Schorndorf

Zuschuss für Zauberfaden bis 2019 befristet

d2108bba-a027-45f9-9856-ff45340f3e8c.jpg_0
Der Zauberfaden ist schon etwas Besonderes: In der Nähwerkstatt wird die Betreuung von Flüchtlingen und die Herstellung von marktfähigen Taschen miteinander verknüpft. © Schneider / ZVW / Archiv

Schorndorf. Für die einen ist es ein Leuchtturmprojekt, andere stört, dass der Zauberfaden, die Nähwerkstatt mit Flüchtlingen, bei aller Unterstützung aus der Stadtverwaltung, in den kommenden zwei Jahren auch noch mit 20 000 Euro gefördert werden soll. Im Gemeinderat entbrannte – angesichts einer Vielzahl von Ehrenamtlichen in der Stadt – eine Diskussion über die Verteilungsgerechtigkeit. Und obwohl sich eine Mehrheit fand für den Zuschuss wie für die Einrichtung eines Integrationsfonds, setzte die CDU-Fraktion durch, die Förderung bis 2019 zu befristen.

Bürgermeister Edgar Hemmerich hat die Schirmherrschaft für den Zauberfaden übernommen und beim Weihnachtsmarkt selbst Taschen und Matchsäcke am Stand der Nähwerkstatt verkauft. Auch für Oberbürgermeister Matthias Klopfer ist der Zauberfaden „ein zauberhaftes Projekt“ für die Menschen und die Stadt. Die Arbeit, die in der Nähwerkstatt für die Integration von Geflüchteten gemacht wird, hat für die Verwaltungsspitze einen besonderen Stellenwert. Ein solches Pilotprojekt, so die Überzeugung, könnte neue Wege im schwierigen Handlungsbereich Arbeit und Beschäftigung aufzeigen und vielleicht auch Chancen auf langfristige Beschäftigungsverhältnisse schaffen.

Klopfer: "Wir sollten erstmal abwarten, wie sich die Sache entwickelt"

Ob sich der Zauberfaden irgendwann selbst trägt und alle Beschäftigten auf dem ersten Arbeitsmarkt und dem Wohnungsmarkt unterkommen, ist für OB Klopfer dabei im Moment nicht die drängendste Frage: „Wir sollten erst mal abwarten, wie sich die Sache entwickelt“, empfahl er dem Gemeinderat, der über den CDU-Antrag abzustimmen hatte, den 20 000-Euro-Zuschuss auf zwei Jahre zu befristen.

Zauberfaden beantragte 24 000 Euro pro Jahr

Denn aus Reihen der CDU kamen weniger euphorische Töne: Obwohl Fraktionsvorsitzender Hermann Beutel bewusst ist, dass es sich beim Zauberfaden um ein „Vorzeigeprojekt“ handelt, das ohne öffentliche Fördergelder nicht überlebensfähig ist, weiß er um kritische Stimmen in seiner Fraktion – und zeigte sich zufrieden über den Kompromiss, dass die Stadt sich nicht für die vom Zauberfaden beantragten 24 000 Euro pro Jahr ausspricht, sondern für 20 000 Euro. „Die Befristung“, sagte er in seiner Wortmeldung, „soll signalisieren, dass der Zauberfaden irgendwann eigenwirtschaftlich arbeiten soll“. Darum geht es auch Dr. Max Klinger, der kritisierte, dass ein Großteil des Geldes in die Verwaltung fließe und nicht an die Flüchtlinge.

Viele ehrenamtliche Projekte ohne Geschäftsführer

Richtig deutlich wurde aber dann Manfred Bantel, der „die allgemeine Euphorie“ nicht teilen kann: Ihm fehlt nicht nur „viel Information über den Erfolg der Arbeit“, ihn stört auch, dass „die halbe Stadtverwaltung hilft“, die Zauberfaden-Produkte zu verkaufen, und dass eine Gemeinderätin (Grünen-Rätin Sükriye Döker, Anm. d. Red.) auch noch als Geschäftsführerin „vorne dransteht“. Ihm geht’s um Verteilungsgerechtigkeit: Schließlich gebe es viele ehrenamtliche Projekte in der Stadt, die – im Gegensatz zum Zauberfaden – auf einen Geschäftsführer verzichten müssten. „Wir heben eine Organisation heraus“, kritisierte er im Gemeinderat und ist sich sicher, der Tafelladen würde bei einer solchen Unterstützung „Glückssprünge machen“.

OB Klopfer: Ein Ehrenamt nicht gegen das andere ausspielen

Eine Kritik, die OB Klopfer so nicht stehenlassen wollte: In der Kernstadt, gab er zu bedenken, wären die Vereine froh über Zuschüsse, die es – wie etwa für den Verein zur Förderung der Dorfgemeinschaft in Haubersbronn – in den Teilorten gibt. Ein Ehrenamt gegen das andere auszuspielen, davon hält Klopfer nichts; er freut sich vielmehr, dass es in Schorndorf Tausende Engagierte gibt, und kündigte an, zu seinem 50. Geburtstag im kommenden Jahr Spenden für den Tafelladen und den Zauberfaden zu sammeln, als „Zeichen für Vielfalt“. Mit dem Zuschuss, merkte Klopfer gleich zu Beginn an, sind Kofinanzierungsmittel verbunden: Der Zauberfaden wird bis 2019 von der Christian Bürkert Stiftung mit 20 000 Euro unterstützt – vorausgesetzt die Stadt Schorndorf beteiligt sich mindestens in gleicher Höhe an der Finanzierung.

Rentabler Zauberfaden: Wunsch oder Utopie?

Ziel, das merkte auch SPD-Rat Martin Thomä an, müsse sein, dass der Zauberfaden mittelfristig auf eigenen Beinen steht – oder zumindest, wie sein Fraktionskollege Hans-Ulrich Schmid forderte, mehrere Fördertöpfe anzapft. Auch die SPD sieht sich in der Verantwortung gegenüber anderen ehrenamtlichen Organisationen, wie dem Weltladen oder dem Tafelladen. Darum das SPD-Signal an den Zauberfaden: „Ihr müsst versuchen, ohne diese Zuschüsse auszukommen.“ Diesen Wunsch allerdings hält Grünen-Rat Werner Neher für utopisch: Der Zauberfaden ist für ihn keine Firma, „die sich irgendwann rentiert“. Er sieht die Nähwerkstatt als ganzheitliches Betreuungs- und Schulungsprojekt für Geflüchtete und ihre Familien. Und was erschwerend hinzukommt: Gelingt es einem Mitarbeiter, eine feste Stelle zu kriegen, kommen neue Geflüchtete mit neuen Problemen.

16 Stadträte stimmten für Zuschuss

Für den städtischen Zuschuss in Höhe von 20 000 Euro, der in den Jahren 2018 und 2019 gewährt werden soll, stimmten 16 Stadträte, acht enthielten sich und vier stimmten dagegen. Grünen-Rätin Sükriye Döker war als Zauberfaden-Geschäftsführerin befangen und nahm an der Abstimmung nicht teil. Der Antrag der CDU, wonach der Zuschuss auf zwei Jahre befristet sein soll, ging mit elf zu zehn Stimmen knapp durch.


Integrationsfonds: 100 000 Euro bis 2019

Im Bewusstsein, dass Integrationspolitik ein zentrales Handlungsfeld auch auf kommunaler Ebene bleiben wird, hat die SPD-Fraktion im Sommer den Antrag gestellt, die Stadtverwaltung solle ein Konzept für einen Integrationsfonds erarbeiten, der mit jährlich 250 000 Euro ausgestattet und auf fünf Jahre angelegt ist. Da auch die Verwaltung einen Schwerpunkt in der Integrationsarbeit sieht, vor allem in den Bereichen Arbeit und Beschäftigung, Sprach- und Bildungsförderung, hat auch sie sich für die Einrichtung eines solchen Fonds ausgesprochen, „der flexibel auf diese und andere Bedarfe reagieren kann“. Angesichts der Haushaltslage soll er aber nicht so üppig wie gefordert, sondern mit 100 000 Euro ausgestattet sein. Und zwar bis zum Haushaltsjahr 2019: Über die weitere Notwendigkeit des Fonds soll dann der neu gewählte Gemeinderat entscheiden. Um die Mittelvergabe flexibel, schnell und bedarfsgerecht vornehmen zu können, entscheidet der Fachbereich Familien, Soziales, Bürgerschaftliches Engagement über die Vergabe bei Einzelmaßnahmen oder Mikroprojekten bis zu 10 000 Euro; über Anträge über 10 000 Euro soll der Verwaltungs- und Sozialausschuss entscheiden.

Dass sich das Volumen des Integrationsfonds im Vergleich zum Antrag mehr als halbiert hat, damit kann SPD-Rat Martin Thomä leben – ihm geht es darum, dass der vorbildliche „Schorndorfer Weg“ in der Flüchtlingspolitik weitergeführt wird. Doch er möchte, dass die Integration nicht nur auf Flüchtlinge beschränkt wird: „Im Bildungs- und Ausbildungsbereich gibt es viel zu tun.“ Auch CDU-Fraktionsvorsitzender Hermann Beutel befürwortet die Einrichtung des Integrationsfonds, da dessen Höhe dem Betrag entspricht, den die Stadt schon bisher in Flüchtlingsarbeit investiert. Doch er wünscht sich auch, dass die Mittel nicht für Spiel und Spaß, sondern schwerpunktmäßig für Sprachförderung vergeben werden und für Maßnahmen, die die Menschen in Lohn und Brot bringen. Für den Integrationsfonds gab es 27 Ja-Stimmen; CDU-Rat Manfred Bantel stimmte dagegen.

Der Zauberfaden

Die Nähwerkstatt „Der Zauberfaden“ ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das für unverschuldet in Not geratene Menschen einfache und qualifizierte Arbeitsplätze bereithält und durch umfassende Hilfestellungen in allen Lebenslagen eine Grundlage für die Integration in unserer Gesellschaft schaffen will. Die Nähwerkstatt mit Flüchtlingen will ein Ort der Begegnung auf Augenhöhe sein. Hier haben Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, die Möglichkeit, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Vermittelt werden textile Fertigkeiten, die helfen können, später einmal ein eigenes Einkommen zu erlangen. Deutsch lernen ist dabei das A und O.

Das Konzept des Zauberfaden ist innovativ, weil es die Betreuung von Flüchtlingen und die Herstellung von marktfähigen Taschen (in Kooperation mit der Modefirma Riani) verknüpft.

Gegründet im Februar 2015, ist die Nähwerkstatt als Projekt offen für alle interessierten Flüchtlinge und Asylsuchenden, die in Schorndorf leben, ohne Rücksicht auf ihren aufenthaltsrechtlichen Status. Der Zauberfaden ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet ist – auch wenn es das Ziel ist, sich wirtschaftlich weiterzuentwickeln. In der Nähwerkstatt sind 16 Personen beschäftigt. Das Kernteam setzt sich aus 25 ehrenamtlichen Mitarbeitern zusammen. Geschäftsführer sind Sükriye Döker und Dr. Matthias Römer, der sich ehrenamtlich engagiert.