Schorndorf

Wühli: Neue Bleibe dringend gesucht

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In dem alten Fabrik-Areal, Olgastraße 46-48, fühlen sich Nicolai und Monika Kraus mit der ganzen Wühli-Familie wohl. © Habermann / ZVW
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Nicht haufenweise alte Bücher, sondern sortiert und in Regalen liebevoll präsentiert. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Das Wühli gehört seit 40 Jahren zu Schorndorf. Und mit Monika und Nicolai Kraus ist vor fünf Jahren noch das gewisse Etwas in den Gebrauchtwarenladen an der Olgastraße gezogen: Die Kleider sind nach Stil-Epochen sortiert, die Bücher nach Farbe. Seit zwei Jahren gibt es selbstgezimmerte Umkleidekabinen. Alles prima also, wenn nur der Mietvertrag nicht auslaufen würde: Erst sollte zum Jahresende Schluss sein, dann Ende März, jetzt hat das Wühli noch Schonfrist bis Ende August.

Im Video: Der Secondhandladen Wühli in Schorndorf sucht dringend neue Räumlichkeiten

„Aufhören“, sagt Monika Kraus, „ist für uns keine Option.“ Doch bleiben können sie im Pfleiderer-Areal auch nicht. Der Gewerbepark, in dem bis in die 1970er Jahre hinein Holzgehäuse für Radio- und Fernsehgeräte hergestellt wurden, soll Mehrfamilienhäusern weichen. Doch so einfach ist es nicht, für das Wühli eine bezahlbare Ersatzfläche zu finden. Zwischen 1500 und 2000 Quadratmeter braucht es für Verkauf und Lager der Secondhandkleider, Schuhe, Brillen, Hüte, Bücher, Schallplatten, Haushaltswaren und der Massen an Krimskrams, die sich in der alten Fabrikhalle angesammelt haben. Und dabei gab’s, als sie das Wühli am 1. April 2012 von Monika Kraus’ Bruder übernommen haben, noch mehr Material: „Wir haben viel ausgemistet“, sagt Nicolai Kraus und spricht von 200 Tonnen Altpapier und 150 Tonnen Müll im ersten Jahr.

Kostüme fürs Theater und für „Die Kirche bleibt im Dorf“

Dass der Rest kein Müll ist, davon ist das Mutter-Sohn-Gespann überzeugt. Und diese Einstellung zieht auch Kunden aus der ganzen Republik an. Gab’s in den Anfangsjahren womöglich eine gewisse Scheu, im Wühli gesehen zu werden, kommen mittlerweile sogar Designer aus München, Berlin und der Schweiz in den Schorndorfer Gebrauchtwaren-Tempel. Das Theater Oberammergau geht hier auf Kostümsuche. Und die Kleider für die SWR-Produktion „Die Kirche bleibt im Dorf“ stammen ebenfalls aus der Olgastraße.

Das Wühli gehört zu Schorndorf – und sollte für die Stadt eigentlich auch von Bedeutung sein, findet Nicolai Kraus: Kunden aus der ganzen Republik ohne Werbung anzulocken, „das schafft kein Deichmann und kein H&M“. Und der 25-jährige Unternehmer ist überzeugt, dass es mittlerweile immer mehr Menschen gibt, die genug von den ewig gleichen Waren auf dem Filialistenmarkt haben. „Wir sprengen das System“, sagt Kraus und sieht in Überraschungskäufen ohnehin einen Standortvorteil: Die Kunden kommen, ohne sich vorher im Katalog oder Internet informieren zu können, offen und unvorbereitet in die Olgastraße.

Win-Win-Effekt fürs Wühli

„Wie die Jungfrau zum Kind“, sagt Monika Kraus, seien auch sie und ihr Sohn zum Wühli gekommen. Als ihr Bruder, der den Laden von 2006 bis 2012 geleitet hatte, aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, sind die beiden eingestiegen: Monika Kraus, die gerade ihre Ausbildung zur Grafikdesignerin abgeschlossen hatte, war arbeitslos. Ihr Sohn, der in den Ferien immer wieder im Wühli gejobbt hatte, war mit dem Abitur fertig und wollte nicht studieren. Und mögen sie davor Fans gewesen sein, mittlerweile ist das Wühli für sie zur Berufung geworden.

Mit Win-win-Effekt: Dass sie und ihre Kunden vom Überfluss in unserer Gesellschaft profitieren können, das schätzt die 61-Jährige sehr und ist sowieso begeistert, was sich mit Gebrauchtwaren alles machen lässt: Die Kleider, die abseits der Wühltische hängen, aber natürlich auch aus dem Spendenüberschuss von Diakonie und DRK kommen, hat sie in langen Reihen auf Ständern nach Stil-Epochen sortiert – und passend zur Jahreszeit einen Ständer mit Faschingskostümen angehängt. Die Erklärkarten über die Mode von den 50er Jahren bis heute – samt Infos zu Stilikonen und Designern – hat Monika Kraus mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Doch damit nicht genug: Für die Optik gibt’s im Wühli eine Gründerzeittheke und seit zwei Jahren Umkleidekabinen, die aus den Resten eines alten Betts zusammengezimmert sind.

Die Mitarbeiter gehören zur Wühli-Familie

Die sieben Mitarbeiter, die zur Wühli-Familie gehören und alle weiterbeschäftigt werden sollen, sorgen Tag für Tag dafür, dass in Verkaufsraum und Lager die Präsentation stimmt und das Chaos nicht überhandnimmt: in der Schuhecke und auch bei den Büchern nicht, die mittlerweile nicht mehr in Dreierreihen, sondern nach Farbe sortiert in den Regalen stehen. Den Wühli-Machern, die auch viel Mühe in ihren durchgestylten Internetauftritt gesteckt haben, geht es um die stilvolle Darstellung – und um Qualität. „Bevor hier etwas in den Verkauf geht“, sagt Nicolai Kraus, „wird vorsortiert und endkontrolliert.“ Weniger ist mehr – so halten sich die bösen Überraschungen in Grenzen.

Dass im Wühli eine Menge Herzblut steckt, das entgeht auch den Kunden nicht, die selbst bei zweistelligen Minusgraden zur unbeheizten Fabrikhalle pilgern. Unter den Heizpilzen können sie sich aufwärmen, einen warmen Kaffee und Kekse gibt’s als kleine Aufmerksamkeit gratis dazu. Dafür bringt die Kundschaft im Gegenzug Weihnachtsgeschenke oder gebrauchte Einkaufstüten zum Wiederverwenden in die Olgastraße. Und seitdem publik wurde, dass die Zeit im Pfleiderer-Areal ablaufen wird, kommen die Kunden auch immer wieder mit alternativen Standort-Ideen. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Info:

Wer in Schorndorf oder der näheren Umgebung günstige Räumlichkeiten für das Wühli hat, kann sich gerne mit Monika und Nicolai Kraus in Verbindung setzen, ) 0 71 81/ 88 62 74 oder E-Mail: wuehli@gmx.net.

Das Wühli, eine Schorndorfer Institution

  • Die Kündigung der Räumlichkeiten im Pfleiderer-Areal hat Monika und Nicolai Kraus Anfang 2016 „völlig unvorbereitet getroffen“. Da der eigentliche Termin zum Jahresende nicht zu halten war, haben die Wühli-Macher zunächst bis Ende März 2017 Schonfrist bekommen, die jetzt sogar noch bis Ende August verlängert wurde, weil es noch immer keinen Bebauungsplan für das Areal gibt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Wühli-Macher ein neues Domizil brauchen: 1500 bis 2000 Quadratmeter groß und zu einem günstigen Preis. Bestenfalls sollten die Räume in Schorndorf sein: Schließlich gehört das Wühli seit 40 Jahren zur Stadt.
  • Gegründet wurde es 1976 von Monika und Wolfgang Fischer in einem Holzschuppen im Hammerschlag. Seit 1992 ist es in der alten Fabrikhalle an der Olgastraße zu finden. Von Anfang an dabei ist Armand „Bubi“ Bernhard. Auf der Wühli-Seite im Internet wird er als „Musiker und Charmeur vor dem Herrn“ beschrieben: „Mutter Deutsche, Vater Franzose, spricht deshalb fließend französisch, was unsere nordafrikanischen und französischen Kunden freut. Mit 17 Jahren, nach der Schule, mit einer Band ein paar Jahre durch Frankreich getourt. Noch heute begeisterter Gitarrist in einer Country-Band. Er besitzt so viele Gitarren, wie er Jahre alt ist, und die „Indianersammlung“ des Wühli geht auch auf sein Konto. Außerdem ist er unser Koch, der mit Kräutern der Provence für gutes Essen sorgt und für das Wohlbefinden der Wühli-Familie zuständig ist.“ (Quelle: www.wuehli.biz)