Schorndorf

Vom Postboten zum Rathauschef

Breiter 50
Stefan Breiter zieht zu seinem 50. Geburtstag eine zufriedene Zwischenbilanz seines Lebens. © Büttner/ZVW

Remshalden. Als „irre“ bezeichnet Stefan Breiter selbst seine Lebensgeschichte. Und manchmal kann er sie noch heute selbst nicht so recht glauben. Wie er, zunächst nur mit Hauptschulabschluss ausgestattet, innerhalb weniger Jahre Karriere machte, Eishockeyspiele auf Top-Niveau leitete, als Referent von zwei Ministerpräsidenten arbeitete und schließlich Bürgermeister wurde.

Video: Der Remshaldener Bürgermeister Stefan Breiter wird 50.

Wie er das geschafft hat? Stefan Breiter erzählt beispielhaft eine Anekdote. Als junger Mann ist er den ersten Arbeitstag im Stuttgarter Staatsministerium und geht mittags in die Kantine. Neu im Haus, kennt er niemand, sieht aber einen freien Platz an einem Tisch, setzt sich, ohne groß drüber nachzudenken, einfach dazu und fängt an zu essen. Da merkt er, wie es ruhig wird am Tisch. Und einer der dort sitzenden Herren fragt, wer er denn jetzt sei? Und er sagt: „Ich bin der Stefan Breiter und ich komme aus Schwäbisch Gmünd.“ Zur Erklärung: In Schwäbisch Gmünd war Breiter Finanzbeamter. Damals hatte er keinen Schimmer, zu wem er sich da an den Tisch setzte: Unter den Herren waren Staatssekretär Rudolf Böhmler und Staatsminister Christoph Palmer. Dass sich ein Neuling wie Breiter einfach so zu ihnen an den Tisch setzte, das war ein kleiner Eklat, der ihn gleich am ersten Tag im Staatsministerium berühmt machte. Die Episode zeige, sagt Breiter, wie blauäugig er damals unterwegs gewesen sei. Doch die Herren selbst nahmen es ihm wohl nicht übel. Im Gegenteil: Rudolf Böhmler war ja Gmünder und adoptierte Breiter als „Gmünder Bua“. Es seien auch solche Zufälle im Verbund mit einem guten Schuss Naivität sowie gesundem Selbstbewusstsein, sagt Breiter, die ihm dabei geholfen hätten, immer weiter voranzukommen.

Geborener Freiburger

Seine Ausgangsvoraussetzungen ließen eigentlich keine hochfliegenden Karrierepläne zu. Stefan Breiter ist in Freiburg geboren und als Kind einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. „Ich war schulisch nicht unbedingt der Durchstarter“, sagt er. Mit seinem Hauptschulabschluss machte er eine Ausbildung bei der Post und wurde Briefträger und Paketzusteller. Das hätte sein Leben sein können. Doch es kam anders, und der Schlüssel dazu war für Stefan Breiter der Sport. Als Eishockeyspieler war er im Nachwuchsbereich „durchschnittlich erfolgreich“, meint er. Aber dann fing er an, Spiele als Schiedsrichter zu leiten – und brachte es bis zum Hauptschiedsrichter in der höchsten deutschen Spielklasse, der auch Europacup- und Länderspiele leitete.

„Ich habe einfach das Selbstbewusstsein gehabt“

„Ich habe etwas gefunden, in dem ich gut war“, sagt Stefan Breiter. Außerdem hatte er Förderer, die das erkannten und ihm Verantwortung zutrauten – eine neue Erfahrung für den jungen Mann. Und er fand Vorbilder, die ihn motivierten, mehr aus seinem Leben zu machen, und ging daran, an der Abendschule den Realschulabschluss nachzuholen. Durch Erfolge in der Schule und als Eishockey-Schiri stieg sein Selbstbewusstsein. Er machte die Erfahrung, „dass man Dinge drehen und verändern kann, dass man sich disziplinieren und dranbleiben muss“.

Mut zum Risiko

In diesem Bewusstsein kündigte er nach Abschluss der Abendschule bei der Post und fing eine Ausbildung beim Landratsamt im Mittleren Dienst an. Als man ihm nach kurzer Zeit nahelegte, sich doch für den gehobenen Dienst zu bewerben, ging er erneut auf Risiko und brach auch diese Ausbildung ab. „Meine Mutter hat mich damals alles geheißen“, erinnert er sich. „Aber ich habe einfach das Selbstbewusstsein gehabt, zu sagen: Ich schaffe das.“ Er holte die nötige Fachhochschulreife nach und ging in die Ausbildung zum gehobenen Dienst.

Danach landete er beim Finanzamt Schwäbisch Gmünd. Doch er blieb sich treu – und blieb nicht lange. Ein halbes Jahr war er da, als ihm eine Ausschreibung des Staatsministeriums in die Hände fiel: Gesucht war ein Beamter zur Unterstützung für die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Landesjubiläum. „Ich wusste zu der Zeit nicht mal, was das Staatsministerium war, und musste erst überlegen, wer eigentlich Ministerpräsident ist“, sagt er. Doch er bewarb sich aus einer Laune heraus, ohne viel zu erwarten – und bekam die Stelle.

„Junge, vor zehn Jahren hast du noch Pakete ausgefahren!“

34 Jahre alt war er zu dem Zeitpunkt und wurde hier, wie er es beschreibt, zu einem richtigen Workaholic. Der Stolz und das erhebende Gefühl, in der altehrwürdigen Villa Reitzenstein im unmittelbaren Umfeld von Erwin Teufel zu arbeiten, beflügelte ihn. Das und ein, wie er sagt, „unglaubliches Vertrauen in die Zukunft“, sagt er. „Es hat keine Grenzen darin gegeben, was ich mir zutraute.“ Aber dabei habe er sich auch immer wieder besonnen: „Junge, vor zehn Jahren hast du noch Pakete ausgefahren!“ Er sprach keine zehn Fremdsprachen, hatte kein Jurastudium, aber er war schaffig und zupackend: „Wenn andere noch überlegt haben, dann habe ich schon Ja gesagt.“

Er sagte auch Ja, als ein persönlicher Referent für den neuen Ministerpräsidenten Günther Oettinger gesucht war, obwohl er diesen menschlich nicht besonders sympathisch fand und er ihn schon einmal öffentlichkeitswirksam zusammengefaltet hatte. Er sagte genauso Ja, als Oettingers Nachfolger Stefan Mappus einen Referenten für sich suchte. Doch mit dessen unrühmlicher Abwahl 2011 kam auch der Knick für die Karriere Stefan Breiters.

Man weiß nie, was morgen ist

„Da habe ich zum ersten Mal wirklich ernsthaft nachgedacht: „Was machst du jetzt?“ Eine große Rolle spielte bei den Überlegungen die Familie: „Wir wollten nicht weg aus dem Rems-Murr-Kreis.“ Als dann die Bürgermeisterstelle in Remshalden frei wurde, ergriff Stefan Breiter die Chance und gewann die Wahl. Heute, sagt er, sei er „glücklich und dankbar“ für die Chancen, die er bekommen habe. Seine Zukunft sieht er in Remshalden. Allerdings kann man einen mit einer Lebensgeschichte wie Stefan Breiter wohl nie hundertprozentig festlegen. Von Christian Streich, dem Trainer des von ihm verehrten SC Freiburg, gibt es den Spruch: „Ich weiß nicht, was morgen ist. Wenn ich das wüsste, das wäre ja furchtbar.“ Diesen Spruch, sagt Stefan Breiter, könne er so für sich unterschreiben.

Remshalden: Hier stimmt alles

Am 3. Mai 2017 wird Stefan Breiter vier Jahre als Remshaldener Bürgermeister im Amt sein. Das heißt: Er hat dann die Hälfte seiner achtjährigen Amtszeit hinter sich – aber es soll nicht die letzte Amtszeit bleiben: „Ich sehe meine Zukunft langfristig hier in Remshalden“, sagt er. Erst mal müsse er in vier Jahren zwar wiedergewählt werden, aber das sei sein Ziel.

Angebote für andere Jobs hat er zwischenzeitlich bekommen, aber alles abgelehnt. Darunter waren Kandidaturen als Oberbürgermeister, aber auch aus Stuttgart, wo sich mit der Landtagswahl Posten bei der CDU in der Regierung ergaben.

„Wir sind verbunden mit dem Rems-Murr-Kreis“, sagt Breiter. Mit seiner Frau und den drei Kindern Lasse (10), Laura (15) und Annika (19) lebt er in Winnenden. Für den Bürgermeisterjob in Remshalden habe er sich bewusst entschieden: Hier stimme für ihn alles, sagt er.