Schorndorf

Weihnachtsmarkt im Lockdown: Wie Corona den kleinen Familienbetrieb der Los Oliveros beutelt

1/2
Los Oliveros
Petra Rühl an der Werkbank. © ALEXANDRA PALMIZI
2/2
Los Oliveros
Lisa und Petra Rühl vor ihrem Verkaufsstand am Metzlinsweilerhof. Sie bleiben auch im Lockdown optimistisch. © ALEXANDRA PALMIZI

Normalerweise würden sie dieser Tage bibbernd in ihrem kleinen Marktstand auf der Schorndorfer Weihnachtswelt stehen und ihre Olivenholzprodukte anbieten. Und bei aller Kälte und Anstrengung wären sie dabei vor allem eines: glücklich. „Wir sind Arbeiter, wir müssen einfach immer was schaffen“, erklärt Petra Rühl. Jetzt aber sind ihnen die Hände gebunden. Sie sind zum Nichts- oder zumindest zum Wenigtun verdammt. Erst der Lockdown im Frühjahr, dann ein Sommer unter Pandemiebedingungen ein wenig Betrieb und jetzt wieder Lockdown – für Familie Rühl, die sonst pro Jahr auf 30 bis 40 Kunsthandwerker-, Oster- und Weihnachtsmärkten ihre selbst produzierten Waren aus Olivenholz verkauft, ist das eine Qual.

Rohstoff Olivenholz: Widerstandsfähig und hochwertig

Auf dem Metzlinsweilerhof – einem kleinen Aussiedlerhof bei Miedelsbach – stellen sie seit mehr als 26 Jahren Nützliches und Hübsches für die Küche her. Schüsseln, Kellen, Dosen, Bretter – alles wird von Anfang bis Ende selbst produziert. Das Olivenholz beziehen sie aus Italien. Ein teurer Rohstoff ist’s – immerhin wachsen Olivenbäume nur langsam. Dafür hat das Holz eine besondere Dichte, nimmt kaum Farb- oder Geruchsstoffe an, verkratzt auch nach Jahren der Verwendung kaum.

Die gelernte Erzieherin Petra Rühl hatte vor vielen Jahren während einer kleinen Auszeit in Spanien das Handwerk von einem Bekannten gelernt. Wieder zurück in Deutschland ging ihr die Sache mit dem Holz nicht mehr aus dem Kopf. Sie richtete sich eine kleine Werkstatt ein und machte hobbymäßig weiter. Schließlich meldeten Freunde und Bekannte Interesse an den Produkten an, sie verkaufte auf den ersten Märkten und es lief blendend.

Familienbetrieb lief zuletzt bestens

In der Zwischenzeit konnte sogar ihr Mann miteinsteigen ins Olivenholz-Business. Er kümmert sich ums Organisatorische, sie werkelt vor allen Dingen in der Werkstatt. Sie sägt und schleift und ölt. Tochter Lisa hilft auch mal in der Werkstatt aus, kümmert sich um die Buchhaltung und hat sich zudem der Eventgastronomie verschrieben. „2019, das war das beste Jahr überhaupt“, berichtet sie begeistert. An guten Tagen hat sie mit ihrem Gastrowagen auf verschiedenen Veranstaltungen bis zu 600 Essen pro Tag verkauft. Bei ihr gibt’s alles, was das Festlesbesucher-Herz begehrt: Wildburger, Pizza, Salzkuchen, Flammlachs und Pulled Pork. Im Sommer, sie hatte ihren Wagen direkt am Metzlinsweilerhof geöffnet, hat sich nur einen Bruchteil dessen eingenommen. Gerade mal 25 Essen am Tag konnte sie verkaufen.

Mutter Petra Rühl konnte in diesem Jahr gerade mal acht Märkte besuchen – mit strenger Besucher-Reglementierung. Mal durften 100 Besucher aufs jeweilige Ausstellungsgelände, mal 300. Kontrolliert wurde der Einlass von Securities. Und die mussten natürlich jeweils mit der Standmiete mitfinanziert werden bei gleichzeitig erheblich geringeren Einnahmen durch die reduzierte Besucherzahl. Der Wegfall der Schorndorfer Weihnachtswelt trifft die Oliveros hart. Das Geschäft im Advent hat sonst immer rund 40 Prozent ihres Gesamtjahresumsatzes ausgemacht. Aber heuer? Alles futsch. Immerhin dürfen sie jetzt in der Adventszeit ihren Stand am Rande des Schorndorfer Wochenmarktes aufbauen. So dürfen sie zumindest an zwei statt sonst sieben Tagen ihre Produkte ausstellen. Zudem haben sie einen Verkaufsstand direkt am Metzlinsweilerhof aufgestellt.

In den Wintermonaten wird traditionell produziert statt verkauft

Wie sie selbst bislang durch die Krise gekommen sind? Ihre persönlichen Ausgaben haben sie runtergefahren, so gut es geht, berichtet Lisa Rühl. Autos wurden abgemeldet. Wo Verbindlichkeiten auf Eis gelegt werden konnten, taten sie das. Miete müssen sie glücklicherweise keine zahlen. Die kommenden Wintermonate werden nun zäh. Traditionell ist das die Zeit, in der Petra Rühl Nachschub für den Verkauf herstellt, die Familie von dem lebt, was im Vorjahr erwirtschaftet wurde. Verdient wird in dieser Zeit auch sonst kaum etwas. Erst im Frühjahr, wenn das Wetter wieder besser wird, sind Rühls wieder auf Märkten unterwegs. Das war bislang kein Problem, sondern der normale Ablauf eines Geschäftsjahres. Nun da die Einnahmen übers Jahr hinweg nur spärlich tröpfelten, sieht das anders aus. Immerhin hätten sie bisher solide gewirtschaftet und so fallen sie nicht ins Bodenlose, berichtet Petra Rühl. Trotzdem werden sie aufatmen, wenn das Leben wieder normaler wird.

Neue Perspektiven

Aber die Rühls wären nicht die Rühls, wenn sie nicht schon wieder an neuen Plänen basteln würden. Die Sache mit der Gastronomie soll ausgebaut werden. Da der Metzlinsweilerhof geschickt an einer beliebten Radfahrerstrecke liegt, wollen die Rühls künftig eine kleine Gastronomie vor Ort aufbauen. Von Donnerstag bis Sonntag, so der kleine Traum, könnten hier in idyllischem Umfeld die Schorndorfer ihrer Kleinstadt entfliehen und echte Landidylle tanken.

Bis es soweit ist, wollen die drei vor allen Dingen eines: zusammenhalten. „Es gibt wichtigere Sachen, als Geld zu verdienen“, findet Petra Rühl. So sehr sie sonst auch „turbomäßig“ unterwegs seien, so sehr wollten sie nun die gemeinsame Zeit wertschätzen. Und: Tochter Lisa hat zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder Weihnachtsplätzchen gebacken. Nach Rezepten der Oma: Zimtsterne und Schokoladenbrot. In den vergangenen Jahren sei dafür keine Zeit gewesen.

Info

Die Los Oliveros sind freitags und samstags von 15 bis 19 Uhr auf dem Metzlinsweilerhof zu finden, außerdem dienstags und samstagsvormittags am Rand des Schorndorfer Wochenmarktes.

Normalerweise würden sie dieser Tage bibbernd in ihrem kleinen Marktstand auf der Schorndorfer Weihnachtswelt stehen und ihre Olivenholzprodukte anbieten. Und bei aller Kälte und Anstrengung wären sie dabei vor allem eines: glücklich. „Wir sind Arbeiter, wir müssen einfach immer was schaffen“, erklärt Petra Rühl. Jetzt aber sind ihnen die Hände gebunden. Sie sind zum Nichts- oder zumindest zum Wenigtun verdammt. Erst der Lockdown im Frühjahr, dann ein Sommer unter Pandemiebedingungen ein

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper