ärzte, Werkstätten und Schule, Friseur und Schneider; und Essen für tausend Leute am Tag. „Es läuft alles über Spenden“ und dank freiwilliger Helfer.

Vor der Abreise nach Lesbos fand Anke Kösterke den Namen One Happy Family „ein bisschen seltsam“: eine glückliche Familie? Doch etwas kitschig. Bald aber spürte sie die „ganz, ganz positive Atmosphäre“, die in diesem Begegnungszentrum herrscht: Helfer und Flüchtlinge kochen und arbeiten gemeinsam, „man macht nicht etwas für die Leute, man macht es mit ihnen zusammen“.

Leben in der Blase

Kösterke ist eine junge Frau mit blondem Haar. War das schwierig? Sie lacht. „Gar nie. Wirklich gar nie.“ In der Küche oder auf dem Sportplatz – „immer“ waren die Menschen „gemischt“: Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, Christen und Muslime. Sie hätten „wahnsinnig viel gelacht“. Nie habe einer „geglotzt“. All die „unterschiedlichen Nationalitäten, Kulturen, Religionen – es hat nie eine Rolle gespielt“.

Man lebe „wie in einer Blase“ im One-Happy-Family-Zentrum. Es tut den Menschen gut, „rauszukommen aus dem Camp-Alltag, der wirklich furchtbar ist. Man kann vieles ausblenden.“ Für den Moment.

Aber natürlich bleibt die Bedrückung. Manchmal geht die Kunde um, dass in der Nacht vor der Küste wieder jemand ertrunken sei. „Die vielen Kleinkinder – was haben die für eine Perspektive in den nächsten Jahren?“ Im Camp Moria gibt es „Übergriffe“, Kriminalität, Prügeleien ums Essen: Frustration, die Enge, das Warten – ein sprengkräftiges Gemisch. Man mag sich nicht ausmalen, wie es auf Lesbos zuginge ohne Organisationen wie One Happy Family oder Ärzte ohne Grenzen, „Helfer aus aller Welt, USA, Kanada, ganz Europa, Israel, Palästina“. Menschenrechtler äußern den Verdacht, dass das Elend politisch gewollt sei, weil es der Abschreckung diene.

Zurückzukehren in ein „normales, geregeltes Leben“; zurück zu einem verständnisvollen Arbeitgeber, der einen ziehen lässt und wieder aufnimmt; heimzukommen und „zu wissen, die Leute sind weiter dort“: Das sei „schwer auszuhalten“, sagt Anke Kösterke. „Welche Verpflichtungen haben wir als privilegierte Menschen?“ Können wir einfach achtlos ausblenden, was dort geschieht? Dürfen wir uns mit fragwürdigen Abkommen Ruhe erkaufen, während auf Lesbos die Menschen vegetieren? „Wie kann man denn solche Deals abschließen?“ Was ist das für eine europäische Politik, die sich für ihren tollen Grenzschutz selber lobt und „die Griechen alleine lässt“ mit all der angespülten Menschennot?

Es war richtig, hinzugehen, „auf jeden Fall! Ich würd’s jedem empfehlen. Ich habe beruflich wahnsinnig viel gelernt. Und man lernt auch die eigene Kultur noch mal ganz anders kennen.“ Einen Wunsch hat sie von Lesbos mitgebracht: dass die Deutschen hinsehen; vielleicht spenden; oder „zumindest mal was darüber lesen“.


Das Zentrum

Das Zentrum auf Lesbos, in dem Anke Kösterke arbeitete, wurde Anfang 2017 von einer Schweizer Privatorganisation aufgebaut. Im Juni 2017 gründete sich der unabhängige Verein One Happy Family, um das Projekt auf ein solides Fundament zu stellen. Die Arbeit stützt sich ausschließlich auf private Spenden und freiwillige Helfer aus aller Welt. Zum Center gehören unter anderem ein Klinikhaus, eine Schule für Kinder und Erwachsene, Cafe, Spielplatz, Sportgelände, Yoga-Zelt, Shisha-Lounge, Küche, Frauenraum, Friseursalon, Internet-Cafe, Kino und Bibliothek. Vieles ist findig improvisiert: Die Bücherei ist in einem alten VW-Bus untergebracht, die Schule in einem ausrangierten Schiffscontainer. In den verschiedenen Einrichtungen arbeiten auch Flüchtlinge als Lehrer, Köche oder Krankenpfleger.