Schwaikheim

Schwaikheim: Darum schließt der Getränkemarkt Kastner nach nur zwei Jahren

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Kastner verlässt zwar mit dem Betrieb Schwaikheim, wird aber weiterhin dort Getränke ausliefern. © speiser

Am Dienstagmorgen deutet noch nichts beim Getränkemarkt Kastner an der Ludwigsburger Straße darauf hin, dass er in wenigen Tagen, am Samstag, zum letzten Mal geöffnet hat. Weder ist noch wird ausgeräumt, noch verkündet irgendwo ein Aushang, dass es mit dem Standort zu Ende geht. Stattdessen wird draußen nach wie vor mit dem Slogan „Fahr mit mir den Mehrweg“ geworben und darüber informiert, dass kein Einwegleergut angenommen wird.

Die Entscheidung zur Schließung sei ja erst gerade und spontan gefallen, nachdem er wochenlang mit sich gerungen habe, erklärt Hans-Peter Kastner beim Vor-Ort-Termin, zu dem er vom neuen Standort in Birkmannsweiler herübergekommen ist. Er wird den Bestand nicht dorthin schaffen, sondern versuchen, ihn soweit wie möglich bei einem Schlussverkauf loszubekommen. Am Donnerstag gibt es auf alle Getränke 20 Prozent, am Samstag 30 Prozent Rabatt. Der Transport in den Nachbarort würde ihn schließlich auch Geld kosten und außerdem sollten die Schwaikheim noch etwas davon haben, so Kastner.

Gerüchte, dass er dichtmacht in Schwaikheim, gab es allerdings seit einiger Zeit. Er verweist dazu vor allem auf die geplante Umgestaltung der Ludwigsburger Straße ab Herbst kommenden Jahres, inklusive vermeintlichen Wegfalls der Stellplätze, die auf dieser Seite des Ladens liegen. Die Gemeinde gehe von einer einjährigen Baustelle aus, man wisse aber aus Erfahrung, dass daraus leicht anderthalb Jahre oder mehr werden könnten, meint Kastner. In dieser für seinen Betrieb langen Zeit werde die Straße, über die seine Kunden, wenn sie mit dem Auto kommen, was bei einem Getränkemarkt vorkommen soll, mithin schlecht oder gar nicht befahrbar sein. Das sei diesen nicht zuzumuten und für den Betrieb wirtschaftlich nicht tragbar.

Er verweist auch auf die Baustelle am Kreisverkehr während der Arbeiten am neuen Edeka-Markt, die zu erheblichen Umsatzeinbußen, bis zu 80 Prozent, geführt habe. Auch die Neugestaltung der Straße, mit Pflasterbelag, Fahrbahnverengung samt Verkehrsberuhigung wäre sicher nicht geschäftsfördernd, ist Kastner sicher. Er sehe also keine Chance, den Markt nach der Bauzeit wieder zum Laufen zu bringen. Grundlage für das Überleben eines Getränkemarkts sei nun mal, dass er für Kunden gut anfahrbar ist.

Dass Sanierung und Verkehrsberuhigung kommen, war seit langem bekannt

Aber dass mit der Ludwigsburger Straße „irgendwann einmal was passieren“ würde, das muss er doch gewusst haben, oder? Schließlich ist das seit vielen Jahren im Gespräch, war klar, dass es mit der unechten Einbahnstraße (die auch nicht gerade hilfreich sei, so Kastner) nicht getan sein werde, sondern dass es weitergehen wird. Außerdem wurden verschiedene Entwurfspläne öffentlich vorgestellt, der, der umgesetzt wird, öffentlich beraten und beschlossen. Die Frage ist allerdings auch, ob ihn bereits bei oder besser noch vor der Übernahme des Ladens jemand entsprechend hätte informieren müssen – und wer.

Kastner verweist dazu darauf, dass er vor der Eröffnung mit „Teilen des Gemeinderats“ gesprochen habe, dabei diesen sein Konzept vorgestellt habe. Damals sei es noch um das Ende der beidseitigen Befahrbarkeit der Straße gegangen. Auf seine Frage hin, ob denn noch Weiteres an Verkehrsberuhigung geplant sei, sei die Antwort „Nein“ gewesen. Mit seiner Vermieterin habe er später, Anfang des Jahres, einen Termin im Rathaus gehabt. Was er da erfahren habe, sei für ihn „schockierend“ gewesen, vor allem das mit der „Wegnahme“ der Stellplätze, die offenbar einem Aufenthaltsbereich mit Sitzgelegenheiten zum Opfer fallen sollen. Also beides zusammen, Baustelle über lange Zeit und dann diese Umgestaltung, das sei zu viel. Er habe damals betont, dass diese Planung „für uns existenztötend“ sei, und die Bürgermeisterin Astrid Loff vor Ort eingeladen. Die sei auch tatsächlich gekommen, habe sich mit ihm alles angeschaut und Vorschläge gemacht für eine Nachnutzung, etwas als Drogeriemarkt (Schutz des nahen Edeka) oder als neuer Standort für den Polizeiposten oder die Gemeindebücherei. Da sei für ihn klargeworden, dass der Getränkemarkt in Schwaikheim keine Zukunft habe, sondern dass die Gemeinde vor allem Interesse am Gebäude habe.

Könnte es aber nicht auch sein, dass er den Standort aufgibt, weil er nicht wirtschaftlich ist? Kastner widerspricht. Sie seien sehr zufrieden, wie der Markt, den er damals aus der Insolvenz des Vorgängers übernommen habe, laufe. Er sagt, dass der Betrieb das erste halbe Jahr kostendeckend gewesen sei, dann habe es einen „kleinen Knick“ gegeben durch die Baustelle am Kreisverkehr in der Ortsmitte. Zur „ganzen Wahrheit“ gehört aber auch, dass Kastner einen Mietvertrag hat, der über fünf Jahre läuft, vor zwei Jahren erst hat er den Markt in Schwaikheim eröffnet, der Vertrag läuft also noch drei Jahre, und wie er ebenfalls einräumt, kommt er bislang nicht aus diesem raus, hätte also die Mietkosten, wenn sich daran und an der Nutzung des Gebäudes nichts ändert, noch bis zum Auslaufen des Vertrags zu tragen.

Refinanzierung der Investition sei über zehn Jahre hinweg geplant gewesen

Er betont, es geht ihm vorrangig nicht um wirtschaftliche Interessen, er sei einfach enttäuscht, habe hier immerhin rund 150.000 Euro investiert, unter anderem in neue Regale, Personal aus dem Ort eingestellt, eingearbeitet, und die Refinanzierung der Investition sei auf zehn Jahre angelegt gewesen. So wie es nun aber geplant sei, mit diesem ganzen „Hickhack“, fehle ihm und seinen Leuten die Motivation weiterzumachen, auch nicht wenigstens noch bis zum Beginn der Bauarbeiten. „Ich sehe hier keine Perspektive mehr für uns.“ Wichtig sei für ihn, dass er alle Mitarbeiter für den Standort in Birkmannsweiler übernehme, es werde also niemandem gekündigt. Weitergehen werde es auch mit dem Lieferservice in Schwaikheim, aber künftig eben von Birkmannsweiler aus, verspricht Kastner, dessen Firmenstammsitz in Stuttgart-Vaihingen ist.

Die Frage, ob es denn nicht einfach so sei, dass er wegen Birkmannsweiler nun Schwaikheim aufgibt, beantwortet Kastner ohne Zögern mit „Nein, im Gegenteil“. Das könne man schon daran erkennen, dass er ja wegen Birkmannsweiler, also dem neuen, zusätzlichen Standort, extra einen Marktleiter für Schwaikheim eingestellt habe, als klar gewesen sei, dass das Büro und der Lieferservice umziehen werden. „Aber ich kann mit Enttäuschung und auch Wehmut keinen Laden weiterführen.“

Der alte Netto-Standort wäre völlig ungeeignet

Sein Eindruck sei, dass die hiesige Kommunalpolitik vor allem den neuen Edeka und den neuen Netto im Auge habe, „die müssen überleben, das geht vor“, alle anderen zählten wenig bis nichts. Er macht das kopfschüttelnd unter anderem an der „Idee“ fest, er könne doch in den von Netto aufgegebenen Standort umziehen: viel zu klein, nicht barrierefrei und vor allem doch ebenfalls an der Ludwigsburger Straße gelegen. „Ich gehe ja wegen der Baustelle, die dort kommt, weg.“ Für ihn gehe es um die Existenz, damit um insgesamt 21 Arbeitsplätze. „Ich kann dieses Risiko nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“ Sie hätten es schließlich geschafft, trotz Pandemie den Laden mit Gewinn zu betreiben. Er müsse nun alles dransetzen, den Laden in Birkmannsweiler zum Laufen zu bringen.

Wenn er höre, dass die geplante Verkehrsberuhigung auch dem Einzelhandel helfen solle, frage er, wo es diesen an der Ludwigsburger Straße, bis auf ganze wenige Ausnahmen, überhaupt noch gebe. Ein Getränkemarkt lebe nun mal von Kundschaft, von Frequenz, die werde von einer Verkehrsberuhigung sicher nicht belebt, der werde damit also nicht geholfen. Niemand wolle Getränkekisten über lange Strecken schleppen.

Er und seine Mitarbeiter müssten sich zudem weiteren Herausforderungen stellen. Es gebe Lieferengpässe durch die Knappheit von Glas und weil die Getränkehersteller während der Pandemie, wegen der Unsicherheit, wie es weitergeht, natürlich kaum investiert hätten. „Früher hatten wir Lieferprobleme im Juni, Juli, jetzt gab es schon welche im Frühjahr.“ Aber verdursten müsse in Deutschland natürlich niemand. Die Auswahl bei allen Getränkearten und -sorten sei ja riesig, der Markt hierzulande übersättigt.

Bürgermeisterin widerspricht: Stellplätze werden nicht „weggenommen“

Bürgermeisterin Dr. Astrid Loff bestätigt auf Nachfrage die geplante Verkehrsberuhigung der Ludwigsburger Straße (vom Kreisverkehr bis zum Eiscafé sieben km/h, danach beziehungsweise davor 20 km/h). Auf diese werde seit vielen Jahren von den Anwohnern gedrängt. Dass die Stellplätze vor dem Getränkemarkt „weggenommen“ werden sollen, stimme nicht. Es habe im Zuge der geplanten Verkehrsberuhigung Gespräche mit den Hauseigentümern gegeben zu deren Bereitschaft, Stellplatzflächen zu verkaufen, von Seiten der Besitzerin des Getränkemarkt-Gebäudes gebe es diese nicht. Ob und welche Bereiche der Straße einen Pflasterbelag bekommen, stehe noch gar nicht fest, weil die endgültige Planung vom Gemeinderat noch beraten und auch Inhalt einer Bürgerbeteiligung sein werde. Zur Sanierung der Straße gebe es einen entsprechenden Beschluss des Gemeinderats, der auch veröffentlicht worden sei.

Im Zuge der genannten Gespräche mit den Eigentümern sei im Bauamt auch über eine Nachnutzung für die Getränkemarkt-Räume gesprochen worden. Kastner sei mit seiner Vermieterin auf die Gemeinde zugekommen, ob diese selbst Interesse an einer Nachnutzung habe. Dabei habe man sich auch Gedanken gemacht, wo der Getränkemarkt anderswo in Schwaikheim untergebracht werden könnte. Die Idee mit dem alten Netto-Standort sei aber nicht von der Gemeinde gekommen. Dass der nicht geeignet sei, liege auf der Hand.

Überhaupt sei es „oberstes Interesse“ der Gemeinde, Ladengeschäft im Ort zu halten und Leerstände zu vermeiden, so Astrid Loff weiter. Für die Getränkemarkt-Räume habe man Ideen vorgetragen, die allesamt keine Geheimnisse seien. Es sei bekannt, dass sie sich die Ortsbücherei in der Ortsmitte wünsche, das müsse aber nicht an dieser Stelle sein. Ebenso, dass die Polizei auf der Suche nach einem anderen Standort für ihren Posten sei. Außerdem seien die Räume der alten Post hinter dem Getränkemarkt möglicherweise geeignet für Kinderbetreuung durch Tagesmütter.

Am Dienstagmorgen deutet noch nichts beim Getränkemarkt Kastner an der Ludwigsburger Straße darauf hin, dass er in wenigen Tagen, am Samstag, zum letzten Mal geöffnet hat. Weder ist noch wird ausgeräumt, noch verkündet irgendwo ein Aushang, dass es mit dem Standort zu Ende geht. Stattdessen wird draußen nach wie vor mit dem Slogan „Fahr mit mir den Mehrweg“ geworben und darüber informiert, dass kein Einwegleergut angenommen wird.

Die Entscheidung zur Schließung sei ja erst gerade und

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