Schorndorf

Vergeblicher Elternwunsch: Oberbürgermeister im Kreis wollen keine Luftfilter in Schulen

Thorsten Fuchs
Thorsten Fuchs ist Vater einer Zweitklässlerin in der Fuchshofschule und würde sogar aus eigener Tasche Luftfilter bezahlen. Das hat die Stadt als Schulträger aber abgelehnt. © Gabriel Habermann

Die Schulleiter sprechen sich ganz klar dafür aus, der Gesamtelternbeirat hat bereits angemahnt, unter welchen Umständen die Schülerinnen und Schüler im Herbst und Winter wieder lernen müssten, auch der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel hat in einer viel beachteten Online-Petition gefordert, dass Luftreiniger in die Klassenzimmer eingebaut werden sollen  – und trotzdem hat sich die Stadt Schorndorf jetzt entschlossen, von Luftfilteranlagen in Schulen Abstand zu nehmen. Dabei handelt es sich nicht um eine einsame Entscheidung, sondern um das Ergebnis einer Besprechung aller Oberbürgermeister der Großen Kreisstädte im Rems-Murr-Kreis am Dienstagvormittag (29. Juni). Und das, obwohl angesichts der erstarkenden Delta-Variante mit einer vierten Corona-Welle im Herbst zu rechnen ist.

Hauptgrund der ablehnenden Haltung ist laut Tina Werner, Fachbereichsleiterin Schulen und Vereine, das Zeitproblem: Seit Mitte Juni können sich die Kommunen den Einbau von Luftfilteranlagen mit 500.000 Euro pro Einrichtung vom Bund fördern lassen. Die Antragsfrist allerdings laufe nur bis Ende des Jahres – „und die Lieferfristen für Lüftungsgeräte sind sehr lang“. Für eine mögliche vierte Welle, so Tina Werner, „kommt das Programm zu spät“. Als weiteren Grund für die ablehnende Haltung führt sie an, dass zwar Beschaffungs- und Installationskosten gefördert würden, nicht aber Kosten für Planung, Ertüchtigung, Wartung und Energie. Würde Schorndorf also nur die Grundschulen und auch nur die Klassenzimmer mit Lüftungsanlagen nachrüsten, es würden dennoch 69 Räume zusammenkommen – und damit ein immenser Planungs- und Einbauumfang.

Uni Stuttgart prüft, ob Luftfilter wirklich wirken

„Die Frage ist“, gibt Tina Werner dabei zu bedenken, „wie sich Corona weiter entwickelt.“ Außerdem sei noch nicht vollständig nachgewiesen, ob Luftfilter wirklich die erhoffte Wirkung bringen. Die Landeshauptstadt habe bei der Universität Stuttgart eine entsprechende Studie in Auftrag gegeben – das Ergebnis allerdings steht noch aus. Und letztendlich, weiß Tina Werner, fordert der Städtetag eine Grundsatzentscheidung von Bund und Ländern.

Für Eltern wie Thorsten Fuchs ein unhaltbarer Zustand. Weil er und seine Frau mit den aus ihrer Sicht zu laxen Schutzmaßnahmen in den Schulen nicht einverstanden sind, schicken sie ihre Tochter, die die zweite Klasse der Fuchshofschule besucht, schon seit Pfingsten 2020 nicht mehr in den Unterricht. Das ist möglich, weil die Präsenzpflicht an den Schulen noch ausgesetzt ist. Wie es weitergehen soll, wenn alle Kinder wieder zur Schule müssen und Corona noch immer nicht vorbei ist, weiß Thorsten Fuchs nicht. Doch ihm will einfach nicht in den Kopf, warum es für die Betriebe eine Home-Office-Pflicht gibt und für Arbeitnehmer Arbeitsschutzmaßnahmen gelten, Kinder und Jugendliche aber bei Minusgraden, offenen Fenstern, ohne Abstand und jetzt auch noch ohne Maskenpflicht in die Schule geschickt werden. Und noch weniger versteht er, warum sein Vorschlag, zwei Belüftungsgeräte aus eigener Tasche zu bezahlen, von Schule und Stadt abgelehnt wurden. Lüftungsanlagen, das weiß auch Fuchs, sind sicher nicht das Allheilmittel gegen Corona, aber besser, als gar nichts zu unternehmen, sind sie aus seiner Sicht allemal. Er hatte wirklich gehofft, dass die Politik ein tragfähiges Konzept für den Herbst entwickelt und nicht einfach noch mal nur zuwartet. Dass der Einbau von Lüftungssystemen letztlich an Zeit und Geld scheitert, kann Fuchs nicht akzeptieren. Und auch nicht, dass Schulen – und das war aus seiner Sicht schon vor Corona so – „immer weiter aus dem letzten Loch pfeifen“. Der Schutz der Gesundheit, ist Fuchs überzeugt, „kostet immer Geld“.

Muss wieder alle 15 Minuten bei voller Heizung gelüftet werden?

Auch Dr. Karin Fehrenbach als geschäftsführende Schulleiterin der Schorndorfer Schulen stellt die kritische Frage: „Kann sich die Gesellschaft das wirklich leisten, dass Kinder in den Klassenzimmern in Winterklamotten vor Computern sitzen?“ Die Erfahrung mit CO2-Ampeln in der Miedelsbacher Grundschule etwa im vergangenen Herbst und Winter habe gezeigt: Für eine gute Luftqualität muss alle 15 bis 20 Minuten gelüftet werden – „und das bei voller Heizung“. Lüftungsanlagen wären aus ihrer Sicht die Alternative. Doch dafür will die Stadt kein Geld ausgeben – allenfalls in Schulneubauten. Und die Begeisterung hält sich, was mobile Raumluftgeräte angeht, in Schorndorf ebenfalls in Grenzen: Diese seien, gibt Fachbereichsleiterin Tina Werner zu bedenken, vom Förderprogramm des Bundes nicht abgedeckt, könnten aber, genauso wie CO2-Ampeln, bis Ende Juli 2021 aus dem Schulbudget Corona des Landes finanziert werden. Tatsächlich, weiß Tina Werner, haben die Schulen das Geld aber mehrheitlich lieber für Laptops und IT ausgegeben. Außerdem sei das Problem von mobilen Geräten, dass man trotzdem lüften müsse, weil kein Luftaustausch stattfindet. Dazu kommen hohe Wartungs- und Unterhaltungskosten.

Und im speziellen Fall der Fuchshofschule ist es laut Rektorin Simone Kumordzie-Plott, die Lüftungssystemen grundsätzlich offen gegenübersteht, auch so, dass eine Untersuchung der Raumluftqualität im vergangenen Herbst ergeben habe, „dass die CO2-Belastung während einer Unterrichtsstunde, selbst bei geschlossenen Fenstern, immer in Bereichen lag, die eine gute bis mittlere Raumluftqualität benötigt“. Soll heißen: In der Fuchshofschule braucht’s keine Lüftungsanlagen, „da die Pavillonbauweise der mittlerweile in die Jahre gekommenen Schule die regelmäßige Luftzirkulation begünstigt“.

In Rudersberg und in Welzheim indes war man Ende April dankbar, als die Rudersberger Firma ELT Entstaubungs- und Lufttechnik Luftreiniger für die Grundschule Schlechtbach und das Limes-Gymnasium Welzheim gespendet hat. Diese Luftreiniger können nach Firmenangaben 3000 Kubikmeter Luft pro Stunde filtern und damit auch Coronaviren nahezu vollständig aus Räumen entfernen. Und das bei einer Lautstärke, die unter der einer handelsüblichen Spülmaschine liegt. Noch werden Erfahrungen gesammelt. Gezeigt hat sich aber bereits jetzt: Die CO2-Ampeln steigen, seitdem das Gerät im größten Klassenzimmer der Schule installiert ist, dank des Reinigers deutlich später an.

Kommentar von Barbara Pienek

Eine Schande

Eltern haben noch nicht vergessen, wie ihre Kinder im vergangenen Herbst und bis zum Lockdown kurz vor Weihnachten wochenlang bei offenen Fenstern und Minusgraden im Unterricht bibberten und dann, als in der dritten Corona-Welle gar nichts mehr ging, monatelang zu Hause vor dem Laptop im Fernunterricht lernen mussten. Die Oberbürgermeister indes scheinen diese Bildungskatastrophe tatsächlich erfolgreich verdrängt zu haben, wenn sie sich jetzt aus zeitlichen oder anderen fadenscheinigen Gründen gegen den Einbau von Luftfiltern entscheiden. Dabei war genug Zeit zum Handeln da! Auch ohne Delta-Variante war doch klar, dass Corona mit dem Sommer nicht vorbei ist. Es ist eine Schande, dass diese vielen Monate nicht genutzt wurden für eine tragfähige Schulstrategie.

Die Schulleiter sprechen sich ganz klar dafür aus, der Gesamtelternbeirat hat bereits angemahnt, unter welchen Umständen die Schülerinnen und Schüler im Herbst und Winter wieder lernen müssten, auch der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel hat in einer viel beachteten Online-Petition gefordert, dass Luftreiniger in die Klassenzimmer eingebaut werden sollen  – und trotzdem hat sich die Stadt Schorndorf jetzt entschlossen, von Luftfilteranlagen in Schulen Abstand zu nehmen. Dabei handelt es

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