Schorndorf

Weshalb Dr. Gabriele Güldner ihre Hautarztpraxis aufgibt

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Dr. Gabriele Güldner freut sich auf viel Freizeit und lange Spaziergänge mit Hündin Emma. © Ralph Steinemann Pressefoto

Die Schorndorfer, die werden ihr fehlen. Da ist sie sich sicher. Dr. Gabriele Güldner hat jetzt ihre Praxis am Marktplatz ausgeräumt und zugesperrt. Als sie vor 31 Jahren als Hautärztin nach Schorndorf kam, musste sie sich - aus Jena eingereist - erst mal an das Völkchen im Südwesten gewöhnen. Aber nach anfänglichen Übersetzungshilfen vom Schwäbischen ins Hochdeutsche durch ihre Mitarbeiterinnen ging das schließlich zügiger als gedacht. Dass sie sich in der Daimlerstadt wohlfühlen werde, sei ihr sofort klar geworden, als sie das erste Mal am einem sonnigen und betriebsamen Markttag vor dem Haus der Dr. Palm’schen Apotheke stand, in dessen oberen Stockwerken sie schließlich jahrzehntelang praktizieren und leben sollte. „Ja, hier soll meine neue Heimat sein“, das hat sie damals ganz deutlich zu sich selbst gesagt - daran kann sie sich noch gut erinnern.

Raus aus der DDR: Restriktionen waren die Folge

Zu Hause in Jena fühlte sich die gebürtige Weimarerin einfach nicht mehr wohl. Aus einem Medizinerhaushalt stammend, war sie zwar mit ihrer Berufswahl höchstzufrieden, aber zunehmend wollte sie weg aus der damaligen DDR. „Ich kannte eigentlich auch nur Leute, die ebenfalls wegwollten“, erinnert sie sich. Etliche ihrer Bekannten saßen wegen kritischer Haltungen oder Äußerungen dem Staat gegenüber im Gefängnis. Für sie war klar: Hier wollte sie nicht bleiben. Und nachdem dann auch die eigene Schwester - ebenfalls Ärztin - erfolgreich in Ludwigsburg Fuß fassen konnte, stellte auch Dr. Gabriele Güldner ihren Ausreiseantrag.

Die Konsequenzen folgten auf dem Fuße: Sie wurde zu Gesprächen geladen, in denen man ihr weismachen wollte, in Westdeutschland schliefen sogar Ärzte unter der Brücke. Man wollte sie zum Bleiben bewegen. Gleichzeitig verlor sie ihre Arbeitsstelle an der Uniklinik in Jena. Hier hatte sie lange Jahre zuvor gearbeitet und auch gelehrt. Aber als Abtrünnige durfte sie natürlich keine Studenten mehr unterrichten. Sie musste sich eine neue Stelle als Ärztin suchen. So praktizierte sie bis zu ihrer Ausreise im Jahr 1989 in Kahla, der Schorndorfer Partnerstadt in Thüringen. Dann hieß es Koffer packen, ab in den Zug und hinein in ein neues Leben.

Raus aus der staatlichen Bevormundung

Und das wartete auf die damals 40-Jährige im Remstal. In der eigenen Praxis fühlte sie sich wohl. Die Zeit der staatlichen Bevormundung war ein für alle Mal vorbei. Und: „Die Haut - ach, das ist ein ganz spannendes Gebiet, hochinteressant und abwechslungsreich“, kommt sie gleich ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Wirklich auffällig war für sie am Anfang ihrer Arbeit als niedergelassene Hautärztin, dass hier im Westen das Thema Neurodermitis ein viel größeres war als in der thüringischen Heimat. Auch bei Kindern und Säuglingen habe sie schlimme Ausprägungen gesehen. Die Kinderärzte hatten sich damals um dieses Thema wenig gekümmert. Inzwischen aber hätten die Pädiater ein Auge darauf, und auch die Eltern seien heutzutage sensibilisiert und pflegten schon bei den ersten Anzeichen mit wirksamen Cremes, so dass die Krankheit teilweise erst gar nicht wirklich ausbreche.

Weshalb es weniger Geschlechtskrankheiten gibt

Dafür habe sie mehr und mehr lichtgeschädigte Haut in ihrer Praxis gesehen. Die gute Nachricht dabei: „An einem Melanom stirbt man heute kaum noch.“ Da sei die Medizin schon gehörig weit gekommen. Das liege zum einen an den guten Therapiemöglichkeiten, aber auch daran, dass die Vorsorge konsequent durchgeführt werde. Trotzdem - noch besser wäre es, es würden überhaupt keine Melanome entstehen, weshalb die Hautärztin von allen Schutzcremes abrät, deren Lichtschutzfaktor weniger als 50 beträgt. Behandlungen wegen Allergien seien mit den Jahren immer mehr geworden. Geschlechtskrankheiten, für die sie als Hautärztin ebenfalls zuständig ist, kämen dagegen heutzutage viel seltener vor als früher. Allerdings geht sie keinesfalls davon aus, dass die Menschen sich seither sorgsamer verhielten. Vielmehr würden die Patienten heutzutage viel häufiger Antibiotika wegen anderer Krankheiten verschrieben bekommen, dass die verschiedenen Geschlechtskrankheiten kaum noch Möglichkeiten zur Ausbreitung hätten.

Interesse für den Mensch hinter der Diagnose

Bei aller Begeisterung für ihr Fachgebiet hat sie in der Praxis eines noch mehr geliebt: die Arbeit mit den Menschen. „Mir war es immer wichtig, Nähe zu den Menschen herzustellen, sie nicht nur als Patientennummer zu sehen“, berichtet sie. Drum habe sie sich in der Kleinstadt Schorndorf auch so wohlgefühlt. Schließlich kannte sie ihre Patienten gut, sporadische Laufkundschaft gab's selten. Und so wusste sie auch um Persönliches, interessierte sich für den ganzen Menschen hinter dem Hautbild. Ihre Patienten vertrauten ihr. „Ich war hier wirklich 31 Jahre lang glücklich.“ Auch das letzte Jahr mit Corona habe ihr die Freude an Beruf und Patienten nicht verderben können. An die Masken und das Desinfektionsmittel habe sie sich schnell gewöhnt. Aber jetzt mit Ende 70 wollte sie nun doch langsam die Verantwortung abgeben, da sich nun die Gelegenheit geboten hatte, die Praxis zu übergeben. Allerdings ist ihr Nachfolger Dr. Pfeifer an anderer Stelle, an der Künkelin-Straße, zu finden. Die Marktplatz-Praxis im dritten Stock steht vorläufig leer.

Der Stadt und den Schorndorfern bleibt Dr. Gabriele Güldner aber erhalten. Künftig will sie die viele Zeit, die sie plötzlich hat, in ausgedehnte Spaziergänge mit ihrer Hündin Emma investieren. „Ich hab' jetzt schon wunderschöne Ecken entdeckt, von denen ich noch gar nichts wusste “, erzählt sie lächelnd. Wenn außerdem die Corona-Krise abgeklungen und sie selbst geimpft ist, möchte die Ärztin sich gerne ehrenamtlich für die Stadtgesellschaft einbringen. Kindern möchte sie gerne etwas Gutes tun, die werde sie aus ihrer Praxis nämlich am meisten vermissen. Dabei denkt sie an Hausaufgabenhilfe oder Unterstützung beim Deutschlernen für Kinder mit Migrationshintergrund.

Die Schorndorfer, die werden ihr fehlen. Da ist sie sich sicher. Dr. Gabriele Güldner hat jetzt ihre Praxis am Marktplatz ausgeräumt und zugesperrt. Als sie vor 31 Jahren als Hautärztin nach Schorndorf kam, musste sie sich - aus Jena eingereist - erst mal an das Völkchen im Südwesten gewöhnen. Aber nach anfänglichen Übersetzungshilfen vom Schwäbischen ins Hochdeutsche durch ihre Mitarbeiterinnen ging das schließlich zügiger als gedacht. Dass sie sich in der Daimlerstadt wohlfühlen werde, sei

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