Schorndorf

Wenn Kühe Gänsehaut bekommen

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Sabine Schubert-Kessler. © Ramona Adolf
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Sabine Schubert-Kessler. © Büttner / ZVW

Remshalden. Die Remshaldenerin Sabine Schubert-Kessler ist keine Schweizerin, sie kam durch Zufall zum Alphornspielen. Doch ab da ließ sie das eidgenössische Nationalheiligtum nicht mehr los. So geht es auch vielen Menschen, die einmal von den getragenen Klängen verzaubert wurden, die gute Spieler dem Instrument entlocken können: Wer nicht völlig unsensibel ist, den kann das Alphorn tiefgehend anrühren.

Video: Alphornspielerin Sabine Schubert-Kessler.

Es scheint, als würde dieses Instrument etwas in den Menschen ansprechen, das tief geht. Diese ruhigen, langgezogen-fließenden Töne, die kilometerweit schallen können, sie sprechen Bereiche der Psyche an, die in der Entwicklung vom Urmenschen zum zivilisationsgeschädigten Ballungsraumbewohner verschüttet wurden. Sabine Schubert-Kessler zumindest macht diese Erfahrung immer wieder. Den Schweizer Hirten, so die Überlieferung über die Ursprünge des Alphorns, dienten die langen, hölzernen Hörner dazu, ihre Kühe von der Weide zurückzurufen. Das funktioniert offenbar noch heute: Als sie einmal auf einer Alp spielte, erzählt Sabine Schubert-Kessler, da kamen tatsächlich die Kühe angelaufen und versammelten sich. Andere Alphornisten berichten davon, dass ihr Spiel sogar die Rehe aus dem Wald gelockt hätte.

Doch die Naturtöne, die die Spieler ihrem Instrument entlocken, erreichen nicht nur Tiere. Das mit dem Anlocken funktioniert auch mit Menschen: Wenn Sabine Schuber-Kessler irgendwo spielt, bilden sich oft Trauben von Zuhörern. Manche kommen gar nicht mehr los, hören stundenlang versunken zu. „Es gibt Leute, die sagen, sie bekommen davon Gänsehaut“, sagt sie.

Auch Häuserschluchten bringen einen schönen Klang hervor

In Schorndorf kann man die archaischen Klänge von Sabine Schubert-Kesslers Alphorn öfter hören. Sie besitzt ein spezielles Reiseinstrument, das zwar in voller Länge 3,60 Meter misst, aber in sechs Teile zerlegbar ist und sich in einen Rucksack packen lässt. Schubert-Kessler stellt sich damit zum Beispiel auf den Schorndorfer Marktplatz oder in eine Gasse der Altstadt. Nicht nur Bergwände, sondern auch Häuserschluchten können einen schönen Klang hervorbringen, hat sie festgestellt.

Professionelle Musikerin

Schubert-Kessler ist professionelle Musikerin, sie hat an der Musikhochschule Stuttgart Alphorn und Klavier studiert. Zuvor war ihr zweites Instrument neben dem Klavier eigentlich die Trompete. Doch irgendwann fiel ihr im Schweizer Ferienhaus eines Bekannten ein Alphorn in die Hände, sie probierte es aus und kam nicht mehr los davon. „Es ist ein Instrument, das man anfängt und nie wieder aufhört“, sagt sie.

Heute setzt sie das Alphorn in seiner ganzen Vielseitigkeit ein, die es trotz der Beschränkung auf Naturtöne hat. Natürlich spielt sie die traditionellen, speziell fürs Alphorn gemachten Stücken. Aber sie nimmt auch Themen aus der Klassischen Musik, aus Sinfonien und bearbeitet sie passend, zum Beispiel das berühmte Hornthema aus Brahms erster Sinfonie. Sie spielt eigene Arrangements oder improvisiert und versucht sich auch an moderneren Liedern, zum Beispiel kann sie eine Version von „Amazing Grace“ spielen. Gerne tritt sie auch in Kirchen auf. Die Akustik dort bringt den Klang gut zur Entfaltung, und dessen die Seele ansprechende, geistig wohltuende Wirkung passt in der Tat sehr gut in die Atmosphäre einer Kirche.

„Ich muss jeden Tag üben, sonst kommen die Töne nicht

Um dem Alphorn die Töne sauber zu entlocken und es komplett zu beherrschen, ist viel Training nötig. Zwar sei es vor einiger Zeit in Mode gekommen, sagt Sabine Schubert-Kessler, und habe sich verbreitet. Aber um es wirklich gut spielen zu können, muss man schon einiges investieren. „Ich muss jeden Tag üben, sonst kommen die Töne nicht.“ Da es keine Ventile oder Klappen hat, bringt das Alphorn nur Naturtöne hervor, in einem Umfang von vier Oktaven. Die Spannung der Lippen und der Atemschwung machen die Musik. „Wer es nicht richtig gelernt hat, muss durch Druck und Gewalt Töne rauspressen“, sagt Schubert-Kessler. „Das ist dann nicht so schön.“

Musikerin eckt bei Eidgenossen an

Der Schweizer, ganz dem ihm nachgesagten Naturell entsprechend, hat es mit dem Druck und der Gewalt nicht so und spielt das Alphorn lieber langsam und getragen, mit angemessener Bedächtigkeit. Wobei Sabine Schubert-Kessler mit ihrer Art zu spielen bei den Eidgenossen aneckt. Als sie mal bei einem Kurs in der Schweiz mit anderen Alphornisten war und in einer Pause ansetzte, etwas aus ihrem breiten Repertoire zum Besten zu geben, war die Reaktion phänomenal: „Die waren entsetzt.“

Die Schweizer Traditionalisten fanden es überhaupt nicht gut, was diese Deutsche da mit dem Alphorn machte. Es war praktisch eine Entweihung des Nationalheiligtums, ein Bruch der heiligen Gebote des Alphornblasens. Den Kühen, davon ist auszugehen, dürften solche Feinheiten jedoch egal sein.