Schorndorf

Wie steht es um die Zukunft der Schorndorfer Musikbar „Engel“?

Musikbar Engel
Astrid Auwärter (vorne) und einige aus ihrem Kneipen-Team. © ALEXANDRA PALMIZI

Der „Engel“ ist für viele Stammgäste und das Team hinter der Kneipe mehr als nur ein Ort zum Biertrinken. Doch viele Monate musste der Betrieb nun schon ruhen. Der Schaden ist vor allem auch für einige  Mitarbeiterinnen von Wirtin Astrid Auwärter groß.

Beim Feierabendbier mit Freunden über das Tagesgeschehen sprechen, eine Runde Tischkicker spielen oder bis frühmorgens feiern. Das ist eigentlich Alltag im Engel. Unter der Woche hat die Kneipe bis drei Uhr geöffnet, freitags und samstags sogar bis fünf Uhr.

Chefin Astrid Auwärter, ihr Lebensgefährte Hans Winkler und drei ihrer Aushilfen sprechen über die Auswirkungen der Corona-Krise. Wenn Bands auftreten, dann kommen in den Engel gerne auch mal über 100 Gäste. Dann wird hier ein Bier nach dem anderen gezapft. Solche Gästezahlen sind in Zeiten der Pandemie aber undenkbar geworden. Bars, Kneipen und Clubs gehören zu den Bereichen, die von den Beschränkungen mit am stärksten betroffen sind. Ausgehen in diesen Zeiten ist praktisch unmöglich.

Die fünf aus dem Engel-Team freuen sich sichtlich, sich mal wieder zu sehen. Es wird gelacht, geraucht und eine Cola dort getrunken. Chefin Auwärter scherzt mit den anderen, sie versuchen es mit Sarkasmus. Doch nicht immer sei sie so guter Laune wie heute, sagt Auwärter. „Ich habe Tage, da bin ich bloß am Plärren“, erzählt sie offen. Kürzlich musste sie sogar ihr Bier verschenken. Das Mindesthaltbarkeitsdatum war verstrichen. Verkaufen konnte sie es nicht mehr, sie hat es kurzerhand verschenkt.

Vor einiger Zeit war noch vorgesehen, dass Gastronomie zumindest im Freien wieder weitermachen darf, doch selbst daraus wurde nun nichts. Astrid Auwärter sagt, daran hätte sie auch gar nicht geglaubt. Sie befürchtet, dass Kneipen und Bars wohl nicht vor Juni öffnen dürfen. „Uns fehlt die Perspektive“, sagt sie über die derzeitige Situation. Sie würden hier gerne so schnell wie möglich öffnen, beispielsweise mit einem Testkonzept. Derzeit treffe man sich eben an anderer Stelle, befürchtet ihr Partner Hans Winkler. Ob das in Bezug auf das Infektionsgeschehen einen Unterschied macht, da sei er sich nicht so sicher. „Der Wochenmarkt ist die neue Kneipe“, sagt er.

Für Minijobber gibt es kein Kurzarbeitergeld

All das hat Folgen. Ihre Angestellten musste Auwärter in Kurzarbeit schicken, die Verträge der 450-Euro-Kräfte ruhen, solange es keinen Betrieb gibt. Für Aushilfen gibt es kein Kurzarbeitergeld. Insgesamt arbeiten im Engel eigentlich fünf Minijobber und zwei Teilzeitkräfte. Neben dem Gehalt fehlt dem Team auch das Trinkgeld, das in der Branche eine erhebliche Rolle spielt, wie Cassandra Acker, Vicky Schedel und Lea Arensmeyer erzählen. An einem richtig guten Samstagabend verdienen sie über das Trinkgeld manchmal sogar mehr als über das eigentliche Gehalt. Sobald es wieder möglich ist, will Astrid Auwärter sie wieder einstellen.

Eine im Engel-Team hat die Krise besonders hart getroffen. Vicky Schedel erzählt, dass sie im Juni ihren Job als Content-Managerin im Marketing-Bereich verloren hat. Die Branche sei hart von der Krise getroffen worden. Als langjährige Gästin des Engels konnte sie aber immerhin kurzerhand in der Kneipe aushelfen. Doch auch das war nicht lange möglich. Schon im November war damit wieder Schluss. Jetzt bleibt ihr nur ihr Arbeitslosengeld. Einen neuen Job hat sie noch nicht gefunden.

Auch Cassandra Acker und Lea Arensmeyer sprechen offen über ihre finanziellen Sorgen. Acker arbeitet als Zahnarzthelferin und ist alleinerziehend, der Job im Engel ist für sie wichtig. Lea Arensmeyer macht eine Ausbildung zur Krankenschwester in Stuttgart. Sie hat zwar einen Corona-Bonus von insgesamt 400 Euro bekommen, aber in Zeiten der Pandemie fehlen ihr trotzdem Trinkgeld und Lohn aus dem Engel. Vergleichsweise steht sie also ebenfalls schlechter da.

Doch das Team müsse zusammenhalten, davon ist Wirtin Astrid Auwärter überzeugt. Ihr sei es schwergefallen, die Verträge ihrer „Mädels“, wie sie sagt, komplett ruhen lassen zu müssen. Um sie zumindest zu unterstützen, hat sie im März vor rund einem Jahr dazu aufgerufen, für das Engel-Team zu spenden. Über die Onlineplattform Betterplace sind auf diese Weise immerhin schon 4300 Euro zusammengekommen. Auwärter hat sie im Engel-Team verteilt. Sie freut sich zwar über die Solidarität, doch im Vergleich zu dem, was ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier sonst verdienen, bleibt der Betrag wenig.

Existenz des Engels sei derzeit nicht gefährdet

Doch zumindest sei die Existenz des Engels derzeit nicht bedroht, sagt Auwärter. Der Verpächter der Kneipe sei ihr entgegengekommen, doch viele Kosten bleiben trotzdem bestehen. Immerhin seien auch die versprochenen staatlichen Hilfen bereits angekommen. „Doch wie lange die reichen müssen, da habe ich keine Ahnung“, sagt sie. Der Betrag ist außerdem nicht für sie vorgesehen, sie als Chefin muss von ihren Rücklagen leben. Das Geld ist ausschließlich für den Erhalt des Betriebes vorgesehen. Theoretisch bleibt Gastronomen, denen das Geld ausgeht, irgendwann nur noch der Weg zum Jobcenter. Doch bislang sei ihr das erspart geblieben, so Auwärter. Sie und ihr Lebensgefährte gehören bereits seit vielen Jahren zur Schorndorfer Gastro-Szene. Bevor Auwärter 2008 mit dem Engel angefangen hat, betrieb sie das „Maxx“. Heute befindet sich dort das „Café de Ville“.

Lea Arensmeyer hat Engel-Deko mit nach Hause genommen

Neben den wirtschaftlichen Folgen fehlt dem Engel-Team aber auch die Gemeinschaft in der Kneipe. Aushilfe Lea Arensmeyer vermisst die lockere Stimmung und die vielen Freunde und Bekannten, die sie im Engel nicht nur bedient, sondern eben auch trifft. „Ich habe Angst, dass die Unbeschwertheit nicht zurückkommt“, sagt sie. Arensmeyer hat sich den Engel quasi mit nach Hause genommen, um die Kneipe trotz Krise bei sich zu haben. Eine Winkekatze aus Plastik, die hier sonst steht, hat sie für ihre WG ausgeliehen. Doch all das sei eben kein Ersatz. Sie ist davon überzeugt: „Im Engel schmeckt das Bier anders.“

Der „Engel“ ist für viele Stammgäste und das Team hinter der Kneipe mehr als nur ein Ort zum Biertrinken. Doch viele Monate musste der Betrieb nun schon ruhen. Der Schaden ist vor allem auch für einige  Mitarbeiterinnen von Wirtin Astrid Auwärter groß.

Beim Feierabendbier mit Freunden über das Tagesgeschehen sprechen, eine Runde Tischkicker spielen oder bis frühmorgens feiern. Das ist eigentlich Alltag im Engel. Unter der Woche hat die Kneipe bis drei Uhr geöffnet, freitags und

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