Schorndorf

Weltmeister im Feiern

Mexiko: Weltmeister im Feiern_0
Natürlich mit mexikanischer Flagge: Vivian Tuschl-Aguilar und Roland Tuschl freuen sich riesig auf das WM-Spiel Deutschland gegen Mexiko. Nur wer am Sonntag gewinnen wird, darüber gehen die Meinungen noch etwas auseinander. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Deutschland gegen Mexiko – für Vivian Tuschl-Aguilar und ihren Mann Roland kann es am Sonntag beim Anpfiff nur Deutschland und Mexiko heißen. Sie freuen sich riesig auf das Spiel und überhaupt, dass beide Mannschaften bei der Fußball-WM dabei sind. Und egal, wer letztendlich gewinnen wird, eine Ehekrise ist für das deutsch-mexikanische Paar ausgeschlossen: „Wir feiern mit Tequila.“

Fußball, das sind für Roland Tuschl „tolle Momente und Leidenschaft“. Als eingefleischter VfB-Fan geht der 55-Jährige regelmäßig ins Stadion, schaut sich immer wieder Spiele in der Kalaluna-Sportsbar in Schorndorf an und stand auch zu seinem Verein in der Zweiten Liga – „ohne Wenn und Aber“.

Fußball ist Emotion

Jahrelang hat er selbst beim FC Hohenacker gekickt. Zum Fototermin mit der Zeitung hat er natürlich ein Fußballtrikot übergestreift, das offizielle Auslandstrikot der deutschen Mannschaft. Er freut sich riesig auf „tolle WM-Wochen“ – und dass Deutschland in der ersten Begegnung in Moskau ausgerechnet gegen Mexiko spielt.

Denn Fußball, das ist auch für Vivian Tuschl-Aguilar Emotion. Als mit Pavel Pardo und Ricardo Osario vor einigen Jahren zwei Mexikaner für die Stuttgarter gekickt haben, war sie natürlich VfB-Fan. Zu WM-Zeiten, wenn sich Menschen aus vielen Ländern in den Stadien begegnen und der attraktive Jogi Löw immer wieder auf den Bildschirmen und in den Zeitungen zu sehen ist, dann ist auch sie begeistert.

Und mag die 44-Jährige unterm Jahr auch die Fußball-Termine ihres Mannes vor allem dazu nutzen, um ihren Hobbys nachzugehen und sich mit Freundinnen zu treffen, die Weltmeisterschaft lässt sie nicht kalt. Sie weiß natürlich, was ein Elfmeter ist und dass die Mannschaft gewinnt, die die meisten Tore schießt. In ihrer Fußball-Begeisterung geht es ihr aber vor allem „um Gerechtigkeit“.

Egal, wer gewinnt: „Es wird ein richtig cooles Spiel“

Das Spiel wird sich das deutsch-mexikanische Paar vermutlich auf einer schönen Terrasse am Gardasee ansehen. Wären sie über die erste WM-Woche nicht im Urlaub, hätten sie sich bestimmt mit ihren Freunden zum Public Viewing im Biergarten getroffen. Aber feiern können sie auch so – „mit Tequila“. Und die beiden sind sich sicher: Es wird „ein richtig cooles Spiel“ – egal, wer gewinnt.

Doch genau das ist ja die Frage: Für Roland Tuschl kann es nur Deutschland sein, wenn die mexikanische Mannschaft meint, sich kurz vor der Weltmeisterschaft mit 30 Hostessen vergnügen zu müssen. Deutsche Professionalität kontra mexikanische Lockerheit – das wird für Tuschl letztendlich die Entscheidung bringen.

Das Herz schlägt für Mexiko

Und auch Vivian Tuschl-Aguilars Kopf sagt: Deutschland gewinnt. Aber ihr Herz schlägt für Mexiko. So schlecht ist die Mannschaft schließlich nicht: „Mexiko hat Potenzial, aber alle glauben, dass wir es nicht schaffen können.“ Darum wünscht sich die 44-Jährige vor allem, dass sich die Mannschaft nicht von den Deutschen einschüchtern lässt, sondern Sicherheit ausstrahlt, sich fokussiert und selbst an einen Sieg glaubt.

Die Begeisterung für den mexikanischen Fußball jedenfalls gehört für sie von Kindheit an dazu. Ihr Vater und ihre beiden Brüder haben kein Sportereignis ausgelassen. Einer ihrer Brüder, erzählt Tuschl-Aquilar, war als TV-Moderator sogar bei der WM 2006 in Deutschland, um für das mexikanische Fernsehen zu berichten.

Dass das ganze Team versäumt hatte, ein Hotel zu buchen, und dann wochenlang bei den Tuschl-Aguilars im Wohnzimmer auf Isomatten übernachtet hat, quittiert Roland Tuschl mit einem wissenden Lachen: „Aber wir hatten viel Spaß.“

La Ola und Tequila: Beim Feiern haben die Mexikaner die Nase vorn

Und genau darum geht es den beiden. Sie erinnern sich so gern an das deutsche Sommermärchen zur Fußball-WM. Vivian Tuschl-Aguilar, die 2005 der Liebe wegen nach Schorndorf gekommen ist und mittlerweile in ihrem mexikanischen Laden an der Gottlieb-Daimler-Straße Produkte aus sozialen Projekten verkauft, hat sich in der friedlichen Atmosphäre plötzlich „gar nicht mehr fremd gefühlt“.

Die friedliche Stimmung, der locker-leichte Nationalstolz – mittlerweile ist Deutschland für sie Heimat: „Ich liebe die Schwaben und Schorndorf.“ Doch beim Feiern sind die Mexikaner einfach Weltmeister: Vor dem Spiel, währenddessen und drei Tage danach – mit diesen Symptomen geht das mexikanische Fußball-Fieber einher.

Die La-Ola-Welle, erinnert Vivian Tuschl-Aguilar, ist eine mexikanische Erfindung. Dass viele Fans in spannenden Momenten ihre Arme nach vorne strecken und mit den Fingern wackeln, auch für diese Beschwörungszeremonie gibt es in Mexiko spirituelle Gründe: „Positive Energie ist sehr wichtig.“

Und vielleicht gewinnt Mexiko ja doch. „Alles ist möglich“, sagen beide. Sollten sie eine Runde weiterkommen, gibt’s auf jeden Fall ein Public Viewing im „Luna Viva“. Und Träumen ist erlaubt: Gewinnt Mexiko, spendiert Vivian Tuschl-Aguilar dem ersten Mexikaner, der in ihren Laden kommt, eine Flasche Tequila. Sie glaubt an ein 1:1, auch wenn ihr Mann sich den mexikanischen Taxifahrern angeschlossen hat, die mit der Fußball-Ikone Hugo Sanchez mehrheitlich auf einen 3:0-Sieg für Deutschland tippen.


"Luna Viva"

Um den Deutschen die mexikanische Kultur nahezubringen, hat Vivian Tuschl-Aguilar im Jahr 2009 nicht nur ihren „Viva Luna“-Store an der Gottlieb-Daimler-Straße eröffnet. Sie gründete auch eine Sprachschule in Schorndorf und in Stuttgart. Mittlerweile konzentriert sich die 44-Jährige, die in Mexico-City aufgewachsen ist, Wirtschaftswissenschaften studiert und erst in der Kunststoffindustrie und dann in der Kaffeebranche arbeitete und 2005 nach Schorndorf kam, auf soziale Projekte.

In ihrem Laden verkauft sie Upcycling-Taschen, Recycling-Armbänder, kunstvoll bestickte und fair produzierte Kleider sowie Schmuckunikate aus der Silberstadt Taxco. Alles Geld, das „Luna Viva“ erwirtschaftet, versichert Vivian Tuschl-Aguilar, wird wieder in die Projekte investiert. Weitere Informationen gibt’s im Internet unter www.luna-viva.com.

Zum Mitternachtsshopping am Freitag, 29. Juni, lädt „Luna Viva“ mit „Mundo Abricot“ zur Ausstellung „KunstVielfalt“ in den mexikanischen Laden ein. Zu sehen sind Ölpastellmalerei und Illustrationen von Elsa B., Textilien aus Mexiko und Design-Taschen aus Kolumbien.

Roland Tuschl ist Betriebswirt und arbeitet bei Daimler. Bei einem seiner beruflichen Mexiko-Aufenthalte haben sich die beiden kennengelernt. 2005 hat er sie nach Schorndorf gelockt.