Schwaikheim

50 Jahre Bal Paré: Wie die Landjugend den Tanz in Schwaikheim am Leben hält

Tanz Tanzen Tänzer Symbol Symbolfoto
Symbolfoto. © pixabay.com/Bernard-Verougstraete

Am Samstag ist es wieder so weit: Bal paré der Landjugend in der Gemeindehalle in Schwaikheim. Seit 50 Jahren gibt es den, Jubiläum also. Eigentlich sei es ja schon 1971 losgegangen, mit dem Herbst- und Kirbetanz in der Radsporthalle, erinnert sich Lothar Schmid, der damals Anfang 20 war und mit Rose Mayer, später Böhringer, im Vorstand und Organisator, mittlerweile Birkenhof-Senior. Als dann im Jahr darauf die Gemeindehalle gebaut wurde, sei der Ball die erste Vereinsveranstaltung dort gewesen – und wohl auch die einzige, die bis heute dort überlebt hat. Das (launig gemeinte) Motto sei gewesen „Den Damen zur Freude, den Herren zur Qual, den ganzen Abend Damenwahl“. Aber gut, es habe zwischendrin auch mal Herrenwahl gegeben.

Die Remstal-Landjugend war ein paar Jahre vorher gegründet worden, sozusagen aus der Not heraus. Vorher gab es noch in so gut wie jedem Flecken eine eigene Landjugend. Mangels Nachwuchs wurden die Kräfte gebündelt, die Hauptorte waren und blieben Schwaikheim und Großheppach, mit dem Ball hier und dem Dorfabend dort, wobei Zweiter immer bewusst einfach gehalten wurde. Eine Auflage war, Sonntag morgens um 7 muss die Halle geräumt und gereinigt sein, da wartete also in der gleichen Nacht nach dem Vergnügen immer noch die Arbeit. Schmid erinnert sich auch noch, wie die Bands damals, eigentlich Combos, hießen. Sein Vater sagte, wenn es schiefgehe, müsse er sein „Rendle“ verkaufen, war also von der Idee nicht so begeistert. Aber sie seien gut rausgekommen.

Mit dem vollen Bus sogar aus Hohenlohe

Ja, und dann sei es ziemlich steil aufwärtsgegangen, der Ball bekam so einen Ruf, dass andere Landjugenden, von weither, unter anderem aus Hohenlohe, eigens in Bussen kamen. Die Devise war klotzen, nicht kleckern, der Aufwand, den sie betrieben, immer groß. Da wurden in alle Herrgottsfrüh zusammen mit dem Förster Bäume aus dem Wald geholt, um die Halle herbstlich zu dekorieren. „Bal paré“ heißt „geschmückter Ball“. Das nehmen sie nach wie vor ernst, stecken Herzblut rein, die Halle schick herzurichten, betont Leonie Hutt, heute eine der Macherinnen und Schmids Nichte. Die Bühne war einst mitten in der Halle, es wurde um sie herumgetanzt, rechts war der Weinstand, links die Bar.

Tja, auch das gab und gibt es noch bis heute: Lärmbeschwerden aus der Nachbarschaft, die Bühne kam ans Ende der Halle und sie bekamen die Auflage, die ganze Ausstattung nicht über den dortigen Hintereingang rein- und rauszubringen, was kürzere Wege und damit auch weniger Zeitaufwand bedeuten würde, sondern alles über den Umweg Haupteingang. Die beiden machen keinen Hehl daraus, dass das noch heute das große Problem sei, dass sich deshalb sogar die Frage stelle, wie lange die Veranstaltung noch stattfinden kann. Leonie Hutt verweist darauf, dass der eigentliche Anlass für den Ärger aber nicht der Ball selbst sei, sondern die Besucher, die am Ende nicht leise heimgehen oder gleich wegfahren, sondern ihre Feierlaune noch draußen weiter ausleben, nicht dran denkend, dass es um die Uhrzeit andere Leute gibt, die schlafen wollen. Es gab noch jemanden, der ziemlich unnachsichtig war, den damaligen Hausmeister, der ein Unikat gewesen sei, so Schmid. Der sagte, er erlaubt das Tanzen erst, wenn er den Boden vorher mit Pulver bestreut hat, damit der geschont, geschützt wird.

Es geht traditionell los mit „gepflegtem“ Standardtanzen

Die Showeinlage gibt es bis heute. Am Anfang waren es vor allem Volkstänze, heute treten extra Tanzgruppen auf. Wie das damals „funktionierte“, könne man sich heute gar nicht mehr vorstellen, so Schmid. „Völlig ohne Handy, vorher ein paar Treffen, es wurde alles mündlich ausgemacht und es klappte.“ War der Ball ein Vorläufer der späteren Discos? Na ja, am Anfang, also die ersten drei, vier Stunden wurde und wird „gepflegt“ getanzt, Standard, in „ballmäßiger“ Kleidung, später geht es ohne Band weiter, mit Musik vom Band, dann kommt die Jugend selbst dazu, nicht ganz so ballgemäß angezogen, was aber auch in Ordnung ist. Zum Jubiläumsball jetzt wird die Band länger spielen, dafür aber „in beide Richtungen“.

Ein „Kennzeichen“ des Balls ist auch die Verpflegung, die ist nämlich bestens und von der Landjugend selbst zubereitet, wobei Ältere und Ehemalige in der Küche tatkräftig mithelfen. Auch das hat zum Ruf beigetragen, so dass es Zeiten gab, wo sie die Halle ob des großen Andrangs schließen mussten, keinen mehr reinlassen konnten. „Gut besucht“ sei der Ball zwar noch immer, so Leonie Hutt, aber mittlerweile nicht mehr überfüllt. Sie verweist darauf, dass man es eben sei langem und nach wie vor aufteile, den Dorfabend in Großheppach im Frühjahr mit Aufführungen einer eigenen Theatergruppe und den Ball in Schwaikheim Herbst.

Was ist heutzutage mit der Landjugend? Also, sie seien so 30 bis 40 Aktive, mit Vorstand und Ausschuss, vor allem aus dem unteren Remstal. Früher hieß es „Kreislandjugend Waiblingen“, die Backnanger, der Altkreis dort hatte schon immer eine eigene Gruppe, auch Fellbach und Gmünd. Klar seien die Mitglieder am Anfang noch überwiegend der Nachwuchs der Landwirte gewesen, wobei der schon immer seine Freunde und Freundinnen zu den Veranstaltungen mitgebracht habe, der Anteil sei aber geringer geworden und nehme immer weiter ab. Aber es gebe viele, deren Eltern und Großeltern schon dabei waren, „wir sind immer noch eine große Familie“, so Leonie Hutt. Heute locke vor allem das angebotene Tanztraining an.

Bei der Landjugend haben wirklich die Jungen das Sagen

Natürlich, wenn man den Namen Landjugend wörtlich nehme, wachse man da irgendwann raus, so Schmid: „Aber zu den Veranstaltungen geht man später immer noch.“ Er selbst habe als 20-Jähriger damals viel gelernt bei der Landjugend. Verantwortung tragen, organisieren, entscheiden, vorne hinstehen und zu vielen Leuten reden. Das Besondere sei hier, dass Junge im Vorstand sind, das Sagen haben, bei anderen Vereinen seien das eben die Alten oder zumindest die Älteren. Sie sei mit ihren 27 fast die Älteste im Ausschuss, bestätigt Leonie Hutt, „der Jüngste dort ist 17“. Durch Corona habe es einen Generationswechsel gegeben, viele seien jetzt zum ersten Mal überhaupt dabei, nachdem zwei Jahre lang nichts ging. Es brauche eben immer Leute, die Lust haben, das weiterzuführen, es gerne machen. Und Idee haben, wie zum Beispiel ein Volleyballnachtturnier in Ulm.

Noch mal der Vergleich mit Discos, ist die Landjugend, der Ball auch eine „Partnerbörse“, ein Vorläufer der heutigen Datingplattformen? „Oh ja“, bestätigen beide schmunzelnd, es gebe ja nicht umsonst den Spruch, das sei der Heiratsmarkt der Landwirtschaft. Auf einem der Bälle habe er ja einst selbst seine Frau kennengelernt, so Schmid. „Bauer sucht Frau“ aber findet er nur hirnrissig, peinlich. Immerhin sei das so lächerlich, dass sie daraus Parodien gemacht haben, so Leonie Hutt. Apropos Dating übers Internet. Sie hätten keine Nachwuchssorgen, weil sie eben auch auf Facebook, Instagram, Tik Tok unterwegs sind, mit der Zeit gehen müssen, sich fragen, auf was die Jungen von heute Lust haben. „Wir haben gerade sehr viele Junge, die nächste Generation kommt.“ Der Reiz sei eben das Gruppenerlebnis und das Arbeiten in der Gruppe, die Jungen kämen so leicht ins Vereinsleben rein, meint Schmid. Manche sagten aber auch, sie wollten mit dem üblichen Vereinsleben nichts zu tun haben, die kämen eben vor allem zum Tanzen, ergänzt seine Nichte. Ihre Mutter, seine Schwester, hat ihren Mann übrigens auch durch die Landjugend kennengelernt.

Alleine dass der Ball 50 Jahre „überlebt“ hat, zeige doch dessen Wert, Qualität, findet Schmid: „Welche Veranstaltung sonst hat es denn über so einen langen Zeitraum geschafft, die Halle zu füllen?“ Das Ambiente sei eben wichtig, der große Reiz für viele, meint Leonie Hut. Gibt es eigentlich, wie sagt man heute, „Dresscode“? Na ja, extra schick machten sich durchaus diejenigen, die zu Beginn zum Standardtanzen kommen, „gehoben“, das passe auch zum Essen als Begriff.

Enormer Damenüberschuss

Noch eine Besonderheit: Die Geschlechterverteilung, mit etwa 80 Prozent Anteil herrscht ziemlicher Damenüberschuss. Ja, er habe da immer den ganzen Abend tanzen müssen (oder dürfen, je nachdem), weil die Frauen immer auf der Tanzpartnersuche gewesen seien, bestätigt Schmid lachend: „Es war also nicht immer Qual.“ Einer seiner „Leidenskollegen“ habe immer gleich drei Hemden dabeigehabt, die nacheinander an dem Abend durchgeschwitzt.

Vor einigen Jahren habe er mal zum Bürgermeister gesagt, eigentlich wäre es doch an der Zeit, der Landjugend als Anerkennung, dass sie auf ihre Weise, mit dem Ball, Schwaikheim weithin bekannt gemacht habe, die Halle ihr dafür kostenlos zur Verfügung zu stellen, einmal im Jahr.

Am Samstag ist es wieder so weit: Bal paré der Landjugend in der Gemeindehalle in Schwaikheim. Seit 50 Jahren gibt es den, Jubiläum also. Eigentlich sei es ja schon 1971 losgegangen, mit dem Herbst- und Kirbetanz in der Radsporthalle, erinnert sich Lothar Schmid, der damals Anfang 20 war und mit Rose Mayer, später Böhringer, im Vorstand und Organisator, mittlerweile Birkenhof-Senior. Als dann im Jahr darauf die Gemeindehalle gebaut wurde, sei der Ball die erste Vereinsveranstaltung dort

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper