Schorndorf

Warum der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Brügel bei manchen Corona-Maßnahmen ein zunehmend schlechtes Gefühl hat

Kinderärzte
Kinderarzt Dr. Ralf Brügel. © Benjamin Buettner

Grau im Gesicht und sichtbar frustriert, so ist Dr. Ralf Brügel, der als Kinderarzt gern und regelmäßig Videobotschaften verbreitet, in seinem neuesten Beitrag zu sehen, der seit Ende vergangener Woche mehr als 185 000-mal auf Facebook und Instagram aufgerufen und zweitausendfach geteilt wurde. Frustriert ist er, weil er „immer weniger nachvollziehen kann, was wir hier mit den Kindern in unserer Gesellschaft veranstalten“.

Obwohl er selbst am Max-Planck-Gymnasium und an der Urbacher Wittumschule bei Kindern und Jugendlichen Schnelltests vornimmt, hat er Zweifel, ob anlasslose Reihenschnelltests vor allem bei Kita- und Grundschulkindern wirklich sinnvoll sind. Bei älteren Kindern findet er Corona-Tests noch akzeptabel. Doch weil er selbst als Kinderarzt nicht objektiv einschätzen kann, welche Maßnahmen gut und sinnvoll sind, kann er sich letztendlich nur auf sein Gefühl verlassen – und das wird bei ihm zunehmend schlechter.

Um seinen Standpunkt, der ihm in mehr als 350 Facebook-Kommentaren viel Zuspruch von Eltern, aber auch jede Menge Kritik einbringt, zu veranschaulichen, nennt er ein Beispiel: Impft er ein zweijähriges Kind gegen Masern, kann er voll dahinter stehen, auch wenn das Kind aus vollem Halse schreit. Macht er bei einem brüllenden Zweijährigen einen Corona-Nasenabstrich, kommen ihm tatsächlich Zweifel. Es gibt, sagt Brügel, „so viele Studien, die zeigen, dass Grundschulen und Kitas keine Pandemietreiber sind“.

Stand jetzt, stellt er fest, gab es in seiner Praxis seit Beginn der Pandemie vor einem Jahr zwar Kinder, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, aber kein einziges davon ist ernsthaft erkrankt.

Zweifeln, ohne gleich Querdenker zu sein

Dass er mit solchen Argumenten auch Querdenkern in die Karten spielt, das ist Brügel bewusst. Doch nur deshalb keine Zweifel zu äußern und eine andere Perspektive einnehmen zu dürfen, das hält er für falsch. Er selbst ist geimpft, hält Covid-19 für eine gefährliche Erkrankung, stellt Maskengegnern keine Gefälligkeitsatteste aus und hat durchaus auch schon von Eltern zu hören bekommen, er foltere Kinder mit seinen Schnelltests.

Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Reihenschnelltests und der neu eingeführten Maskenpflicht an Grundschulen hat er trotzdem – vor allem vor dem Hintergrund, „was wir alles nicht tun“: Weiterhin werden aus seiner Sicht die Risikogruppen viel zu langsam geimpft, in den Supermärkten drängen sich jeden Tag die Menschen und dann wird auch noch über Osterurlaub auf Mallorca diskutiert.

Auch bei den Schnelltests in den Schulen müsste doch eigentlich allen klar sein: Wenn man testet, dann gleich zu Schulbeginn montagmorgens und nicht erst in Woche zwei nach der Schulöffnung. Und wenn in einer Grundschulklasse alle negativ getestet sind oder tatsächlich nur die Hälfte der Klasse da ist, „dann brauchen sie auch keine Maske“. Stattdessen werden bei den Reihenschnelltests viele falsch positive Tests in Kauf genommen – mit enormen Auswirkungen: Er berichtet von verzweifelten Eltern in seiner Praxis, heulenden Müttern am Telefon und von Kindern, die ihm sagen: Ich muss den Test machen, weil ich meinen Opa nicht umbringen will.

RKI: Kinder keine treibende Kraft der Pandemie

Dr. Ralf Brügel ist seit 15 Jahren Kinderarzt und kann die vielen Studien zu Corona, Kindern, Masken, PCR- und Schnelltests darum auch nur bedingt einschätzen. Nachdem er Ende vergangener Woche aber einen Blogeintrag des renommierten Kinderarztes und Ratgeberautors Herbert Renz-Polster gelesen hat, sieht er sich in seinen Zweifeln bestätigt. Hier bezieht sich der bekannte Autor auch auf das Robert-Koch-Institut, das sich nach Auswertung des internationalen Datenbestands Ende Februar 2021 in einem „Epidemiologischen Bulletin“ der Meinung angeschlossen hat, dass „im aktuellen pandemischen Geschehen keine substanzielle treibende Kraft“ von der Altersgruppe der unter 15-Jährigen auszugehen scheint.

Renz-Polster, der im Gegensatz zu Brügel wissenschaftlich arbeitet, bezieht sich auf Dutzende von Beobachtungsstudien, die es seit Ausbruch der Pandemie vor einem Jahr gibt, und stellt fest: „Die jüngeren Kinder spiegeln das Infektionsgeschehen zwar wider, sie treiben es aber nicht in wesentlichem Umfang an.“ Und gleichzeitig werde die öffentliche Debatte von Stimmen beherrscht, die Schul- und Kita-Schließungen als eines der wichtigsten Steuerungsmittel in der Pandemie beschreiben.

Wenn Brügel dann auch noch in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene vom 15. März liest, dass für die Autoren flächendeckende Schnelltests – gerade wegen des vergleichsweise geringen Beitrags von Schulen zum gesamten Infektionsgeschehens – wegen des immensen Aufwands nicht gerechtfertigt sind, fühlt er sich noch hilfloser.

"Ich bin tief in der Mitte"

Brügel hat viele positive Rückmeldungen auf sein Video bekommen. Gleichzeitig wird ihm aber auch vorgeworfen, dass er keine Lösungen zu bieten habe und Eltern damit nur verunsichere. Doch in der jetzigen Situation gibt es für ihn eben nicht nur richtig oder falsch, sondern auch ganz viel dazwischen. „Entweder bin ich nicht Anwalt genug für die Kinder, weil ich sie unter der Maske ersticken lasse, oder ich bin mit meinem Querdenken schuld an den Toten auf der Intensivstation. In Wahrheit bin ich tief in der Mitte.“

Grau im Gesicht und sichtbar frustriert, so ist Dr. Ralf Brügel, der als Kinderarzt gern und regelmäßig Videobotschaften verbreitet, in seinem neuesten Beitrag zu sehen, der seit Ende vergangener Woche mehr als 185 000-mal auf Facebook und Instagram aufgerufen und zweitausendfach geteilt wurde. Frustriert ist er, weil er „immer weniger nachvollziehen kann, was wir hier mit den Kindern in unserer Gesellschaft veranstalten“.

Obwohl er selbst am Max-Planck-Gymnasium und an der Urbacher

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper