Schorndorf

Warum der putzige Waschbär gefährlich ist und ein Stadtjäger hilfreich sein könnte

Waschbär
Frech guckt er in die Kamera: Dieser Waschbär macht es sich in der Werderstraße in Schorndorf häufig gemütlich. © privat

Umgeben von viel Grün, großen Bäumen, Gebüschen und Hecken, nahe einem Ufer, wenige Meter von einem Wohngebiet in der Johannesstraße in Schorndorf entfernt: „Hier ist ein richtiges Waschbärenparadies: ein reich gedeckter Tisch, der sich hier diesem Tier bietet“ -  was sich nach einer Schwärmerei von Schorndorfs Stadtförster Julian Schmitt anhört, soll eher ein lauter, ernst gemeinter Appell sein.

Denn der Waschbär ist alles andere als kuschelig. Nicht nur Menschen beschweren sich über den ursprünglich in Nordamerika beheimateten Eindringling, weil vor ihm und seiner neugierigen Nase kein Gartenhaus, kein Dachstock und auch keine Mülltonne sicher sind. Die sogenannte invasive Tierart hat hierzulande in der Fauna keine Feinde und macht sich auf Kosten manch anderer vom Aussterben bedrohter Arten breit. So gebe es etwa negative Auswirkungen für die sehr gefährdete Europäische Sumpfschildkröte und die Gelbbauchunke, sagt Kilian Knötzele, Förster und Waldpädagoge und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Kreisforstamts Rems-Murr.

Schwarzstörche aus dem Nest geholt

Der Kleinbär – Procyon lotor, wie der wissenschaftliche Namen lautet – stoppt genauso wenig vor Vögeln und Reptilien. Er stiehlt Eier aus Nestern und Jungvögel aus Vogelkästen. Dazu verputzt er gerne Äpfel und süße Kirschen. „Im Welzheimer Wald hat ein Waschbär vor nicht allzu langer Zeit junge Schwarzstörche aus dem Nest geholt, und in Auenwald wurde eine Schildkröte ausgenommen“, diese Beispiele nennt Franziska Obermeier, Leiterin des Kreisjagdamts. Von einer „Waschbären-Plage“ ist die Rede bis hin zu „katastrophalen Entwicklungen und Zuständen“.

„So niedlich dieser Allesfresser aussieht, so gefährlich ist er auch. Zudem ist er ein Krankheitsüberträger,“ weiß Gerd Holzwarth, Dezernent des Landratsamts. Waschbären bringen Zecken, Läuse und Flöhe mit, die Staupe, Hasenpest und andere Krankheiten übertragen können. Im Garten liegende Kothaufen dürfen auf keinen Fall angefasst werden. Sie können Eier des für Menschen gefährlichen Waschbärspulwurms enthalten. Dieser Schädling kann zu Organausfall, Erblindung oder sogar zum Tode führen.

Waschbären-Population steigt

„Einen Waschbären bekommt man selten am Tage zu sehen. Die Tiere sind nachtaktiv oder sind auch in den frühen Morgenstunden mal unterwegs“, so Werner Groß, Hegeringleiter und Revierpächter in Schorndorf. Er berichtet von vielen Mails, die er tagtäglich von Bürgern mit einem Waschbären-Problem bekommt. Die Tiere richten mehr Schaden an, als man denkt. „Bei uns steht das Telefon auch nicht mehr still“, fügt Franziska Obermeier ein. Sie weiß nur zu gut, dass die Population des kleinen Raubtieres steigt. Julian Schmitt berichtet ebenfalls von regelmäßigen Fragen, ob man nicht Giftköder auslegen könne.

„Der Waschbär ist bei uns auf dem Vormarsch, was nicht nur die steigende Jagdstrecke, sondern auch die steigenden Fallwildzahlen zeigen“, heißt es im baden-württembergischen Jagdbericht 2018/19. Im Jagdjahr 2018/2019 sind im Rems-Murr-Kreis 485 Waschbären geschossen worden, im Jagdjahr 2019/2020 waren es bereits 556.

Die Intelligenz des geschickten Kletterers sei fast nicht zu übertreffen, selbst ein Fuchs sei ein Anfänger dagegen: „Die Waschbären haben ein enormes Gedächtnis, zeigen ein großes, geschlechtsspezifisches Sozialverhalten und sind sehr geschickt“, charakterisiert Franziska Obermeier den Kleinbären. Der für dieses Tier wichtigste Sinn ist der Tastsinn. „Die Haptik ist außergewöhnlich. Die kleinen Pfoten gleichen Händen mit Greiffingern.“

Wer einen Waschbären zu Gast hat, merkt es schnell. Umgeworfene Müllbehälter, aufgerissener Rasen, Löcher im Dach - ein Waschbär richtet ein ziemliches Chaos an, wenn er denn mal da ist. „Ein sehr großes Problem ist, dass die Menschen den Waschbären anlocken, weil er so putzig aussieht“, sagt Knötzele und erntet Kopfnicken der anderen Gesprächspartner. Der Förster berichtet von einem Erlebnis kürzlich im Supermarkt. Vor ihm an der Kasse habe eine ältere Dame mehrere Tüten Löffelbiskuit auf das Band gelegt, worauf die Kassiererin scherzhaft meinte, da werde wohl eine Tiramisu-Orgie gefeiert.

Weit gefehlt – die ältere Dame antwortete, dass das für den Waschbär sei, der immer zu ihr komme. „Das sollte man natürlich nicht tun. Zudem bekommt das den Tieren gar nicht, sondern schadet ihnen eher“, warnt Franziska Obermeier. Auch Katzenfutter sei ein beliebtes Lockmittel und im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen. Knötzele hat selbst ein Waschbären-Problem: In seinem Hühnerstall in Rudersberg hat er mehrmals ein unschönes Szenario mit zerrupften Hühnern vor sich gehabt. Und sein Hund habe innerhalb von zwei Wochen vier Waschbären aufgespürt.

Welche Lösungen gibt es?

Stadtförster Julian Schmitt macht deutlich: „Es ist ein privates Problem und kein städtisches.“ Er berichtet über die Möglichkeit, einen Stadtjäger in der Kommune zu etablieren. „Das haben wir vor. Bis dies im rechtlichen Rahmen allerdings anerkannt wird, wird es noch eine Weile dauern. Aber alle Unterlagen liegen vor und somit gibt es ein Licht am Ende des Tunnels.“

Der Stadtjäger benötige für diese Aufgabe eine Zusatzausbildung, die mit rund acht Modulen etwa ein Jahr dauert. „Sobald die Anerkennung der Obersten Jagdbehörde für dieses Vorhaben erfolgte, können wir loslegen“, sagt Schmitt.

Und Gerd Holzwarth signalisiert: „Wir haben es auf dem Schirm und eine Aussage ist die wichtigste: Es kann geholfen werden.“ Aber ganz deutlich wird auch: Der Schuss ist der allerletzte Ausweg. „Prävention, Beratung, Fangen“, zählt Schmitt die ersten Maßnahmen auf, bevor zum letzten Mittel gegriffen wird. Da der Waschbär aber eine invasive Tierart ist, darf er - sobald er einmal gefangen ist - nicht wieder freigelassen werden. Er muss von einem Jäger getötet werden. Aber dies sollte wirklich nur die letzte Lösung sein. „Der Waschbär ist ein Wildtier und soll auch ein Wildtier bleiben. Wir können ihm nur das Gebiet streitig machen.“

Nach dem Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG) muss die Schonzeit eingehalten werden. Ab 1. Juli eines Jahres ist diese aufgehoben (noch vor kurzem ging die Schonzeit bis August) und geht bis 15. Februar: „In dieser Zeit kann von Bürgern eine Fallenfanggenehmigung beantragt werden“, erklärt die Leiterin des Kreisjagdamts. Die Kosten dafür liegen bei rund 65 Euro. Durch den Stadtjäger erhoffe man sich Erleichterung. Denn er würde außerhalb der Schonzeit die Genehmigung im befriedeten Gebiet bekommen.

Ein heikles Thema sei es, wissen die Beteiligten – auch, weil andere Institutionen, wie beispielsweise der Nabu-Landesverband Baden-Württemberg, sich schlicht gegen eine Bejagung des Waschbären aussprechen. Für den Nabu steht der Schutz der Lebensräume im Vordergrund, eine Bejagung des Tiers sollte deshalb nicht die Konsequenz sein.

Was können Betroffene tun?

Mit dieser Frage ist Franziska Obermeier besonders beschäftigt – vor allem im Sommer. Es seien zwar nur einfache Hinweise, die man vermitteln könne, aber diese seien effektiv. Am besten ist es, rät Obermeier, Waschbären gar nicht erst anzulocken: „Er darf es nicht gemütlich haben.“ Wichtig sei zudem, Abstand zu diesen Wildtieren zu halten – das habe immer noch oberste Priorität. Sollten Waschbären in der Nähe des Hauses beziehungsweise im Garten auftauchen, empfiehlt das Kreisforstamt, Katzen (oder andere Tiere) möglichst im Haus zu füttern, keine Essensreste auf den Kompost zu werfen und die Mülltonnen unzugänglich aufzubewahren beziehungsweise gut zu verschließen. Bäume und Sträucher, die auf den Balkon, an oder über das Dach reichen, sollten großzügig zurückgeschnitten werden, über die Fallrohre der Regenrinne sollten glatte Blechmanschetten angebracht werden. Wer einen Schornstein hat, sollte diesen mit einem starken Metallgitter versehen, mögliche Einstiege sollten mit soliden Baumaterialien verriegelt werden. Eine Dokumentation zum Jagd- und Wildtiermanagement gibt es bei der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg unter https://tinyurl.com/4nnkpaad.

Umgeben von viel Grün, großen Bäumen, Gebüschen und Hecken, nahe einem Ufer, wenige Meter von einem Wohngebiet in der Johannesstraße in Schorndorf entfernt: „Hier ist ein richtiges Waschbärenparadies: ein reich gedeckter Tisch, der sich hier diesem Tier bietet“ -  was sich nach einer Schwärmerei von Schorndorfs Stadtförster Julian Schmitt anhört, soll eher ein lauter, ernst gemeinter Appell sein.

Denn der Waschbär ist alles andere als kuschelig. Nicht nur Menschen beschweren sich über

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