Schorndorf

ZVW-Sommertour im Museumskeller der Gaupp'schen Apotheke

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Apotheker Peter Gamm (rechts) erzählt unseren Lesern die Geschichte von der Rettung der alten Gaupp’schen Apotheken-Einrichtung. © Habermann / ZVW
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Gift oder Medizin? Die Dosis macht’s. © Habermann / ZVW
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Getrocknete Kräuter bildeten die Basis für so manche Medizin. © Habermann / ZVW
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Naturprodukte werden auch heute noch in der Apotheke verwendet. © Habermann / ZVW
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Bücher, Schränke, Glasflaschen und mehr: Fast alle Relikte stammen aus dem Nachlass der Familie Gaupp. © Habermann / ZVW
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Heute geht das digital, früher mussten Apotheker viel Fingerspitzengefühl besitzen, um die richtigen Mengen abzuwiegen. © Habermann / ZVW
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Das Museum besteht aus zwei kleinen Räumen. Bei 20 Zeitungslesern wird es ganz schön eng. © Habermann / ZVW
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Pulverschiffchen gehörten zur Grundausstattung jeder Apotheke. © Habermann / ZVW
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Die Mitglieder der Familie Breuninger (Stichwort: Breuninger Areal) waren Stammkunden in der Gaupp'schen Apotheke. Im "Anschreib-Büchle" wurden ab 1879 alle Bestellungen der Breuningers festgehalten. © Habermann / ZVW
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Noch immer nennt man Apotheker scherzhaft "Pillendreher". Pillen wurden früher von Hand gefertigt. © Habermann / ZVW
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Fingerspitzengefühl und Apotheker-Waage. © Habermann / ZVW
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„Ob etwas Gift oder Medizin ist, darüber entscheidet die richtige Dosis.“ © Habermann / ZVW
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So sieht die Gaupp'sche Apotheke heute von außen aus. © Habermann / ZVW
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Gebäude-Ensemble am Oberen Marktplatz in Schorndorf um 1870. Links die Gaupp’sche Apotheke. © Habermann / ZVW
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Auch für Kinder gibt es in der Apotheke Führungen. Sie dürfen dann unter anderem eigene Cremes herstellen. © Habermann / ZVW
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Weithin berühmt: die „Schorndorfer Lakritzen“. © Habermann / ZVW
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Die Glasgefäße im oberen Regal sind bereits industriell hergestellt. Einige der Ausstellungsstücke jedoch wurden noch handgefertigt. © Habermann / ZVW
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Dosen, Gläser, Schalen und Becher - jede Menge Gefäße stapeln sich im Keller der Apotheke. © Habermann / ZVW
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Ein Verbandskasten. © Habermann / ZVW
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Peter Gamm ist Apotheker mit Leib und Seele. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Was für ein historisches Kleinod, das da im tiefen Gewölbekeller unter der Gaupp’schen Apotheke seine Geheimnisse darbietet! Prachtvolle Ladenschränke, Gläser, Mörser und getrocknete Kräuter geben Zeugnis von 300 Jahren lokaler Kultur- und Medizingeschichte. Kundiger Führer der Sommertour unserer gebannten Leser war der Apotheker Peter Gamm, der von Wissenswertem und Kuriosem rund ums „Pillendrehen“ erzählte.

Video: Peter Gamm führt Zeitungsleser durch den historischen Museumskeller der Gaupp'schen Apotheke

Manche ältere Schorndorfer können sich noch gut an sie erinnern. An Rosemarie Gaupp, eine eindrucksvolle, ja irgendwie noble Erscheinung, die mit herb-schöner Eleganz ihre Apotheke am Oberen Marktplatz führte. „Fräulein“ Gaupp, so wollte sie selbst genannt werden. Denn das war für sie keine bloß konventionelle Anrede für eine unverheiratet gebliebene, ältere Dame, sondern ein durchaus stolzer Adelstitel der eigenen Unabhängigkeit.

Dynastisch wurde denn auch die Apotheke seit 1773 von Generation zu Generation innerhalb der Familie weiter gegeben. Bis eben zu Rosemarie Gaupp, die nach ihrem Pharmaziestudium den Betrieb von 1949 bis 1986, fast vier Jahrzehnte, energisch leitete. Dabei lagen sich zwei traditionsreiche Konkurrenten, die Palm’sche und die Gaupp’sche direkt gegenüber, und gern würde man nachträglich wissen, was wohl bei den Schorndorfer Kunden den Ausschlag für die eine oder die andere Apotheke machte.

Kinderlos geblieben hat Rosemarie Gaupp gleichwohl ein schönes Erbe hinterlassen, nämlich viele historische Einrichtungsgegenstände und Utensilien aus dem angesammelten Fundus einer langen Apothekengeschichte. Und als Annette und Peter Gamm die Apotheke von den Kopmanns, die die Apotheke seit 1986 geführt hatten, 2009, als auch Frau Gaupp starb, übernahmen, „haben wir dafür gekämpft, dass diese Gegenstände in der Apotheke bleiben“, erzählt Peter Gamm, nicht ohne Stolz.

„Wir haben symbolisch einen Euro für das Inventar bezahlt und uns verpflichtet, dafür ein Museum einzurichten. Die Erben waren einverstanden.“

Und so wurde zwei Jahre sortiert und restauriert, der große Homöopathie-Schrank aus seiner Verschleppung in die Stadtgärtnerei befreit und das kleine Keller-Apotheken-Museum 2011 dann endlich eröffnet. Und dieser Keller ist viel älter als das Haus darüber, das erst 1667, nach dem großen Stadtbrand von 1634, erbaut wurde und dann seit 1689 als erste Apotheke, die des Georg Michael Palm beherbergte.

Ob etwas Gift oder Medizin ist, darüber entscheidet die Dosis

Und so steigt man denn vom heutigen Apothekenladen, der von einem supermodernen Lagerroboter in Minutenschnelle mit den gewünschten Medikamenten beschickt wird, hinab in die Unterwelt, die Vorgeschichte der gegenwärtigen Pharma-Industrie - und staunt.

Da ist zunächst die edle Gediegenheit der großen Arzneimittelschränke. Das strahlt sozusagen eine große Ordnung aus, mit dem Versprechen, dass da hinter der jeweiligen mütterlichen Schublade auch das passende Mittelchen gegen die körperlichen Malaisen vom Apotheker herausgezogen wird. „Apotheke“, das Wort könnte man frei als „in Behälter“ (theke) „weg“ (apo) verstaut übersetzen. Und dass die der heilung und Linderung dienen sollenden Substanzen nicht ungefährlich sind, darauf wies Apotheker Gamm eindringlich hin: „Ob etwas Gift oder Medizin ist, darüber entscheidet die richtige Dosis.“

Die richtig einzuschätzen, dazu dienen die vielen Apotheker-Waagen, die in der Lage sind noch Milligramme richtig anzugeben - bei entsprechendem Fingerspitzengefühl des Drogisten.

Und da kommt ein weiteres Erbe des Fräulein Gaupp hinzu, nämlich die besondere Aufmerksamkeit, die in der Gaupp’schen Apotheke seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auf homöopathische Mittel und Heilverfahren - bis heute - verwendet wird.

Die richtige Dosis der verschiedenen Tinkturen, die kann durch Verdünnen, oder eben durch homöopathisches De-potenzieren erreicht werden. Wobei in letzterem Fall nicht mehr die Materie einer Substanz, sondern sozusagen nur noch ihr „Geist“ zur heilenden Entfaltung gebracht werden soll. „Wer’s nicht glauben will“, sagt Peter Gamm ganz ohne missionarischem Eifer, „darf bei seinem Glauben bleiben.“ Überhaupt zeigt sich der Apotheker als ein den angeblichen medizinischen Fortschritten gegenüber skeptischer Zeitgenosse: „Was uns vor 200 Jahren als vernünftig erschien, ist von heute aus oft Humbug gewesen“. Vielleicht gilt das auch umgekehrt.

Mit einem Griff in eines der Regale holt Gamm alte, abgegriffene Manuale heraus. Darin sind handgeschriebene Rezepte enthalten. Für Euter-Salbe oder auch Brunft-Pulver. „Man sieht“, erläutert er historisch, „dass Schorndorf damals noch viel agrarischer war“. Auch für Tiere wurden Arzneien gemischt.

Kurios eine weitere schwarze Kladde. Es ist das sogenannte „Anschreibbüchle“ der bekannten Schorndorfer Fabrikantenfamilie Breuninger. „Das geht 1879 los“, zeigt Gamm amüsiert, „und zieht sich durch fast sieben Jahrzehnte“. Enthalten sind all die an die Familie des Stammkunden abgegebenen Medikamente, mit einem jeweiligen „Bezahlt“-Stempel am Ende des Monats. „Ein Mitglied der Familie war mal im Keller und fand es interessant, was seine Vorfahren so alles hatten.“ Das Apothekenmuseum als Archiv der medizinischen Ahnenforschung!

„Der Anteil von Hand hergestellter Arzneien wird immer kleiner.“

Aber nur nicht zuviel Nostalgie im Museum: „Der Anteil der von Hand vom Apotheker hergestellten Arzneien wird immer kleiner“, sagt Peter Gamm nüchtern und nimmt die Utensilien in die Hand, die seinem Berufsstand den Spottnamen „Pillendreher“ eingebracht haben. „Ich selber habe das nie gelernt“, bekennt er: „Es ist ein bisschen wie backen.“ Die Substanzen werden in einem Mörser angerührt. Dann wird die Masse mit einem Walzbrett auf einem Pillenbrett zu einem Strang gerollt, der in kleine Plättchen geschnitten wird, die dann mit einem Rollgerät zu runden Pillen gedreht werden. „Eine richtig schöne Handarbeit“, kommentiert Gamm, „und eine viele Jahrhunderte alte Tätigkeit, die noch bis in die 60er-Jahre ausgeübt wurde“.

Fast zu Ende gegangen wäre auch die Produktion der einst weithin berühmten „Schorndorfer Lakritzen“. Eine Erfolgsgeschichte, die vom in die Gaupp’sche Familie eingeheirateten Apotheker Christian Grünzweig 1840 begründet wurde. Diese beliebten Bonbons wurden höchst aufwändig über 160 Jahre hergestellt. Peter Gamm erinnert sich, wie er in seiner Schorndorfer Praktikantenzeit einmal bei der Herstellung dabei sein durfte. Aus den vier Zutaten Gummi arabicum, Süßholz, Zucker und Wasser wurde in einem „komplizierten“ Vorgang, „jedesmal Ausnahmezustand“, in einem großen Kupferkessel die Masse der Lakritzbonbons gekocht. Zwei Wochen Arbeit für 120 bis 150 Kilo Lakritze, die noch ein Jahr getrocknet werden musste und erst dann in die begehrten Döschen kam. „Aber mit allem, was man von Hand herstellt, verdient man nichts“, sagt der Geschäftsmann und der Enthusiast sagt: „aber es macht Spaß!“

Vorbild Friedrich II.

Um 1241 regelte das vom Stauferkaiser Friedrich II. erlassene „Edikt von Salerno“ (eine Medizinalordnung) die erste gesetzlich festgehaltene Trennung der Berufe von Arzt und Apotheker. Arzneimittelpreise wurden gesetzlich festgeschrieben, um Preistreiberei zu verhindern. Das wurde zum Vorbild der Apothekengesetzgebung in ganz Europa.