Schorndorf

Voodoo-Familie verliert Wohnung

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Symbolfoto. © ZVW/Joachim Mogck

Schorndorf. Ja, es kann einem in Deutschland das Eigentum entzogen werden, auch eine Eigentumswohnung. Und zwar dann, wenn es in dieser Wohnung immer wieder brennt oder ein Wasserrohr angebohrt wird. Das Schorndorfer Amtsgericht hat jetzt im Voodoo-Fall Rehhaldenweg 33 in Schorndorf entschieden, dass der Besitzer die Wohnung verkaufen muss.

Zu viel hatten Polizei und Staatsanwaltschaft zusammengetragen, als dass die Bewohner des Hochhauses wirklich ruhig schlafen können. Nach dem entscheidenden Brand am 5. Dezember 2014, als eine ältere Bewohnerin im Rauch sich vergiftete, der sich im Treppenhaus ausbreitete, war zumindest das klar: Die italienischstämmige Familie darf nicht weiter in dieser, ihrer Eigentumswohnung leben.

Eigentum hin oder her. Zu häufig die Vorfälle, zu gravierend die Folgen.

Okkulte Sitzungen und Handlungen

Der örtliche Feuerwehrkommandant wusste mehrere Fälle aufzuzählen. Der Hausmeister konnte sich länger schon keinen Reim mehr machen auf Wasserlachen und Brandspuren. Die Polizei schließlich sicherte die Handys der Familienmitglieder. Jede Menge Bilder von offenbar okkulten Sitzungen und Handlungen. Nur war nie festzustellen, wer da von der Familie hantierte, wer die Dämonen austreiben wollte. Mit Feuer oder Wasser.

Für die Richterin Elisabeth Kaliss sind es jedenfalls mehr als genug Fälle, um klar Entzug des Eigentums anzuordnen. Eine Schwelle der Unzumutbarkeit für die anderen Eigentümer und Mieter sei überschritten. „Zumindest fahrlässig“, eher mutwillig sei hier gezündelt worden. Feuerwehr und Polizei hätten eine Selbstentzündung ausgeschlossen.

Glaubt die Familie an einen Fluch?

Es ist ja noch weitergegangen. Und zwar, als die Bewohner nach dem 5. Dezember 2014 bei einer befreundeten Familie unterkamen, gab es neue Vorfälle. Ebenfalls auf den Handys von der Polizei sichergestellt. Offenbar, so gab die Richterin einen Einblick in die Ermittlungsakten, glaubt hier jemand in der Familie an einen Fluch. Derjenige könnte die Brände gelegt haben, um den Glauben der anderen an den Fluch aufrechtzuerhalten.

Der Beklagte, dem die Wohnung gehört, müsse sich ein Verschulden mit anrechnen lassen, auch wenn er der Urheber nicht sein sollte. Die Häufung, der allemal schwerwiegende Brand 2014 mit Todesfolge, das alles lasse nur einen Schluss zu: Die Familie muss diesen Besitz aufgeben.

Versicherung will wegen Mutwilligkeit die Sanierungskosten nicht übernehmen

Fragt sich freilich, ob dann nicht anderswo die nächste Gefahr für Leib und Leben ausgeht. Indes, die strafrechtliche Seite ist bereits abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft wollte das Verfahren nicht eröffnen, weil die Taten nicht einem einzelnen Familienmitglied zugerechnet werden können. Aber jetzt ist der Privatklage stattgegeben.

Die Hauseigentümerschaft, die jetzt klagte, hat die ganze Zeit schon versucht, die Bewohner der Wohnung 12 im Hochhaus Nr. 33 loszuwerden. Es gab und gibt Angebote, die Wohnung zu kaufen. Das erklärten jetzt auch drei Vertreterinnen der Klägerseite nach der Urteilsverkündung. Freilich hat der Eigentümer noch Schulden auf seinem Objekt. Und er streitet sich mit der Versicherung, die wegen Mutwilligkeit die Sanierungskosten nicht übernehmen will. Das heißt: Im jetzigen Zustand ist die Eigentumswohnung sehr wenig wert.

Die Angst der Bewohner bleibt

Die Angst im Haus ist freilich weiter sehr real. Eine Bewohnerin schildert, wie sie immer erst in den Briefkasten der Wohnung 12 schaut, bevor sie ganz nach unten geht, ins zweite Kellergeschoss. Ist der Briefkasten leer, gibt sie sich selbst Entwarnung. Es muss jemand von der Voodoo-Familie da gewesen sein, jüngst, und die Luft dürfte jetzt so weit rein sein. Die Angst habe auch nicht abgenommen, als im Treppenhaus Rauchmelder und Sirenen installiert wurden. Manch Bewohner hat sich schon eine Taktik bei Brandalarm zurechtgelegt. Ja nicht auf den Flur raus. Sondern Handtücher nassmachen, damit die Eingangstüre abdichten, und raus auf den Balkon.

Denn der Frau, die vergiftet wurde, wurde gerade das zum Verhängnis: die Flucht ins scheinbar rettende Treppenhaus.

Geht der Fall weiter zum Landgericht? Der Anwalt des beklagten Wohnungsbesitzers, Gerhard Nickel, weiß noch nicht, was er dem Enteigneten raten soll. Noch hat er sich nicht mit seinem Mandanten besprochen.