Schorndorf

ZVW-Sommertour: Historische Führung durch Grunbach

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Hermann Kull führte die Leser bei der Sommertour tief in die Grunbacher Ortsgeschichte ein, hier beim Start vor der evangelischen Kirche. © Manz / ZVW

Remshalden-Grunbach. Bestes Wetter, gut gelaunte Zeitungsleser, eine anregende Führung und ein kundiger Ortshistoriker – mehr braucht es nicht für eine gelungene Sommertour. Bei einem Spaziergang in Grunbach erfuhren die 30 Teilnehmer viel über Kirchengeschichte, Mühlen und sie seltsame Gemeinschaft der Neukirchler. Nicht nur eingeborene Grunbacher waren daran interessiert.

Video: Mit Hermann Kull durch die Geschichte von Grunbach.

Bei der vom Museumsverein bewirteten Hocketse zum Abschluss kamen einige Teilnehmer richtiggehend ins Philosophieren. Sich mit der Geschichte zu beschäftigen, meinte einer, sei wichtig. „Man kann nicht vorwärtsgehen, ohne zu wissen, woher man kommt“, so seine Weisheit zum Tage. Sonst wisse man ja gar nicht, wo vorwärts ist. Der Mann stammt aus einer Familie von Kriegsflüchtlingen und ist jetzt Waiblinger. Die Grunbacher Geschichte hatte also wenig mit seinen eigenen Wurzeln zu tun. Aber, meint er, es sei ja auch gut zu wissen, von welcher Vergangenheit die Mitmenschen in der Umgebung geprägt sind.

Einer, der tief verwurzelt in Grunbach ist, ist Hermann Kull, der in einem Haus im alten Ortskern geboren und aufgewachsen ist. Heute erforscht der 76-Jährige zusammen mit seiner Frau die Geschichte seines Heimatortes. Für die Zeitungsleser bei der Sommertour begab er sich, so der Titel der Führung, auf die Spur „Von Müllern und Neukirchlern“.

Start zur Tour war an der evangelischen Kirche, genauer an dem barocken Brunnen, den jeder umfahren muss, der in Grunbach vom Ortskern aus Richtung Buoch bergauf oder andersherum unterwegs ist. Im 18. Jahrhundert, als der Brunnen und auch die ihn umgebenden Häuser gebaut wurden, hatte Grunbach seine „Blütezeit“, erklärt Hermann Kull den Sommertour-Teilnehmern. Der Wein war die wirtschaftliche Grundlage dieses Wohlstands: „Der Ort lebt vom Weinbau seit 1000 Jahren“, so Kull.

Der Krieg und ein Naturereignis als Vorboten der Apokalypse

Doch auf die Blütezeit folgte das 19. Jahrhundert, das mit verschiedenen Katastrophen begann, die nicht nur Grunbach, sondern ganz Europa veränderten. Einerseits sind da die die Napoleonischen Kriege zu nennen: „Nach einer langen Friedenszeit war das für die Leute ein gewisser Schock.“ 40 junge Grunbacher Männer mussten für Napoleon in den Russlandfeldzug und nur zwei kamen zurück und das auch noch invalide, so Hermann Kull.

1815 explodierte in Indonesien der Vulkan Tambora, Asche und Staub wurden in die Atmosphäre geschleudert und veränderten unter anderem in Westeuropa das Klima auf drastische Weise. 1816 gab es das „Jahr ohne Sommer“, in dem es im August schneite. Missernten, Hunger und Krankheiten waren die Folgen. Das Unglück, so Hermann Kull, kam gewissermaßen aus heiterem Himmel. Denn von dem Ausbruch des fernen Vulkans habe niemand erfahren. Stattdessen deuteten die Menschen, was sie erlebten, als Vorboten der Apokalypse. Prediger, die den Untergang prophezeiten, hatten großen Zulauf.

Konflikt mit der Amtskirche

Es war in dieser Zeit, als der Grunbacher Müller Johannes Knauer im Schwarzwald mit den Lehren von Jakob Wirz in Berührung kam. Dieser Seidenweber aus Basel wollte von Gott selbst seine Botschaften empfangen haben und fand in Deutschland viele Anhänger. Die Neukirchler, auch Nazarener genannt, verehrten Wirz als Propheten und lasen seine Schriften anstelle der Bibel. In Grunbach fing Johannes Knauer an zu predigen und zu taufen, es kam zum Konflikt mit der Amtskirche.

Die Neukirchler brauchten deswegen ihren eigenen Friedhof. Zu dessen etwas zugewucherten, rostigen und windschiefen Überbleibseln führte auch Hermann Kull die Sommertour-Teilnehmer. Die nötigste Pflege des historischen Orts übernimmt heute die Gemeinde, denn die Neukirchler sind in Grunbach ausgestorben. Jakob Wirz predigte nämlich auch absolute sexuelle Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit im Angesicht der nahenden Apokalypse – nur: Der Weltuntergang kam nie, und auch in Grunbach ging die Geschichte weiter ihren Gang und über die Neukirchler hinweg – obwohl zumindest die Wirz’sche Gedankenwelt noch nicht ganz ausgestorben ist und im Internet kursiert.

Neues über altes

Das alles und mehr wissen die Sommertour-Teilnehmer jetzt. Viele machten auch noch die Führung durchs Remshaldener Museum mit. Sogar alteingesessene Grunbacher erfuhren an dem Nachmittag durchaus Neues. Der Nazarener-Friedhof und seine Geschichte sind nämlich auch im Ort nicht allen bekannt. Empfehlenswert ist ein Spaziergang dorthin nicht nur wegen der Historie: Auch Natur und Landschaft in der Buchklinge am Grunbach sind sehenswert. Man kommt zum Friedhof über den Fußweg, der am Haus Nummer 19 (das sogenannte „Weiße Haus“, früher das Internat der Neukirchler) von der Staigstraße abzweigt.

Weitere Führung

Wer die Sommertour verpasst hat, muss nicht lange bis zur nächsten Führung von Hermann Kull warten: Am Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 11. September, unternimmt er einen von Museums- und Albverein veranstalteten Historischen Ortsrundgang. Start ist um 14.30 Uhr am Brunnen vor der evangelischen Kirche, das Thema: „Kirche, Weinbau, Keltern und Keller“.