Schorndorf

Wenn Augen den Rollstuhl steuern

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Thomas Rosner, er ist nicht gehbehindert, zeigt, wie er mit seiner Weiterentwicklung per Augensteuerung einen Rollstuhl bewegen kann. © Sarah Utz
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Thomas Rosner mit seiner Tochter Lea (8 Jahre)
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Jochen Nisi mit einer „Saug-Blas-Steuerung“.
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Mit dem Kinn kann Colin Zimmermann (grünes T-Shirt) ein ferngesteuertes Auto bewegen.

Urbach. Normalerweise sollte man als Redakteur neutral bleiben, nüchtern über eine Sache berichten. Doch dieser Termin wurde dann erfüllten einem 14-jährigen Jungen einen Lebenstraum.

Thomas Rosner ist gelernter Schreiner. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen. Was der Urbacher seit wenigen Jahren macht, ist nicht so einfach zu beschreiben. Eine Mischung aus Erfinder, Programmierer, Technik-Experte und App-Entwickler. Nun eröffnet seine kleine Firma Ausstellungsräume im Konrad-Hornschuch-Areal. Dort kann er seine Erfindungen und Weiterentwicklungen vorstellen. Die Urbacher Firma macht mit beim Türöffner-Tag 2017 der „Sendung mit der Maus“, der am Dienstag, 3. Oktober, stattfindet. Türen öffnen, Räume öffnen. Das sind gute Stichworte.

"Ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen"

Was macht denn Herr Rosner jetzt genau? Das muss man beschreiben. Thomas Rosner stellt fest: Das Ziel seiner jungen Firma sei es, „mit technischen Hilfsmitteln Menschen mit Beeinträchtigung ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“. Angefangen hat der Tüftler vor ein paar Jahren, damals war seine Erfindung aber vor allem praktischer Natur. Der Schreiner konstruierte ein Möbelstück, das die viele Technik von Geräten wie Satelliten-Empfänger, Stereoanlage, DVD-Spieler im Wohnzimmer geschickt und stilvoll versteckte. Die Idee setzte sich nicht durch. Doch sein Erfindergeist ist immer noch rege. Das hat auch mit seiner Tochter zu tun, die geistig und körperlich behindert ist. Auch und vor allem ihr Leben will der Tüftler und Programmierer erleichtern.

„Sie ist der Grund, warum wir das gemacht haben“. Er will für Barrierefreiheit sorgen und die eigene Wohnung oder das Büro so ausstatten, dass beispielsweise Menschen wie seine Tochter mit dem Smartphone Türen, Licht, Rollläden öffnen oder auch Computer, Fernseher oder die Alarmanlage steuern können – und das nach ihren jeweiligen Möglichkeiten. Er will die Potenziale eines modernen „Smart Home“ für jeden ermöglichen. Als „Smart Home“ bezeichnet man einen Haushalt, in dem Haushalts- und Multimedia-Geräte interagieren und zentral ferngesteuert werden können. Thomas Rosner präsentiert das erste Gerät, einen Rollstuhl.

Spezielle Infrarotkameras ermöglichen die Augensteuerung

Der Elektrorollstuhl weist einige nützliche Anwendungen auf – unter anderem eine Augensteuerung und eine Art Tabletcomputer mit speziellen Infrarotkameras. Das Rad hat Thomas Rosner nicht neu erfunden, er greift auf vorhandene Technik zurück. Doch er stellt Verbindungen her. Er hat eine Schnittstelle entwickelt, die dafür sorgt, dass der Rollstuhl mit den Augen gesteuert werden kann.

Video: Thomas Rosner zeigt, wie die Rollstuhlsteuerung funktioniert.

Damit können auch Menschen mit schwersten motorischen Einschränkungen oder schweren Körperbehinderungen nur über Blickbewegungen eine Kommunikationshilfe oder einen Computer steuern. Diese Hilfsmittel wie elektrische Türöffner gebe es ja bereits, sein Team wolle sie „intelligent“ machen, damit man sie über verschiedene Geräte öffnen kann. Eine entsprechende App für derlei Bestandteile eines Smart Home hat seine Firma entwickelt.

Mitarbeiter Jochen Nisi, gelernter Automechaniker, zeigt eine zweite Steuerung für Rollstühle, eine Saug-Blas-Steuerung. Mit dem Mund wird der Rollstuhl bewegt. Was einen Rollstuhl steuert, kann doch auch eine Spielkonsole bedienen! Ein junger Mann mit Handicap konnte somit dank seiner flinken Zunge, mit Lippen und Bewegungen eine Computermaus oder einen Controler ersetzen. Mit derlei Angeboten könne der Geist der Betroffenen angeregt werden, damit die kognitiven Fähigkeiten länger erhalten bleiben. Die multisensorische Wahrnehmung werde gestärkt. „Das ist für betroffene Menschen sehr wertvoll, geistig aktiv zu bleiben!“ Derlei Entwicklungen könne man auf die Betroffenen zuschneiden.

„Wir sind nun so weit, dass wir wahrgenommen werden“

Seine Firma bietet diese Dienstleistungen an, entwickelt Hilfsmittel, die in den meisten Fällen über die Krankenkasse abgerechnet werden könnten. Der Markt sei groß, aber auch umkämpft. Seit diesem Jahr habe sich seine Firma dank vieler Gespräche, Vorstellungsrunden, Präsentationen und entwickelter Produkte einen Namen gemacht. Viele Sanitätshäuser würden die Firma mittlerweile kennen. „Wir sind nun so weit, dass wir wahrgenommen werden“.

Hat er weitere Ideen? Ja. Menschen ohne Rumpfkontrolle sackten mitunter in sich zusammen. So könne auch mal der Kontakt zur Augensteuerung verloren gehen. Haben sie aber einen Sensor am Kopf, an der Brille oder dergleichen, den man vielleicht mit dem Rollstuhl verbinden kann, könnten sie durch bestimmte Kopfbewegungen beispielsweise einen Rollstuhl steuern.

„Selbstständig trotz Handicap“ laute das Ziel. Es müsse doch intelligente Software geben, die erkennt, wenn ein körperlich behinderter Mensch nachts aufwacht und auf Toilette muss, dass automatisch Licht angeht, Türen aufgehen et cetera. Ein weiteres Ziel sei es, dass Menschen so lange wie möglich daheim leben könnten. Seine Firma berate betroffene Familien daheim oder im Krankenhaus, schaue sich bei ihnen um, überlege sich Lösungen, wie der Alltag durch Technik erleichtert werden kann. Für Menschen mit Beeinträchtigung könnten sie auch einen entsprechenden Arbeitsplatz anbieten. Zum Abschluss zeigen Thomas Rosner und Jochen Nisi noch, wie man mit einem einzigen Knopf ein Tablet steuern kann. Wie das geht? Das können Neugierige auch beim Türöffner-Tag der Sendung mit der Maus sehen.


Urbach.

„Wollen Sie es mal testen?“, fragt Thomas Rosner. Ich nehme Platz. Thomas Rosner drückt ein paarmal mit dem Finger auf das Tablet. Ein Programm startet, um meine Augen zu erkennen. Die Kalibrierung startet. Meine Augen folgen verschiedenen Symbolen. Der erste Versuch schlägt fehl. Kein Wunder. Ich habe meinen Kopf bewegt. Das können Menschen mit Beeinträchtigung mitunter nicht. Es komme nur auf die Augen an, sagt Rosner. Beim zweiten Mal klappt es. Nun folgt der Pfeil auf dem Display meinen Augen. Das ist ungewohnt. Wenn ich einen Punkt länger fixiere, entspricht das einem Doppelklick mit der Maustaste. Auch ein Blinzeln könnte den Klick ersetzen. Ich starte die Software, indem ich nacheinander zwei Punkte fixiere. Dann erscheinen acht große Pfeile auf dem Display. Die ersetzen praktisch einen gängigen Joystick, mit dem man einen Rollstuhl steuern kann. Ich will nach vorne fahren, gucke auf den Pfeil. Der wird rot, der Wagen bewegt sich. Ich schaue nach links und der Wagen reagiert. Bremsen kann ich regulär oder, indem ich weggucke. Die Software erkennt den Kontaktverlust, der Rollstuhl bleibt stehen. Somit ist auch ausgeschlossen, dass im Falle eines möglichen spastischen Anfalls der Wagen weiterrollt.

Mit der Augensteuerung können Menschen auch die Sitzposition im Rollstuhl verändern. Mit den Augen steuern sie den Computer. Der Sitz fährt hoch, nach hinten oder nach vorne. Das führe dazu, dass die Menschen unabhängiger werden, selbstbestimmter Leben können. Es muss nicht immer jemand neben ihnen stehen und beim Ändern der Sitzposition helfen. Das spare auch Zeit. Denn mit einem Menschen, der praktisch nur noch seine Augen zum Kommunizieren hat, sei es langwierig, eine bequeme Sitzposition zu finden. Auch die Helfer werden dadurch entlastet.

Mit der Augensteuerung können sie dann auch Geräte im Haus bedienen, Musik anmachen, Türen öffnen, den Fernseher bedienen. Der Rollstuhl wird zur Zentrale. Das reduziere auch den Betreuungsaufwand – und somit auch die Kosten, denn natürlich gehe es in diesem Bereich auch ums Geld. „Die Menschen möchten ja auch noch am Leben teilhaben“, sagt Ehefrau Elvira Rosner.


Urbach.

Thomas Rosner berichtet über den 14-jährigen Colin Zimmermann, der nur noch seinen Kopf bewegen könne. Auch Colin wollte mal erleben, wie es ist, zu spielen, eben das zu erleben, was die meisten seiner Altersgenossen jederzeit machen können. Ein Lebenstraum von ihm sei es gewesen, einen ferngesteuerten Traktor zu bedienen. Die Familie suchte Rat bei Thomas Rosner. Der legte los. Sie hätten eine normale Fernsteuerung „zerlegt, umgebaut und angepasst“. Und so hat das Team um Thomas Rosner eine Kinnsteuerung für den jungen Mann entwickelt. Mit leichten Bewegungen und Muskelzuckungen steuerte er den Traktor – und mittlerweile einen kleinen Rennwagen. Thomas Rosner zeigt ein Video. Beeindruckend, dass man Menschen mit derlei Erfindungen das Leben erleichtern und enorm bereichern kann. „Colin kann jetzt spielen!“, sagt er. Das sei auch für ihn und sein Team sehr befriedigend.

„Türöffner-Tag“ der Sendung mit der Maus

Der 3. Oktober steht im Zeichen der Kinder und Familien: „Die Sendung mit der Maus“ hat zum siebten bundesweiten „Türöffner-Tag“ aufgerufen. Auch in unserer Region werden sich dann Türen öffnen, die sonst für Kinder verschlossen sind. Thomas Rosner eröffnet die neuen Ausstellungsräume der Firma HomeBraceGermany in Urbach, Konrad Hornschuch Straße 67. Das Motto des Maus-Tags: Selbstbestimmt leben mit Behinderung – selbst erleben am Tag der Deutschen Einheit .

Sachgeschichten live gibt es von der Urbacher Firma HomeBraceGermany. Am Dienstag, 3. Oktober, von 10 bis 18 Uhr öffnet das Unternehmen für insgesamt 500 Kinder und Erwachsene seine Werkstüren. Dort können sie aktuelle Smarthome- und Audiolösungen entdecken, bei Bedarf natürlich barrierefrei. Hierzu finden immer zur vollen Stunde Führungen statt.

Auf dem Rollstuhlparcours können den ganzen Tag verschiedene elektrische und manuelle Rollstühle erprobt und die Geschicklichkeit kann geprüft werden. Auch das neueste Modell myECC kann getestet werden. „Bewegen Sie den Rollstuhl nur mit den Augenbewegungen durch den Testparcours“, heißt es.

Jeweils immer zur halben Stunde wird der myStick, der MundJoystick für Playstation, xBox und PC vorgeführt. Colin Zimmermann bringt seinen ferngesteuerten Rennwagen mit, diesen bedient er nur mit dem Mund. Hierzu werden zwei Vorführungen stattfinden. Die Besucher können selbst mitanpacken und eine solarbetriebene Gurkenglas-Gartenlaterne herstellen, solange der Vorrat reicht. Die Teilnahme an den Aktionen ist nur möglich nach Anmeldung unter iris.riedmayer@homebrace.com (begrenztes Platzkontingent).

Mit seinem Team gehöre HomeBrace zu den innovativsten Unternehmen im Land und wurde 2017 mit dem Innovationsgutschein des Wirtschaftsministeriums für junge Unternehmen honoriert.