Schorndorf

Weinstube Rupfensack macht zu

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Zwölf Jahre lang waren Anita und Olaf Hoffelner in ihrer Weinstube „Rupfensack“ für ihre Gäste da, Ende der Woche ist damit Schluss. © Ralph Steinemann Pressefoto

Schorndorf-Oberberken. „So, meine Lieben: Derf’s a Schnäpsle aufs Haus sei? Oder an Espresso? Oder an Ramazotti?“: Wenn „Rupfensack“-Wirt Olaf Hoffelner mit diesem Angebot und seinem spitzbübischen Lachen an den Tisch gekommen ist, dann war das in aller Regel das i-Tüpfelchen auf einen genüsslichen und total entspannten Abend in der kleinen kultigen Weinstube in Unterberken. Damit ist jetzt Schluss: Olaf und Anita Hoffelner geben ihr Lokal am Monatsende nach zwölf Jahren auf.

Für viele Menschen war der 15. September ein Tag, den sie nicht vergessen durften: An dem Tag nämlich haben die Wirtsleute alljährlich ihr Büchle aufgeschlagen und angefangen, Reservierungen für die nur 24 Plätze umfassende Weinstube entgegenzunehmen. Und drei bis vier Wochen später war das Lokal für ein ganzes Jahr ausgebucht – auch weil die Stammgäste gewusst haben, dass es Sinn macht, übers Jahr hinweg gleich mehrere Termine zu reservieren: Vielleicht mal an einem Zweier- oder einem Vierer-Tische, vielleicht mal für eine größere Runde oder gar ein Familienfest. Wer unangemeldet sein Glück probiert hat, hatte nur dann welches, wenn jemand mal seinen langfristigen Termin vergessen hatte oder wenn eine Gruppe mal etwas kleiner ausgefallen ist als ursprünglich geplant.

Der name Rumpfensack

Gedrängt aber musste sich in der kleinen Weinstube kein Gast fühlen, im Gegenteil: Wer im „Rupfensack“ – die Weinstube heißt so, weil in die Decke alte Getreidesäcke heimischer Landwirte eingearbeitet sind, und wird von den meisten Gästen liebevoll ohnehin nur „Rupfensäckle“ genannt – einkehrte, durfte und musste Zeit mitbringen: Durfte, weil jeder Tisch an jedem Abend von Mittwoch bis Samstag und manchmal auch bis Sonntag grundsätzlich nur einmal vergeben war, musste, weil Gastwirt Olaf, der von jedem Wein erst mal ein „Probiererle“ eingeschenkt hat, und seine Frau Anita, die in der kleinen Küche jedes Essen frisch zubereitet hat, immer auf jeden einzelnen Gast und seine Wünsche eingegangen sind und weil vor allem der Wirt, in manchen Bewertungen seiner Gäste anerkennend als „Unikum“ bezeichnet, immer für einen Spaß und ein Schwätzle zu haben war. Und zwar auch noch zu vorgerückter Stunde, wenn die Gäste zahlen wollten und er sich erst mal gemütlich bei ihnen niedergelassen („Mädle, ruck amol a bissle“) und seinen Block gezückt hat, auf dem er dann von Hand alles zusammengeschrieben und und gerechnet hat. „Da kommt auch so viel zurück, wenn man sich für seine Gäste Zeit nimmt“, sagt Olaf Hoffelner und meint nicht das Kuvert mit dem Geldschein, das bei ihm im Briefkasten lag, wenn er sich am Abend zuvor zugunsten eines Gastes verrechnet hatte.

Standardfrage beim Rostbraten: „Derf’s Fetträndle dranna bleiba?“

Vor 25 Jahren haben die aus Wangen beziehungsweise Holzhausen im Nachbarkreis Göppingen stammenden Hoffelners das alte Bauernhaus in der Berkener Straße in Unterberken gekauft und es in mühsamer und liebevoller Kleinarbeit in ein Schmuckstück verwandelt – von außen genauso wie von innen. Und bevor dann die Idee mit der Weinstube entstand, war die jetzige Lokalität eine Garage, in der Olaf Hoffelner, als gelernter Werkzeugmacher berufstätig damals wie heute (beim Unternehmen Vöst Alpin in Böhmenkirch) und seine ebenfalls berufstätige Frau, eine gelernte Friseurin, nebenbei eine Getränkescheuer, also einen Abholmarkt betrieben haben, in der Bauern, Jäger, Waldarbeiter und manche Nachbarn gerne mal ihr Feierabendbier getrunken haben. Die Idee, daraus mal mehr zu machen, hat sich verfestigt, als auch der jüngste Sohn das Haus verlassen hat.

Was der Schwabe gern isst 

Herausgekommen ist eine gleichermaßen schmucke wie gemütliche Weinstube, in der zunächst einmal nur kleine Gerichte und ein deftiges Vesper angeboten werden sollten. Was, wie Anita Hoffelner sagt, nicht lange funktioniert hat, weil sich schnell gezeigt habe, dass die Leute warm essen wollten. Also wurde die Speisekarte total umgekrempelt – ausgerichtet an den Fragestellungen: Was isst der Schwabe gern und was würde ich in so einer Weinstube selber gern essen? Und so kamen der Rostbraten („Derf’s Fetträndle dranna bleiba?“, ist die Standardfrage von Olaf Hoffelner), das Schnitzel („Wellness oder mit allem?“) und die Kässpätzla („Aber Speck derf drbei sei?“) auf die Karte, aber auch – als Zugeständnis an den jüngeren und moderneren Geschmack – Gerichte wie der „Zarte Lammrücke an Zazikikartoffel und buntem Salat“ und – Stichwort: Surf + Turf – „Gebratene Garnelen und Roastbeefstreifen an buntem Salat in der knusprigen Tortillaschale“. Was aber von Anfang ganz bewusst nicht auf den Teller beziehungsweise ins Glas kam, waren Pommes und Cola.

Für jeden Geschmack das Passende in der Flasche

„Wir wollten von Anfang an ein ganz breites Publikum“, sagt Olaf Hoffelner. Und das ist’s dann auch geworden. Wandergruppen und Stammtischfreunde haben genauso dazu gehört wie lokale und überregionale Prominenz. „Wir haben den Menschen gesehen und nicht den Geldbeutel“, sagen übereinstimmend Anita und Olaf Hoffelner, die im Lauf der zwölf Jahre zu vielen ihrer Gästen ein teils freundschaftliches, teils herzliches Verhältnis aufgebaut und mit der Zeit auch viel über die Gewohnheiten ihrer Gäste gewusst haben. Was der leidenschaftlichen Köchin Anita Hoffelner, nachdem sie morgens erst einmal Kartoffeln abgekocht und den Brotteig fürs eigene Landbrot angerührt hatte, das anschließende Einkaufen mitunter deutlich einfacher gemacht hat. Derweil war ihr Mann für den Wein zuständig und hat mit einem Spektrum, das vom Remstal über Südeuropa bis nach Argentinien reichte, für jeden Geschmack das Passende in der Flasche gehabt. Und wenn mal, was auch vorgekommen sein soll, ein Gast am Anfang muffig oder gar borniert war – „nach zwei Viertele sah alles anders aus“, sagt der Weinstuben-Wirt lachend.

Ein Traum: Von der Dachterrasse aus den Kirchturm sehen

Und das alles soll jetzt vorbei sein? Ja, sagen die beiden, die aus privaten Gründen aufhören und weil sie der Meinung sind, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, loszulassen und noch einmal etwas Neues zu beginnen. „60 ist eine magische Zahl, jetzt müssen wir noch einmal was bewegen“, meint Olaf Hoffelner mit Blick auf sein Alter. Und bewegt haben sie schon etwas, indem sie sich entschlossen haben, das Haus in Unterberken zu verkaufen und nach Schorndorf zu ziehen, wo sie in der Innenstadt eine Dachgeschosswohnung gefunden haben, von der sie auf Anhieb ähnlich begeistert waren wie damals vom Bauernhaus in Unterberken. „Es war schon immer mein Traum, von der Dachterrasse aus den Kirchturm der Stadtkirche zu sehen“, sagt Olaf Hoffelner, der findet, dass Schorndorf „eine tolle Stadt“ ist und der diese Stadt schon kennt, seit er als junger Mann ins „Point“ gegangen ist. Es sei jetzt einfach an der Zeit, nicht mehr in der Küche und hinter der Theke zu stehen, sondern selber wieder öfters Gast zu sein und sich wieder stärker ins soziale Leben zu integrieren, als das in den letzten Jahren möglich war, meinen die Beiden. Und - auch nicht ganz unwichtig – mal wieder einen Urlaub zu planen, der nicht von einem Büchle diktiert wird, in dem für das ganze Jahr Reservierungen drin stehen.

Viele gute Wünsche

Natürlich werden Anita und Olaf Hoffelner ihre Weinstube am späten Abend des 30. Juni nicht ohne ein bisschen Wehmut und nicht nur mit einem lachenden, sondern auch mit einem weinenden Auge zusperren.

Aber was sie trösten wird, sind die vielen zustimmenden, aber natürlich auch von Wehmut geprägten Einträge und Zukunftswünsche im Gästebuch, das jedes Jahr ausgelegt wurde.

Anita Hoffelner erzählt von „liebevollen und berührenden Gedanken von Menschen, von denen man das gar nicht erwartet hätte“. Und sie bekennt freimütig: „Des goad oim so richtig an d’Kuddl.“

Im Gegenzug können die scheidenden Wirtsleute nur eines tun: allen ihren Stammgästen für die langjährige Treue zu danken – und für die Zeit und die gute Laune, die sie in aller Regel mitgebracht haben.