Schorndorf

Wozu eine neue Stadtbücherei in Schorndorf? Der Oberbürgermeister und die Bücherei-Leiterin liefern Argumente

Marianne Seidel, Leiterin der Stadtbücherei Schorndorf, 07.10.2020.
Die Leiterin der Stadtbücherei, Marianne Seidel, hofft, dass sie in absehbarer Zeit unter moderneren Bedingungen arbeiten kann. © Benjamin Beytekin

Man darf, wenn es darum geht, Skeptiker und Kritiker vom Sinn und von der Notwendigkeit einer neuen Stadtbücherei zu überzeugen, auch mal ganz groß und an etwas ganz Großes denken. In diesem Fall an die Oodi-Bibliothek in Helsinki, deren Name übersetzt nichts anderes als „Ode“ bedeutet und die auch entsprechend konzipiert ist: als eine Ode an die Gemeinschaft. Auf einer Tafel im ersten Stock steht: „Jeder hat das Recht, in der Bibliothek zu sein. Herumhängen ist erlaubt, ja sogar erwünscht. Rassismus und Diskriminierung haben in dieser Bibliothek keinen Platz. Oodi ist unser gemeinsames Wohnzimmer.“ Nun ist die Bibliothek in der finnischen Hauptstadt mit einer Nutzfläche von 10 000 Quadratmetern fast zehnmal so groß wie die am Archivplatz geplante neue Schorndorfer Stadtbücherei und mit Kosten von rund 110 Millionen Euro auch mehr als zehnmal so teuer – die letzte im Dezember 2019 vorgelegte Kostenschätzung belief sich auf 9,5 Millionen Euro, aber in dem, was sie sein wollen, unterscheiden sich die beiden Projekte nicht: „Orte wie ein Marktplatz, Orte der vielfältigen Möglichkeiten“, um es mit der ambitionierten Schorndorfer Bücherei-Leiterin Marianne Seidel zu sagen.

CDU-Fraktion ist wieder auf eine zustimmende Haltung umgeschwenkt

Sie hat die Hoffnung, sich in absehbarer Zeit mit der Bücherei von derzeit 600 Quadratmetern – inklusive Büroflächen und ohne dass auch nur ein Platz für eine Kaffeemaschine frei wäre – auf das Doppelte an Fläche vergrößern zu können, noch nicht aufgegeben – ungeachtet mancher Vorbehalte, die in den von der Redaktion mit den Gemeinderatsfraktionen geführten „Sommergesprächen“ laut geworden sind. Wobei sich Oberbürgermeister Matthias Klopfer freut, dass zumindest die CDU-Fraktion, in der es auch kritische Stimmen bis hin zur Forderung nach einer neuen Standortdebatte gegeben hatte, mittlerweile wieder auf eine bejahende Haltung umgeschwenkt ist. Was bedeuten könnte, dass die für Frühsommer nächsten Jahres angepeilte Grundsatzentscheidung für den Neubau der Stadtbücherei – wenn die Kosten in einem vertretbaren Rahmen bleiben und die Finanzierung trotz der coronabedingt angespannten Lage gesichert erscheint – doch einigermaßen deutlich ausfallen könnte. Im Idealfall mit der Folge, dass mit dem Neubau der Stadtbücherei auf dem Archivplatz mit dem inzwischen bei verschiedenen Kindergarten-Neubauten erfolgreich erprobten Verfahren mit einem Generalübernehmer, der Kosten- und Terminsicherheit garantiert, nach der SchoWo 2022 begonnen und sie Ende 2023 oder Anfang 2024 bezogen werden könnte. So lange werde sie als Bücherei-Leiterin durchhalten, sagt Marianne Seidel und unterstreicht ihr Versprechen mit einem kräftigen „Aber hallo!“.

„Wir fahren auch nicht mehr die gleichen Autos wie vor 30 Jahren“

Dem in den Sommergesprächen immer wieder vorgetragenen Argument, dass sich Bibliotheken in Zeiten der Digitalisierung überlebt hätten, tritt Marianne Seidel entschieden dagegen. Gerade in diesen Zeiten brauche es ein Mehr an Bildung, und zwar auf so vielen Kanälen wie nur möglich, betont die Bücherei-Leiterin und verweist auf eine Statistik, wonach sieben Millionen Menschen, die in Deutschland eine Schule besucht hätten, Analphabeten seien. „Von Bildung profitiert jeder, auch der, der selber gar keine Kinder hat“, sagt Marianne Seidel, die es beängstigend findet, „wie sich unsere Gesellschaft auseinanderentwickelt“ und die es in diesem Zusammenhang für umso wichtiger hält, sich auf gemeinsame Quellen und Werte zu besinnen, und dafür brauche es nicht zuletzt die Bibliotheken, die freilich – siehe Oodi – mehr sein müssten als reine Ausleihstationen, als die auch die Schorndorfer Stadtbücherei vor 34 Jahren konzipiert worden sei. „Wir fahren auch nicht mehr die gleichen Autos wie vor 30 Jahren und tragen nicht mehr die gleichen Klamotten“, gibt Marianne Seidel mit Blick darauf zu bedenken, dass Büchereien heute Orte sein müssten, an denen Menschen zusammenkommen, wo sie sich „minithinktankmäßig“ austauschen, Orte mit einer gehobenen Aufenthaltsqualität, an denen sich Menschen gemeinsam bilden, an denen sie gemeinsam arbeiten könnten (Stichwort: Coworking-Spaces), – und, ganz wichtig: ein konsumfreier Ort sein, idealerweise im Herzen der Stadt gelegen.

Ein Totalausfall, was die literarische Bildung von Erwachsenen angeht

„Mehr Menschen, weniger Medien“, lautet der Anspruch, den Marianne Seidel an eine neue Stadtbücherei hat. Zur Verdeutlichung: Die kleine Stadtbücherei verfügt über rund 60 000 Medieneinheiten, die x-fach größere Zentralbibliothek in Helsinki kommt mit 100 000 Medieneinheiten aus. Die Realität in Schorndorf sieht also derzeit so aus: einerseits ein gedrängter Medienbereich, andererseits ein kleiner und sparsam konzipierter Aufenthalts- und Lesebereich. Umso mehr sei sie stolz darauf, wie viel sie und ihr Team trotzdem (außerhalb von Corona) nach wie vor für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellten. Das ändere aber nichts daran, dass die Schorndorfer Stadtbücherei mittlerweile von der Anmutung her „das Schlusslicht im Kreis“ sei und „ein Totalausfall, was die literarische Bildung von Erwachsenen angeht“. „Wir sind zwar immer noch die meistbesuchte außerschulische Bildungseinrichtung mit rund 65 000 Besuchern im Jahr, aber irgendwann geht das runter“, warnt die Bücherei-Leiterin, aus deren Sicht es fahrlässig wäre, beim Neubau weiter auf Zeit zu spielen oder die sich bietende Chance womöglich ganz zu verpassen. Eine Chance, die auch beinhalten würde, dass alles, was automatisierbar ist, auch automatisiert wird und dass das Personal (derzeit 6,5 Stellen) mehr Kapazitäten für den direkten Kundenkontakt hat.

Klopfer sieht in einem Neubau ein Aufbruchsignal für die Innenstadt

„Wir haben immer noch die Möglichkeit, das Projekt mit Hilfe der Zuschüsse des Landes solide zu finanzieren“, sagt Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der den wunderbaren Blick auf den Stadtpark genießt und der in diesem Zusammenhang darauf hinweist, dass die Räumlichkeiten ja auch weiterhin ein – dann halt von der Volkshochschule genutzter – öffentlicher Ort bleiben sollten. Der Leiter der VHS, Oliver Basel, sei mit der räumlichen Situation genauso unzufrieden wie die Leiterin der Stadtbücherei, sagt Klopfer, aus dessen Sicht der Neubau der Stadtbücherei „ein positives Aufbruchsignal für die Innenstadt“ und der Auftakt zur Sanierung des Innenstadtquartiers rund um den Archivplatz sein könnte – inklusive der ebenfalls dringend gebotenen Aufwertung des historischen Stadtarchivs. Zu alldem passe, dass es im Zusammenhang mit dem Projekt „Klima mobil“ bereits Überlegungen einer Verkehrsberuhigung in der Archivstraße und der Johann-Philipp-Palm-Straße gebe, sagt der Oberbürgermeister, der überzeugt ist, dass sich auch beim Thema Parkplätze ein Kompromiss finden lassen wird. Was auch deshalb wichtig wäre, weil auch so eine den öffentlichen Raum prägende Stadtbücherei Freiräume brauche, weil sich die Menschen – nicht nur in Corona-Zeiten – immer mehr und immer länger im Freien aufhielten. Ein schlagendes Argument für den Neubau einer Stadtbücherei ist für Matthias Klopfer, dass Schorndorf mit insgesamt rund 4000 Schülerinnen und Schülern „ein herausragender Schul-Standort“ ist, und gerade für diese Klientel, die in Zukunft verstärkt auf zusätzliche Lernräume angewiesen sein könnte, sei die derzeitige Stadtbücherei „einfach uncool“.

Marianne Seidel läuft bereits gedanklich durch das neue Haus

Zum Stand der aktuellen Planungen auf Basis des Entwurfs der Ippolito Fleitz Group, die seinerzeit den Architektenwettbewerb gewonnen hatte, sagt der Oberbürgermeister: „Wir sind schon fast bei den einzelnen Türgriffen.“ Kein Wunder, dass auch Marianne Seidel schon ganz klare Vorstellungen hat, welche Handlungsfelder sie und ihr Team künftig bespielen wollen und auf welche Zielgruppen die jeweiligen Angebote gemünzt und abgestimmt sein sollen. „Ich kann schon gedanklich durch das Haus laufen“, sagt die Leiterin der Stadtbücherei, die auch nicht die Sorge teilt, dass das klassische Lesen aus der Mode kommen könnte. „Der Leseknick ist schon vor 40 Jahren prognostiziert worden“, sagt sie – wohlwissend, dass Lesenlernen, egal ob auf Papier oder digital, schwierig ist und dass vor allem Kinder eine gleichermaßen engagierte wie geduldige Anleitung brauchen. „Wichtig ist ein Umfeld, in dem Lesen was zählt“, sagt Marianne Seidel.

Man darf, wenn es darum geht, Skeptiker und Kritiker vom Sinn und von der Notwendigkeit einer neuen Stadtbücherei zu überzeugen, auch mal ganz groß und an etwas ganz Großes denken. In diesem Fall an die Oodi-Bibliothek in Helsinki, deren Name übersetzt nichts anderes als „Ode“ bedeutet und die auch entsprechend konzipiert ist: als eine Ode an die Gemeinschaft. Auf einer Tafel im ersten Stock steht: „Jeder hat das Recht, in der Bibliothek zu sein. Herumhängen ist erlaubt, ja sogar erwünscht.

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