Nach Not-OP: Wie sich Emily (10) aus Schwaikheim mit großem Willen zurückkämpft
Schwaikheim. Emily ist ein aufgewecktes, lebhaftes Mädchen. Wer die Zehnjährige zum ersten Mal erlebt, kommt eigentlich nicht von selbst drauf, dass sie schon einiges hinter sich hat und noch viel vor sich, auf einem schweren Weg - und mit ihr Zwillingsschwester Leni und die Eltern Sarah und Sven Kollartschik.
Bei Emily wurde vor knapp sechs Jahren ein bösartiger Gehirntumor festgestellt. Eine Schockdiagnose und seitdem sei nichts mehr im Leben der Familie Kollartschik, wie es einmal war, schreiben Claudi und Stephan Veit aus Korb, enge Freunde der Familie, er sogar Trauzeuge des Paars. Die beiden haben auf der Crowfunding-Onlineplattform „Gofundme“ (zu finden unter „Ein Stück Freiheit für die zehnjährige Emily Kollartschik“) eine Spendenaktion gestartet. Bislang (Stand: 3.3.) sind über diese fast 37.000 Euro zusammengekommen.
Hirntumor kehrte zurück, Not-OP rettete ihr das Leben
Warum sind Spenden nötig? Emily wurde nach der Diagnose operiert, bekam Chemotherapien und Bestrahlungen. Der Tumor wuchs aber erneut, sodass sie im April 2023 noch mal operiert werden musste. Mit dem vermeintlichen Wunder als Ergebnis, so Veits: Das MRT zeigte keine Krebszellen mehr, sie war also scheinbar tumorfrei, geheilt, alle Medikamente konnten abgesetzt werden. Doch die Hoffnung trog. Drei Monate später brach Emily plötzlich zusammen. Der Tumor war zurückgekehrt und hatte eine schwere Hirnblutung ausgelöst. Eine Notoperation rettete ihr Leben. Drei Tage später wachte sie auf - und „die Welt war eine andere“, berichtet das Freundespaar weiter. Emily war rechtsseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Mit viel Fleiß und Disziplin bei herkömmlicher Physiotherapie und Ergotherapie und natürlich der Unterstützung ihrer Familie kämpfte sie sich in kleinen Schritten zurück. Im vergangenen Jahr aber erfolgte ein regelrechter Durchbruch: Emily macht nämlich dank einer robotergestützten Ergotherapie unglaubliche Fortschritte.
Diese Therapie funktioniert so gut, weil sie individuell auf Emily zugeschnitten ist, erklärt ihr Vater. Seit rund einem Jahr sei wieder alles stabil bei ihr, sie erhole sich nach und nach sichtlich. Zwei Mal im Jahr fährt ihre Mutter mit ihr für jeweils zwei Wochen nach Regensburg. Dort erwartet das Mädchen ein intensives Trainingsprogramm, zwei Mal vier Tage am Stück über jeweils vier Stunden - zusätzlich zur übers Jahr fortzusetzenden Krebstherapie in Heidelberg. Sie haben lange nach einer wirksameren Ergotherapie gesucht, der entscheidende Tipp kam von der Physiotherapeutin.
Krankenkasse: Diese Therapie sei medizinisch nicht notwendig
Das große Aber bei dieser Erfolgsgeschichte: Die Krankenkasse zahlt, obwohl die Effektivität dieser hochmodernen Therapie nachgewiesen ist, sie nicht. Begründung von deren medizinischem Dienst: Sie sei medizinisch nicht notwendig. Die Heilungserfolge bei Emily könnten auch durch herkömmliche Therapien erzielt werden - die eben deutlich günstiger sind. Das sehen Emilys Eltern aber ganz anders und mehreren Gutachten von verschiedenen Seiten, unter anderem die Universitätsklinik Heidelberg haben ihnen das auch bestätigt. Der Fortschritt sei sogar messbar, zählbar, nämlich bei den Schritten mit dem Laufroboter, die sie mittlerweile am Stück ohne Pause bewältigt, so Sven Kollartschk.
Die Krankenkasse hat Anträge auf Kostenübernahme mehrmals abgelehnt, berichtet Sarah Kollartschik. Nur beim ersten Mal habe die gezahlt, weil sie die Frist fürs rechtzeitige Nein versäumt habe. Die Eltern haben den Ablehnungen jeweils widersprochen. Sie gehen davon aus, dass der Streit mit der Krankenkasse, die bislang bei ihrem Standpunkt bleibt, letztlich wohl vor dem Sozialgericht landet. Emily hat die Therapie zwei Mal wiederholt, die Kosten belaufen sich jährlich auf etwa 14.000 Euro. Auf der Spendenplattform ist als Ziel 40.000 Euro angegeben. Laut ihr sind mittlerweile also 92 Prozent erreicht. Das hätten sie niemals erwartet, dass da so viel Geld zusammenkommt, so die Eltern überaus froh und dankbar für die Unterstützung. Unter anderem haben Kollegen von Sarah Kollartschiks Firma viel gespendet, enorm auch Handball-Kameraden von Sven Kollartschik aus Oeffingen. Natürlich auch die ganze Verwandtschaft.
Die Familie kann die Kosten nicht mehr alleine tragen
Doch eigentlich gibt es gar keine Obergrenze, das System der Plattform setze die automatisch, von sich aus, erklärt Sven Kollartschik. Die 92 Prozent, die suggerieren, 100 Prozent und damit das Ziel seien bald erreicht, sind also etwas irreführend. Die Eltern wollen Emily die Therapie so viele weitere Jahre ermöglichen, so lange diese sie braucht. Sie hilft Emily, ihre Beweglichkeit zu verbessern, damit ihre Selbstständigkeit zurückzugewinnen und damit letztlich ein weitgehend normales Leben zu führen, mit der Chance auf eine Zukunft mit nur noch minimalen Einschränkungen. Das könne aber nur gelingen, wenn die Therapie weiter zweimal jährlich wiederholt wird. Der Haken dabei: Die Familie kann die Kosten nicht mehr alleine tragen. Deshalb der Spendenaufruf ihrer Freunde.
Aber nicht nur wegen der Therapie müssten sie sich herumzanken, seit April zum Beispiel für ein Therapierad. Mittlerweile wurde der Antrag genehmigt, aber ohne die benötigte Anfahrtshilfe. „Selbst bei einfachen Einlagen geht es nicht ohne Hin und Her“, berichtet die Mutter. Am Anfang war Emily mit ihrer Mama bei einer stationären Therapie in der Nähe des Bodensees, die wochenlange Trennung von ihrer Zwillingsschwester setzte ihr zu. Zudem sei dort auch gar nicht das gemacht worden, worauf es angekommen wäre. Das haben Kollartschiks später, als sie vergleichen konnten, festgestellt. Der Unterschied der neuen Therapie mit Robotern zu dieser „alten“, herkömmlichen, sei unglaublich. Dazwischen lägen Welten.
Sie musste erst wieder lesen lernen
Wie sieht denn Emily selbst das Ganze? Das Mädchen „gesteht“ ohne Scheu, na ja, sie habe halt nicht mehr so viel Kraft drin im rechten Arm. Auch ihre Hand, ihre Finger dort seien nicht richtig stark. So selbstbewusst und geistig voll auf der Höhe sie wirkt, ihr Papa blendet da etwas zurück: Nach dem „Vorfall“ wie er es ausdrückt, habe sie kognitive Ausfälle gehabt, konnte nicht mehr lesen, das Sprechen sei ihr schwergefallen.
Mittlerweile hat die Viertklässlerin das alles allerdings wieder gelernt, sich so mächtig zurückgekämpft, dass sie sogar eine Grundschulempfehlung fürs Gymnasium hat. Sie wird die aber „sausen“ lassen, nämlich an der heimischen Ludwig-Uhland-Schule bleiben, dort die Gemeinschaftsschule besuchen. „Das passt besser für sie“: Papa und Mama wollen sie vor zu großem und zu frühem Druck schützen. Sie sich selbst auch, damit sie genug Zeit für ihre vielen Sporthobbys hat. Sie hat früher Handball gespielt, auch Tennis, heute sind es Tischtennis und Fußball, sie war auch mit ihrer Schwester in der Tanzgarde der „Salathengste“ in Waiblingen, auch von dort sind viele Spenden gekommen.
Emily war Rechtshändern, jetzt schreibt sie mit links
Emily war Rechtshänderin, hat mittlerweile, nach täglichem hartem Training mit der Mama auf links, „umgesattelt“. Sportler wissen, was da dazugehört, um nur annähernd wieder so gut zu werden wie vorher. Sie stehe nur dank ihrem eisernen Willen heute so gut da, erzählt ihr Vater gerührt. Ja, das sei schon fast unmenschlich, „was wir von ihr verlangen“, räumt die Mutter ein. Schon gut, meint die Tochter, aus ihrer Sicht ist von viel Wichtigerem bislang noch gar nicht die Rede gewesen: Sie hat bei der Therapie in Regensburg eine deutlich ältere Freundin gefunden, Anke, die einen Schlaganfall hatte: „Wir haben uns gegenseitig unterstützt“. Außerdem würden die Therapeuten dort sich immer auch auf ihren Kuschelpanda Lilly freuen.






