Schorndorf

Wenn sie klingelt, öffnen sich Abgründe

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Hinter dieser unscheinbaren Türe in der Schorndorfer Innenstadt verbirgt sich das Büro der Gerichtsvollzieherin. © Schneider / ZVW
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Der berühmte „Kuckuck“ kommt im Arbeitsalltag immer seltener zum Einsatz. © Ellwanger / ZVW

Schorndorf. Ihr öffnet niemand gerne die Türe. Für ihre Tätigkeit wird sie beschimpft und sehr oft belogen. Für die Schorndorfer Gerichtsvollzieherin Bulkurcu ist es dennoch ein Traumjob. Einer, der mitunter sehr unangenehm sein kann.

Knapp 600 Euro – um mehr geht es nicht. Geld, das der Schorndorfer der EnBW schuldet, doch nie bezahlt hat. Weil der junge Familienvater mit dem Energiebetreiber keine Einigung traf und auch auf Raten nicht zahlen wollte, stellt der ihm nun die Heizung ab. Trotz Eiseskälte und zwei Kindern im Haus. Kein leichter Fall für Gerichtsvollzieherin Bulkurcu, die heute den Auftrag hat, den Beschluss durchzusetzen. Viel Druck ist dafür aber gar nicht nötig, denn der Schuldner lässt den Handwerker der EnBW widerstandslos gewähren. Er fügt sich klaglos in sein Schicksal. Mit einer Jacke bekleidet öffnet er die Türe und führt den Handwerker ohne zu murren zum Gasanschluss. Von der Gerichtsvollzieherin möchte er nur noch ganz höflich wissen, ob das Sozialamt ihm, der wohlweislich arbeitet, bei dem Problem vielleicht weiterhelfen könnte.

Frühzeitig selber anpacken und Sturheit überwinden

Dass sie so oft zu solch drastischen Mitteln greifen muss, findet die Gerichtsvollzieherin eigentlich schade. Dabei wäre es gar nicht nötig gewesen, dass die junge Familie nun in einer kalten Wohnung schlafen muss. Ein Einspruch gegen die Sperrung hätte gute Chancen gehabt – nur sei der junge Mann eben nicht aktiv geworden. „Man kann viel damit erreichen, wenn man vernünftig mit den Gläubigern redet“, so ihre Erfahrung. Man müsse nur frühzeitig selber anpacken, die Sturheit überwinden – und vor allem den Gang zum Schuldnerberater nicht scheuen.

Schon seit Jahren hat sie beruflich immer wieder mit der Familie zu tun. An den Schulden hat sich seitdem wenig geändert. An der prekären Situation ebenso wenig. Die vermüllte Wohnung zeigt das exemplarisch: Wo der Besucher hinschaut, überall liegt Kleidung verteilt, Briefe stapeln sich, es herrscht ein ziemliches Kuddelmuddel. „Und so, wie es um die Wohnung bestellt ist, sieht es auch bei den Finanzen aus“, sagt Bulkurcu trocken.

„Man sieht sehr viel.“

Seit 15 Jahren arbeitet sie in dem Job. Einen anderen mochte sie nie machen. Als sie während ihrer Lehre als Justizfachwirtin zum ersten Mal einen Gerichtsvollzieher begleitete, war für sie klar: Das ist es. Das freie Arbeiten, der Umgang mit dem Menschen und die Einblicke in ihren Alltag hatten sie sofort fasziniert. „Man sieht sehr viel.“ Langweilig sei der Beruf jedenfalls nicht.

Jeder zwölfte Schorndorfer ist verschuldet. Drei Viertel davon so hoch, dass sie immer wieder mit der Gerichtsvollzieherin zu tun haben. Und manchmal trifft sie sogar auf Schuldner in der zweiten Generation, „das ist traurig“. Dabei bekommt sie sehr intime Einblicke in die familiären Verhältnisse. Darüber, wie die Menschen miteinander umgehen. Wie ihre Wohnungen aussehen. Und wie sie mit dem Geld umgehen. Schön ist das in den seltensten Fällen. Sie hat schon viele Familien über ein paar Hundert Euro zerbrechen sehen. Allzu viel Mitleid für die Schicksale darf sie in diesem Beruf allerdings nicht mitbringen. Man braucht ein dickes Fell, um all das ertragen zu können. „Unmenschen sind wir aber nicht – auch nicht geworden durch unsere Tätigkeit“, sagt Bulkurcu.

Schon sehr oft verbal angegriffen worden

Dabei gäbe es durchaus Gründe: Rassistische Kommentare seien keine Seltenheit. Oft würden die Menschen ihr auch nicht die Wahrheit sagen: Sie machen dann nicht auf, obwohl das Auto vor der Tür steht, reden Schulden klein, die doch unübersehbar groß sind, und geben Versprechungen ab, die doch nicht zu halten sind. Verbal ist sie schon sehr oft angegriffen worden, hat Morddrohungen erhalten. Deshalb erscheint sie in diesem Artikel nicht mit Bild und vollem Namen. „Was aber auch vorkommt: Dass sie mich umarmen, wenn sie es geschafft haben mit den Raten – und raus sind aus den Schulden.“


So wie der junge Unternehmer, den Bulkurcu über Jahre betreut hat – und der ihr nun 2500 Euro in bar ins Büro bringt. Unbezahlte Arztkosten in der Familie. Viel Arbeitszeit verbringt die Gerichtsvollzieherin in dem schmucklosen Büro in der Innenstadt, das sie sich mit drei Kollegen teilt. „Zu viel“, wie sie findet. Sie arbeitet lieber draußen. 2263 Verfahren aus Schorndorf, Alfdorf und Urbach sind aktuell bei ihr anhängig, jedes einzelne fein säuberlich in Klarsichthüllen gepackt. Das Tagespensum, mehrere Dutzend Fälle, liegt mit einem Gummiring verpackt auf ihrem Schreibtisch. Der junge Mann war schon häufig hier. Er hofft, dass es nun ein Ende hat mit den Schulden. Dabei versteht er sich eigentlich ganz gut mit der Gerichtsvollzieherin. „Ich bin sehr zufrieden mit Frau Bulkurcu“, sagt er lächelnd. „Sie war immer zuvorkommend, wenn sie es konnte.“

Mit ihren Schuldnern pflegt Bulkurcu einen forschen, doch sachlichen Umgangston, blickt aber nicht auf sie herab. Sie weiß, dass sie niemand ist, über deren Besuch man sich freut. Aber die Menschen behalten im Kontakt mit ihr stets ihre Würde. Sie macht die Situation nicht unnötig beklemmend. Dennoch hat sie stets ihren Auftrag im Blick: den Gläubigern wieder zu dem Geld zu verhelfen, das die Schuldner ihnen nicht bezahlen. Der Job ist ein Stück weit auch Gratwanderung: Was die Schuldner treiben, das darf sie zunächst einmal nicht kümmern.

Zunehmend Probleme mit Reichsbürgern

Auch dann nicht, wenn sie es mit sogenannten Reichsbürgern zu tun hat, was in letzter Zeit für ihren Geschmack allzu häufig vorkomme. „Die Problematik nimmt überhand“, sagt sie. Oft handle es sich dabei um Menschen, die jahrelang unauffällig gelebt hätten – und deren Akten dann plötzlich bei ihr auflaufen. Zum Beispiel weil sie aus Überzeugung den GEZ-Beitrag nicht zahlen. „Die lassen es darauf ankommen und stehlen sich aus ihrer Verantwortung“, findet Bulkurcu. Die rechtsextremen Verschwörungstheoretiker würden die Existenz der Bundesrepublik leugnen. Und daher behaupten, dass Gerichtsvollzieher kein Geld von ihnen einziehen dürfen. Zu Terminen im Büro erschienen sie selten alleine: „Einer redet, zwei schreiben mit, wie in einem Seminar.“ Dann diskutiere sie nicht lang. Einschüchtern lasse sie sich von so etwas nicht. Sie bricht das Gespräch schnell ab. „Und wenn alles nicht hilft, dann muss ich eben die Polizei hinzuziehen.“

Häufige Schuldenfallen sind Handy, Arzt und Alkohol

Während Reichsbürger sich bewusst und freiwillig in die Verschuldung begeben, weil sie staatliche Organe nicht anerkennen, gibt es für das Abrutschen in die Schuldenfalle laut Bulkurcu viele Gründe: Scheidung, unbezahlte Handyrechnungen, Krankheiten, die hohe Arztkosten verursachen, oder auf Pump gekaufte Produkte, bei denen nach der ersten oder zweiten Rate meist nichts mehr läuft. In vielen Fällen sei auch der Alkohol ein ganz großes Problem. „Wenn ich mal fünf Minuten mehr Zeit bei einem Termin habe, kommen viele darauf zu sprechen.“ Bei manchen spiele das von Kindesbeinen an eine große Rolle, andere hätten nach privaten Schicksalsschlägen mit dem Trinken begonnen. Die Auswirkungen seien so oder so meist verheerend.

Die Gerichtsvollzieherin erfährt alles

Verheerend sieht es auch in der Wohnung des jungen Mannes aus, den Bulkurcu in Urbach aufsucht. Nicht bezahlte Handyrechnungen von etwas mehr als 1000 Euro sind hier der Grund. Obwohl es schon Mittagszeit ist, muss die Gerichtsvollzieherin lange und laut an die Tür klopfen, bis der Schuldner mit müden Augen schließlich öffnet. Auf wenigen Quadratmetern sind hier die Trümmer der Existenz des mitgenommenen Mittdreißigers zu sehen: Ein paar Kleidungsstücke liegen im Raum verteilt, drei Handys auf dem Bett und Parfümfläschchen im Schrank. Ein viel zu stark eingestellter elektrischer Raumbedufter versprüht einen Rest von Wohnbehaglichkeit. Zwei Cent Bargeld hat der Mann auf Nachfrage in der Tasche – und längst kein Konto mehr. Das ist bereits gepfändet.

„Ich bin am Arsch“, sagt er: Seine Frau hat den jungen Vater unlängst vor die Türe gesetzt. Seitdem ist er in ein Loch gefallen. Eine Ausbildung hat er nicht und hangelt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Bezahlt wird in bar. Ob dabei alles mit rechten Dingen zugeht: Man weiß es nicht. Die Gerichtsvollzieherin erfährt das alles, weil der Schuldner eine Vermögensauskunft abgeben muss. Die Höhe des Einkommens, der Miete und seinen Besitz muss er offenlegen. Auch, ob er Geschäftsanteile hat, Wertpapiere besitzt oder sonstige Wertsachen, die verpfändet werden könnten.


Handy, Fernseher, Kleidung – viel mehr ist es meist nicht, was Bulkurcu in den Haushalten an Wertsachen vorfindet. Und Unterhaltungselektronik hat leider einen verdammt schnellen Wertverfall. Ältere Schuldner hätten manchmal noch eine teure Goldkette im Schrank, bei jüngeren fände sie höchstens billigen Modeschmuck. Pfändungen fänden ohnehin fast nur noch als Drohmittel statt. Den „Kuckuck“ gibt es zwar immer noch. Er kommt aber im Alltag immer seltener zum Einsatz. Wo nichts zu holen sei, müsse man als Gerichtsvollzieherin die Verhältnismäßigkeit wahren.

Zeigen sich Schuldner nicht kooperativ, droht ihnen als letzte Eskalation jedoch der Haftbefehl. Mit einem solchen in der Hand klopft Bulkurcu an den Bretterverschlag eines Nachkriegsbaus. Sie war schon oft an diesem Haus – und nie wurde ihr die Türe geöffnet. Das Gebäude sieht im Erdgeschoss unbewohnt aus. Die Gerichtsvollzieherin weiß aber, dass hier jemand lebt. Sie versucht es an verschiedenen Fenstern, läuft in den Hinterhof und klopft dort an die Türe. Zaghaft öffnet ein hagerer Mittfünfziger und will wissen, was los ist. Es geht um rund 550 Euro, unbezahlte Rechnungen bei der Telekom. Als er das Wort Haftbefehl hört, geht er schnell zur Schublade, zückt einen Bündel Scheine und gibt passend. Bulkurcu quittiert dankend.

Kein anderer Beruf vorstellbar

„Der Blickwinkel auf die Gesellschaft ändert sich schon durch den Job“, sagt sie. Die Gerichtsvollzieherin hat hinter zu viele Fassaden geblickt, um noch Illusionen über ihren Zustand zu haben. Einen anderen Beruf kann sie sich aber nach wie vor nicht vorstellen. „Ich steh immer noch gerne auf und gehe arbeiten. Am liebsten bis zur Rente.“ Das Geschäft wird ihr bis dahin sicher nicht ausgehen.

Verschuldet?

Wer verschuldet ist und den Besuch der Gerichtsvollzieherin verhindern möchte, sollte sich an die Schuldnerberatung wenden. In Schorndorf gibt es dazu mehrere Ansprechpartner:

  • Für die Stadt ist Christian Töns als ehrenamtlicher Schuldnerberater tätig. Er ist freitags von 16.30 bis 18.30 Uhr erreichbar unter 07181/ 602-3312 oder per E-Mail unter christian.toens@schorndorf.de.
  • Ehrenamtlich tätig für die Stadt ist auch Martin Pfrommer, 07181/ 602-3312, erreichbar dienstags von 13.30 bis 18 Uhr.
  • Auch der Kreisdiakonieverband hat eine Schuldnerberatung, Termine können telefonisch unter 07181/ 9298 25 oder per E-Mail an s.hardt@kdv-rmk.de vereinbart werden.
  • Die Schorndorfer Beratungsstelle des Landratsamtes ist telefonisch erreichbar unter 07181/ 602-0.