Schwaikheim

Ententeich in Schwaikheim: Nabu zählt einmal im Winter die Wasservögel

William Patrick und Horst Schlüter von NABU bei der Wasservögelzählung
Mit den Ferngläsern brauchen Schlüter (l.) und Patrick nicht so nahe ran, dass sie die Tiere womöglich verscheuchen. © Benjamin Beytekin

Keine Hektik ist die Devise am Ententeich im Freizeitzentrum. Die Wasservögel dort haben offensichtlich keine Ahnung, was „Wochenende“ heißt oder Samstagvormittag. Wahrscheinlich ist der halbe Flecken der Zweibeiner jetzt am Einkaufen oder irgendwas am Putzen, Reparieren, Sporteln, auf jeden Fall am Machen. Kein Mensch ist da, kein Kind, keine Mama am Spielplatz, kein gassigehender Vierbeiner, der meint, er müsse mal seinen Jagdinstinkt ausleben, das nasskalte Wetter ist eh nicht verlockend. Aber Wasservögel sind abgehärtet, auch das dürfte sie kaum jucken. Die Tiere liegen ruhig am Uferrand und nur wenn sich ein zweibeiniger Störenfried nähert, den Sicherheitsabstand unterschreitet, flüchten sie aufreizend gemächlich in den Teich und ziehen sich auf die kleine Insel zurück. Auf der anderen Seite steht ein Reiher bis zu den Knien im Wasser, der braucht offensichtlich auch keine Badewassertemperatur.

Graureiher zählen zu den „Schreitvögeln“

So weit der Blick des Laien, denn nun naht Horst Schlüter vom Winnender Nabu, begleitet von William Patrick. Vogelexperte Schlüter sieht mehr – und hört auch mehr. Also erst mal Aufklärung: Der stehende Graureiher gehöre zu den sogenannten „Schreitvögeln“, die überwiegend am Wasser lebten, seien es Flüsse, Seen, Bäche oder Meere.

Zwischen lauter Stockenten auch eine Mandarinente

Schlüter hat auch schon eine auffällige, hübsche (mit Menschenaugen gesehen), mit kräftigen Farben gefiederte Mandarinente ausgemacht. „Vermutlich ausgesetzt“, meint er und fügt gleich an, die sei aber nicht invasiv, verdränge also keine einheimischen Arten, im Gegensatz zur Nilgans, von der so viel die Rede sei. Die Mandarinente sticht heraus, weil hier so viele deutlich wenig farbige Stockenenten sind, 20 bis 30 Exemplare, schätzt Schlüter auf den ersten Blick, dazu vier bis sechs Teichhühner (Rallen).

Er und Patrick wollen es aber genau wissen. Die beiden und Axel Prehl machen nämlich immer Mitte Januar arbeitsteilig eine Wasservogelzählung, nicht nur an den Schwaikheimer Ententeichen, sondern auch an vier Abschnitten der Murr, an den Buchenbachbrücken in Leutenbach, am Buchenbach in Winnenden zwischen Feuerwehrgerätehaus und Edeka und von Birkmannsweiler bis zur Berglener Kläranlage beim Erlenhof, am Zipfelbach, am Rotbach, an den Teichen beim ehemaligen, renaturierten Weilermer Steinbruch, im Winnender Schlosspark, am Stiftsgrundhof und an den Gewässern in der Höllachaue. Auch an der Rems werden Wasservögel gezählt, ebenso an den großen Seen und Flüssen wie Neckar, Donau, Rhein beziehungsweise dort hat es eigentlich vor rund 15 Jahren damit angefangen.

Alleine an der Murr sind fast 14 Kilometer Uferstrecke abzulaufen

Im Raum Winnenden zählen sie sozusagen extra, separat von der deutschlandweiten Wintervogelzählung. Anfangs waren sie noch in Gruppen unterwegs, sozusagen offiziell, im Jahreskalender des Nabu angeboten, aber das erwies sich in der Praxis auf Dauer als schwierig durchzuziehen. Auch für sie als „Einzelkämpfer“ ist und bleibt es aber zeitaufwendig, die Ufer der Flüsse abzulaufen. Schlüter zum Beispiel braucht für seine Strecken etwa drei Tage mittlerweile, an der Murr alleine sind es für ihn zwischen zwölf bis 14 Kilometer, immer mit Fernglas, Notizheft ausgerüstet und meist in Gummistiefeln unterwegs.

Männchen, Weibchen und Junge werden getrennt gezählt

Männchen und Weibchen werden getrennt gezählt, wobei die Unterscheidung bei Stockenten leicht ist. Ja, schon klar, bitte keine blöden Männerwitze an der Stelle, ist nun mal einfach so: Bei dieser Art sind die Männchen auffälliger, die Weibchen unscheinbar. Auch Junge und ausgewachsene Tiere erfassen sie getrennt. Wobei heute keine Jungvögel am Ententeich zu sehen sind, selbst Schlüter erspäht keinen.

Eisvogel kommt gelegentlich vorbei und lockt Publikum an

Dort lässt sich aber sonst gelegentlich der ebenfalls optisch sehr auffällige Eisvogel blicken. Ob das der gleiche ist, der in Leutenbach am Buchenbach eine weitere Querung für landwirtschaftliche Fahrzeuge in der Bachaue vor Weiler zum Stein so hartnäckig „verhindert“ hat? In Schwaikheim dagegen, erzählen Schlüter und Patrick, ist „Alcedo atthis“ so willkommen, dass Leute extra herkommen, um ihn zu beobachten. Und heute sind gleich acht Teichhühner hier, das sei vergleichsweise viel. Schlüter vermutet, dass der Grund ist, dass die dort reichlich Futter finden.

Im Winter ist es übersichtlicher, leichter zu zählen

Warum wird im Winter gezählt? Die Bestände seien da übersichtlicher, insbesondere Wasservögel, weniger mobil, weil an Gewässer gebunden, seien dazu besser systematisch zu erfassen, auch weil sie da gut sichtbar seien, erklärt Schlüter. Die Zahlen werden dokumentiert und zentral zusammengeführt. Er hat bereits in den 70er Jahren damit begonnen, am Neckar, kommt so „auf mindestens 50 Jahre“ Erfahrung, erinnert sich an Phasen, wo die Entenbestände am Bodensee regelrecht explodiert seien.

Den Grund für den Rückgang der Stockenten kennt auch Schlüter nicht

Im Raum Winnenden wird seit 2008 gezählt, es schwankt, je nach Jahr, zwischen 80 und 150 Stockenten. Der Trend? Es komme auf die Art an, bei den Stockenten sei der Bestand rückläufig, bei den Moorenten andernorts gar dramatisch zurückgegangen. Die Zahl der Graugänse dagegen habe im süddeutschen Raum massiv zugenommen. Die Mandarinenten – bei denen es mit der geschlechterspezifischen Schönheitsverteilung ähnlich sei wie bei den Stockenten – seien, weil sie sehr zutraulich sind, als Parkvögel mittlerweile beliebt. Warum die Stockenten zurückgehen, könne er sich nicht erklären, wäre Spekulation, an den Nilgänsen liege es aber sicher nicht, so Schlüter. Vielleicht seien übertragbare Krankheiten schuld, die Exemplare dieser Entenart lebten ja dicht beieinander.

Er räumt auch ein, dass die Zählungen eigentlich zunächst Schätzungen sind, denn Doppelzählungen könnten nicht ausgeschlossen werden, „über lange Zeit gleicht sich das aber aus“. Schlüter muss Vögel aber nicht unbedingt sehen, um zu wissen, dass sie da sind, weil er sie auch an ihren Rufen erkennt. Prompt horcht er auf: Offenbar ist ein Eisvogel in der Nähe. „Der ist leichter zu erhören als zu entdecken, weil er sehr schnell unterwegs ist.“

Zahlen werden auf der Website „Naturgucker“ eingepflegt

Die Zahlen, die sie sammeln, werden auf der Website „Naturgucker“ eingepflegt. Der Raum Winnenden hat dafür alleine zwischen 40 und 50 „Segmente“, die auch Pflanzenarten beinhalten. Auch über die Homepage des Winnender Nabu gelangt man auf sie. Für Patrick hat das Ganze noch einen weiteren Vorteil: Er schaut sich die Daten immer für sein Urlaubsgebiet an, bevor er dorthin reist. Dort auf der faulen Haut liegen, das ist nichts für ihn.

Keine Hektik ist die Devise am Ententeich im Freizeitzentrum. Die Wasservögel dort haben offensichtlich keine Ahnung, was „Wochenende“ heißt oder Samstagvormittag. Wahrscheinlich ist der halbe Flecken der Zweibeiner jetzt am Einkaufen oder irgendwas am Putzen, Reparieren, Sporteln, auf jeden Fall am Machen. Kein Mensch ist da, kein Kind, keine Mama am Spielplatz, kein gassigehender Vierbeiner, der meint, er müsse mal seinen Jagdinstinkt ausleben, das nasskalte Wetter ist eh nicht verlockend.

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