Schorndorf

Vor 100 Jahren: Regengüsse führten zu Zugunglück

7d732e4d-7be9-402b-9f1d-26eaaa7d4479.jpg_0
© Held

Schorndorf.
Anhaltende Regengüsse hatten 1919 Schorndorf sehr nasse Weihnachten bereitet. Da der Boden noch gefroren war, stieg der Pegel der Rems an Heiligabend auf 4,60 Meter. Von der Geschwindigkeit des Anstiegs waren selbst Vorsichtige überrascht worden, wie im „Schorndorfer Anzeiger“ vom 27. Dezember zu lesen ist. Vom Hochwasser betroffen waren vor allem die Vorstadt und die Gebäude an der Stuttgarter Straße bis hin zum Sägewerk Abele. „Mühsam war die Bergung des Viehes aus der Vorstadt und Conservenfabrik, auch einzelne Familien waren zeitweise in Gefahr, sodaß mittags die Feuerwehr in Bereitschaft alarmiert wurde“, berichtet die Zeitung. „Unglücksfälle scheinen nicht vorgekommen zu sein, aber der Schaden an Vorräten in Kellern, in Heuhütten, auch an Gebäuden wird beträchtlich sein. Und wieviele cbm fruchtbare Erde mögen abgeschwemmt und in den rauschenden Fluten fortgeführt worden sein!“

Sogar von Toten war die Rede

Aus Winterbach wurde berichtet, dass Leute „aus niedriger gelegenen Häusern“ gerettet werden mussten. Mitten in die allgemeine Aufregung um das Sichern von Hab und Gut vor dem Hochwasser und Maßnahmen zum Schutz von Menschen und Häusern, platzte die Nachricht: „Der Mittagszug nach Welzheim ist entgleist!“ Ein Zeitzeuge aus Haubersbronn, Ernst Egelhof, erinnert sich, dass Leute schreiend in den Ort rannten und riefen: „Do onda schwemmat d’Leut en dr Rems oder send versoffa!“ Es sei ein großes Durcheinander im Flecken gewesen, viele Männer und Frauen rannten zum Ort des Geschehens, der Eisenbahnbrücke über die Rems zwischen Schorndorf und Haubersbronn. Auch die Zeitung schrieb, es habe zunächst geheißen, dass bei dem Unglück mehrere Personen schwerverletzt oder gar getötet worden seien. Doch seien nur zwei Menschen mit Beinbrüchen ins Bezirkskrankenhaus gebracht worden. Die Ärzte seien selbst zur Unfallstelle gekommen. Ernst Egelhof präzisiert, dass diese beiden Verletzten aus Miedelsbach stammten und auf der Plattform gestanden hatten, als der Zug entgleiste. Alle anderen Passagiere hätten sich durch die Fenster retten können.

Der Unfall

Wie war es zu diesem Unfall gekommen? Der „Schorndorfer Anzeiger“ schrieb, dass das Fundament des nördlichen Pfeilers, auf dem die Brücke auflag, unterspült worden war, „wodurch sich diese nach links neigte. Die Maschine und ein Personenwagen entgleisten und stürzten über den Damm, ein zweiter Wagen blieb hängen. Beim Kontrollgang von 12 Uhr konnten noch keine Beschädigungen an der Brücke wahrgenommen werden.“ Und auch der Mittagszug von Welzheim her kommend hatte die Brücke noch problemlos überquert gehabt. „Die Wiederherstellungsarbeiten und die Erstellung der Notbrücke werden Wochen in Anspruch nehmen, solange wird der Verkehr gestört sein“, hieß es im Zeitungsbericht, und: „Glücklicherweise ist eine Maschine und ein Güterzug in Welzheim, so daß ein Notverkehr mit Umsteigen an der Unfallstelle eingerichtet werden kann. Einzelheiten werden von der Bahnverwaltung bekanntgegeben werden.“ Doch das dauerte manchem zu lang. Am 3. Januar 1920 erschien ein Leserbrief von einem aus Welzheim stammenden Leser (siehe Info-Kasten), der auf eine schnelle Wiederaufnahme des Bahnverkehrs drängte, da diese von lebenswichtiger Bedeutung sei. Dem fügte die Schriftleitung der Zeitung als Information an: „Herr Güterbeförderer Victor Oettinger u. Herr Kraftwagenbesitzer Rudolf von Schorndorf haben sich bereiterklärt, die Güter und Personenbeförderung zwischen Schorndorf und Haubersbronn zu übernehmen. Interessenten wollen sich mit denselben in Verbindung setzen unter der Telefonnummer 87.“