Schorndorf

Wenn das Kind zum Drachen wird

Ichwillaber
Haben den Eltern im Familienzentrum Tipps gegeben: Monika Waldthausen und Nanni Seifer-Comanns. © Schneider / ZVW

Schorndorf. Die kleine Anna schmeißt sich im Supermarkt auf den Boden, schreit und schlägt um sich, weil ihre Mama keine Gummibärchen kaufen möchte. So ein Trotzanfall bringt die Eltern sehr oft zum Verzweifeln. Aber auch die Kinder fühlen sich dabei nicht wohl. Bei einem Workshop im Familienzentrum konnten sich Eltern nun Ratschläge von Experten holen.

Ein gutes Dutzend Mütter und Väter waren zu dem Elternnachmittag gekommen. Zusammen sprachen sie über die Reaktionen und Zweifel bezüglich des Verhaltens ihres kleinen Nachwuchses. Monika Waldthausen, eine Traumatherapeutin aus dem Stuttgarter Kinderschutz-Zentrum, und Nanni Seifer-Comanns, eine Sozialpädagogin aus dem Kreisjugendamt (und Ambulanter Dienst) Schorndorf, haben die Diskussion im Familienzentrum geleitet.

Eine spannende Geschichte als Ablenkungsmanöver

„Blöde Mama“, schreit ein kleiner Junge auf dem Video, der gerade einen Wutanfall hatte und in der Aufregung alle Smarties auf den Boden geschmissen hat. Wie reagiert man in so einer Situation? Die Mama im Video bleibt gelassen, sie nimmt ein Spielzeugtelefon in die Hand und ruft ihren kleinen Sohn an. Es ist ein Ablenkungsmanöver der Mutter, die schnell auf die Idee gekommen ist, ihrem Kind eine spannende Geschichte übers Telefon zu erzählen und ihn später zum Einsammeln von Süßigkeiten zu ermuntern. Es ist ihr also gut gelungen, das Kind zu beruhigen und kreativ aus der schwierigen Situation zusammen mit dem Kind auszusteigen. Am Ende ließ es sich sogar umarmen. Es war ein Erfolg.

Gründe für solche Trotzattacken gibt es viele. Die Kinder können zum Beispiel gerade müde sein, Hunger haben oder sie fühlen sich einfach überfordert, weil sie einen langen Tag im Kindi hatten – und noch viele Stunden vor sich. Es ist herausfordernd, immer gut gelaunt zu bleiben und sich nicht ärgern zu müssen. Vor allem die Kleinen haben damit zu kämpfen.

„Was hat die Mutter im Video ihm mitgeteilt?“, wollte Sozialpädagogin Monika Waldthausen von den Eltern wissen. „Sie hat ihm die Regeln erklärt“, antwortete eine Mutter. Das oben genannte Beispiel zeigt uns eine klassische Situation des Wutanfalles eines kleinen Kindes. In so einer Situation sind vor allem Kreativität, klare Regeln und die Konsequenz der Eltern gefragt.

Das Kind entwickelt sein Ich und darf in dieser Phase auch wütend sein

Das typische Trotzalter beginnt mit dem zweiten Lebensjahr. In dieser Zeit macht sich der kindliche Selbstbehauptungswille geltend. Das Ich des Kindes beginnt sich zu entwickeln – und das kleine Wesen sucht nach seiner Identität. Das Kind darf in dieser Phase auch wütend sein! Die Eltern nehmen dabei eine „Alpha-Rolle“ ein, sagt Waldthausen, das heißt, sie dürfen bestimmen. Die Pädagoginnen raten den Eltern in so einem Moment jedoch, nicht auf das Kind einzureden, sondern zu warten, bis es sich beruhigt hat. Den Wutanfall des Kleinen sollten sie auf keinen Fall persönlich nehmen – und darauf achten, dass sich das Kind während eines Wutausbruchs nicht verletzt.

Besonders schwer fällt es Eltern, bei Wutattacken ihrer Kinder in der Öffentlichkeit richtig zu handeln. „Was antworten Sie, wenn jemand dann einen blöden Spruch macht?“, fragte Waldthausen. „Dass ich selber das lösen muss“, antwortet eine Mutter; „Es ist mein Kind“, oder „Es gibt nirgends Experten zum Thema Kind“, sagen andere Eltern. Die Sozialpädagoginnen raten den Besuchern des Workshops vor allem zu einem dicken Fell in der Öffentlichkeit. Die Menschen würden ohnehin nur hinschauen, um zu sehen, wie andere Eltern in einer solchen Situation reagieren. Weil sie es selber nicht besser wüssten. Man müsse sich selber also keine Vorwürfe dafür machen, wenn man vielleicht nicht genau weiß, welche Reaktion die beste ist.

Das Kind ernst nehmen und sich in seine Gefühle hineinversetzen

Egal ob zu Hause oder in der Öffentlichkeit, es ist vor allem wichtig, das Kind nach einem Trotzanfall nicht zu belohnen, sagen die Referentinnen. Die Eltern sollten vielmehr mit ihm über seine negativen Gefühle sprechen und ihm damit zeigen, dass es ernst genommen wird. Umarmung und Trost sind dabei immer die besten Begleiter. Eltern sollten sich in das Kind hineinversetzen. Nur so können sie verstehen, wie es ihm geht. Manchmal helfe es zu sagen: „Es ist schwer, wenn du so gerne etwas möchtest und noch nicht kannst. Aber bald wirst du es können“, so die Referentinnen.

Zum Weiterlesen

Für Eltern, die sich nicht sicher sind, wie sie mit ihrem Kind in die Problematik des Trotzalters auf einfache Weise einsteigen können, empfehlen die Referentinnen Nanni Seifer-Comanns und Monika Waldhausen ein Buch von Patricia Mennen: „Der kleine Trotzdrache“.

Die Bilderbuchgeschichte zeigt, wie der kleine Drache lernt, mit seinen Gefühlen umzugehen, seinen Trotz zu verstehen und zu überwinden.